The 69 Eyes (FI) – I Survive
Totgesagte leben länger – und Vampire ohnehin. Seit ihrer Gründung im Jahr 1989 haben sich The 69 Eyes vom
Totgesagte leben länger – und Vampire ohnehin. Seit ihrer Gründung im Jahr 1989 haben sich The 69 Eyes vom schmutzigen Sleaze Rock der Helsinkier Clubs zu einer der markantesten Gothic-Rock-Bands Europas entwickelt. Dreizehn Studioalben, unzählige Tourneen und eine seit Jahrzehnten stabile Besetzung später müssen die sogenannten Helsinki Vampires niemandem mehr beweisen, dass sie überleben können. Trotzdem trägt ihre neue EP den kämpferischen Titel „I Survive“. Vier Songs lang treffen dunkler Goth Rock, klassischer Glam/Hard Rock und staubiger Biker-Sound auf prominente Gitarrengäste. Neben Steve Stevens, bekannt durch Billy Idol und den „Top Gun Anthem“, tritt auch der frühere Monster Magnet-Gitarrist Ed Mundell ins Scheinwerferlicht.
Überleben mit offenem Visier
Der Titeltrack „I Survive“ marschiert ohne lange Vorwarnung durch die Tür. Ein kompakter Rhythmus, ein sofort greifbarer Refrain und die unverkennbare Baritonstimme von Jyrki 69 bringen jenen Gothic-Glam-Sound zurück, den die Band vor allem auf Alben wie „Back in Blood“ besonders offensiv auslebte. Statt sich in tiefschwarzer Schwermut zu verlieren, setzen The 69 Eyes auf Bewegung, Haltung und einen Refrain, der bereits beim zweiten Durchlauf im Kopf sitzt. Steve Stevens liefert dazu keine selbstverliebte Gastvorstellung, sondern integriert sein schillerndes, leicht futuristisches Gitarrenspiel bemerkenswert organisch in den Song.
Die Nummer klingt zugleich vertraut und erstaunlich frisch. Bazie und Timo-Timo bauen ein stabiles Gitarrenfundament, während Archzie und Jussi 69 den Song mit trockenem Druck vorantreiben. Das ist keine musikalische Neuerfindung, aber eine ausgesprochen effektive Rückbesinnung auf die Qualitäten, mit denen sich die Band ihren Ruf erarbeitet hat: dunkle Melodien, cooler Glamour und ausreichend Rock ’n’ Roll, um die Sonnenbrille auch nach Mitternacht noch rechtfertigen zu können.
Ein Klassiker im Vampirlicht
Mit „Cold Sweat“ widmen sich die Finnen einem der härtesten und prägnantesten Songs aus der späteren Phase von Thin Lizzy. Das 1983 veröffentlichte Original lebt von seinem messerscharfen Riff und der Gitarrenarbeit von John Sykes. Entsprechend riskant wäre es gewesen, die Nummer einfach nur möglichst originalgetreu nachzuspielen. The 69 Eyes drücken dem Klassiker jedoch ihren eigenen Stempel auf, ohne dessen Substanz zu beschädigen.
Die Gitarren bleiben dominant, werden aber von einer dunkleren, kompakteren Produktion eingefasst. Jyrki 69 singt den Song nicht mit der geschmeidigen Lässigkeit von Phil Lynott, sondern mit seiner gewohnt tiefen, beinahe stoischen Präsenz. Dadurch bekommt „Cold Sweat“ einen anderen Charakter: weniger nächtliche Straßenecke in Dublin, mehr neonbeleuchteter Rockclub in Helsinki. Die Interpretation ist weder radikal noch überraschend, funktioniert aber gerade deshalb so gut, weil die Band den Kern des Originals respektiert und trotzdem unverkennbar nach sich selbst klingt.
Biker-Rock aus der Gruft
„In The Misery“ reduziert den Glamour und lässt stattdessen den Asphalt unter den Stiefeln knirschen. Der bereits 2009 in Los Angeles mit Produzent Matt Hyde aufgenommene Song trägt den Geist des damaligen Biker-Rock-Revivals deutlich in sich. Das Riff liegt tief, das Schlagzeug stampft gleichmäßig voran und über allem schwebt ein Refrain, der seine Wirkung weniger durch einen sofortigen Ohrwurm als durch seine düstere Beharrlichkeit entfaltet.
Gerade hier zeigt sich, wie gut die klassische Rollenverteilung innerhalb der Band noch immer funktioniert. Jussi 69 spielt geradlinig, aber mit dem nötigen Nachdruck, Archzie hält das Fundament schwer und beweglich, während Bazie und Timo-Timo zwischen breiten Akkorden und kreischenden Akzenten wechseln. Im direkten Vergleich zu den ersten beiden Tracks braucht „In The Misery“ etwas länger, bis er sich festsetzt. Dafür wächst die Nummer mit jedem Durchlauf und entwickelt eine angenehm schmutzige Clubatmosphäre.
Die Rose mit den schweren Dornen
Zum Abschluss zieht „Devil’s Rose“ das Tempo wieder etwas an. Der Song verbindet den dunklen Rock ’n’ Roll der Band mit einer erdigen Garage- und Stoner-Kante. Dafür ist vor allem Ed Mundell verantwortlich, dessen Gitarrenspiel der Nummer eine bluesige Schwere und eine leicht psychedelische Färbung gibt. Sein Beitrag klingt nicht wie nachträglich aufgeklebter Prominentenbonus, sondern wie ein natürlicher Bestandteil des Arrangements.
Der Refrain bleibt zunächst etwas unscheinbarer als beim Titeltrack, entwickelt mit seiner lässigen Wiederholung aber schnell einen eigenen Reiz. Jyrki 69 klingt hier besonders entspannt und gefährlich zugleich, während die Rhythmusgruppe unbeirrt unter ihm weiterrollt. Als Abschluss funktioniert „Devil’s Rose“ deshalb hervorragend: Der Song beendet die EP nicht mit einer großen Geste, sondern fährt mit laufendem Motor in die Nacht hinaus.
Vier Songs, zwei Produktionswelten
Dass „I Survive“ aus zwei unterschiedlichen Produktionsblöcken besteht, ist hörbar. Der Titeltrack und „Cold Sweat“ wurden von Erno Laitinen produziert und von Barry Pointer gemischt. Sie klingen glänzender, unmittelbarer und stärker auf moderne Rockradios zugeschnitten. „In The Misery“ und „Devil’s Rose“ tragen durch die Arbeit von Matt Hyde dagegen mehr Schmutz, Tiefe und amerikanische Biker-Rock-Schwere in sich.
Das sorgt zwar für leichte klangliche Brüche, macht die EP aber auch abwechslungsreicher. Vollständig geschlossen wirkt das Material dadurch nicht. Vielmehr erscheint „I Survive“ wie eine sorgfältig kuratierte Standortbestimmung, die neue Aufnahmen, einen Klassiker und wertvolle Stücke aus dem Archiv miteinander verbindet. Bei gerade einmal gut 14 Minuten Laufzeit ist der Spuk allerdings fast schon wieder vorbei, sobald er richtig begonnen hat.
Unser Fazit
Mit „I Survive“ legen The 69 Eyes keine revolutionäre Neuerfindung ihres Gothic Rock vor. Das müssen sie nach fast vier Jahrzehnten aber auch nicht mehr. Stattdessen liefert die Band vier kompakte Songs, die ihre unterschiedlichen Seiten erstaunlich präzise abbilden: den glamourösen Hard Rock des Titeltracks, die traditionsbewusste Thin Lizzy-Hommage, den schweren Biker-Groove von „In The Misery“ und den dreckigen Stoner-Einschlag von „Devil’s Rose“.
Die beiden ersten Stücke besitzen die stärkeren unmittelbaren Hooks, während die zweite Hälfte etwas mehr Zeit benötigt und dafür zunehmend an Charakter gewinnt. Das Ergebnis ist kurz, cool und erfreulich frei von unnötigem Ballast. Nur ein oder zwei zusätzliche neue Songs hätten aus diesem gelungenen Lebenszeichen eine wirklich gewichtige Veröffentlichung machen können. So bleibt eine scharf geschnittene EP, die beweist, dass die Helsinki Vampires noch lange nicht bereit sind, bei Tageslicht zu Staub zu zerfallen.
Wertung: 4 von 5 Punkten

Trackliste
- I Survive feat. Steve Stevens [03:53]
- Cold Sweat [03:10]
- In The Misery [03:36]
- Devil’s Rose feat. Ed Mundell [03:25]
Credits
Interpret: The 69 Eyes
Titel: I Survive
Herkunft: Helsinki, Finnland
Format: EP
VÖ: 5. Juni 2026
Genre: Gothic Rock | Dark Rock | Hard Rock | Glam Rock
Label: BLKIIBLK
Spielzeit: 14:04 Minuten
Besetzung
Jyrki 69 – Vocals
Bazie – Gitarre & Backing Vocals
Timo-Timo – Gitarre
Archzie – Bass & Backing Vocals
Jussi 69 – Drums
Gastmusiker
Steve Stevens – Gitarre auf „I Survive“
Ed Mundell – Gitarre auf „Devil’s Rose“
Johnny Lee Michaels – Keyboards & Backing Vocals auf „Devil’s Rose“
Kimmo Härmä – Backing Vocals
James-Paul Luna – Backing Vocals auf „In The Misery“
Jasse Salonen – Backing Vocals auf „Devil’s Rose“
Produktion
Erno Laitinen – Produktion und Recording auf „I Survive“ und „Cold Sweat“
Barry Pointer – Mixing auf „I Survive“ und „Cold Sweat“
Howie Weinberg – Mastering auf „I Survive“ und „Cold Sweat“
Matt Hyde – Produktion, Recording und Mixing auf „In The Misery“ und „Devil’s Rose“
Johnny Lee Michaels – zusätzliche Produktion und Arrangement auf „Devil’s Rose“
Chris Rakestraw – Assistant Engineer
Svante Forsbäck – Mastering auf „In The Misery“ und „Devil’s Rose“
Marek Sabogal – Fotografie
Rami Mursula – Design



