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Vitrifier (CAN) – Ioculator Mortis

Wenn es im Deathgrind ein Album gibt, das zugleich wie ein Presslufthammer ins Genick fährt und dabei breit grinsend

Vitrifier (CAN) – Ioculator Mortis

Wenn es im Deathgrind ein Album gibt, das zugleich wie ein Presslufthammer ins Genick fährt und dabei breit grinsend den eigenen Wahnsinn kommentiert, dann ist es „Ioculator Mortis“ von Vitrifier. Das kanadische Duo aus Alberta, bestehend aus Steve Peck und Eric Siemens, liefert hier kein freundliches Beiwerk zum friedlich-fröhlichen Kaffeeklatsch, sondern eine 20 Songs starke Abrissbirne zwischen Grindcore, Death Metal und Deathcore. Brutal, absurd, technisch erstaunlich kontrolliert und mit einem Humor ausgestattet, der irgendwo zwischen Cartoon-Gewalt, Popkultur-Parodie und völlig entgleister Splatter-Fantasie wohnt. Vitrifier klingen, als würde man von einem Presslufthammer verprügelt werden und sich dabei ertappen, wie man lacht.

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Hört hier das brachiale Werk „Ioculator Mortis“ von Vitrifier

Deathgrind mit Abrissbirne und Grinsen

Schon „Generic Metal Band“ macht klar, dass Vitrifier ihre eigene Szene mit Genuss durch den Fleischwolf drehen. Nach einem kurzen Spoken-Word-Moment bricht der Song los wie eine schlecht gelaunte Bühnencrew nach der dritten Umbaupause. Inhaltlich geht es um die Karikatur einer hoffnungslos chaotischen Metal-Band: verstimmte Instrumente, Timing-Probleme, verpeilte Musiker und der bittere Gedanke, ob Jazz vielleicht doch die gesündere Lebensentscheidung gewesen wäre. Musikalisch ist das aber alles andere als planloser Krach. Die Doublebass-Drums rasen, die Gitarren sägen mit kontrollierter Härte, und der Bass setzt ein sattes Fundament, das den Staub aus den Boxen bläst.

„Past the Gates“ beginnt mit einem fast idyllischen Gitarrenmoment, bevor Vitrifier den Hörer in ein Inferno stoßen, das deutlich von klassischer Höllenfahrt-Symbolik geprägt ist. Der Text wirkt wie ein grotesker Marsch durch Verdammnis, Angst und Führung durch finstere Sphären, während die Musik mit präziser Gitarrenarbeit, gnadenlosem Drumbeat und kompromissloser Deathgrind-Maschine alles niederwalzt. „Gorilla with an Anvil“ setzt danach auf cartoonhafte Gewaltfantasie: Ein betrogener Schmied rächt sich an knausrigen Helden, was natürlich herrlich bescheuert klingt, aber rhythmisch erstaunlich punktgenau umgesetzt wird. Bei „Exploding Cars Taste Delicious“ steigert sich der Unsinn endgültig ins Monströse. Die Nummer verwandelt Autohass in eine bizarre Fressorgie aus Blech, Markenklischees und absurd körperlichem Slapstick. Dass so etwas funktioniert, liegt an der sauberen Komposition: Die Band dosiert Chaos, Breaks und Groove so geschickt, dass jeder Treffer sitzt.

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Schaut hier den Clip zu Gorilla With A Anvil

Groteske Miniaturen aus Fleisch, Popkultur und Wahnsinn

Der Humor von Vitrifier ist nicht subtil, aber er ist treffsicher. „Mr. Bean Versus Adolf Hitler“ macht aus britischem Slapstick eine völlig überdrehte Kriegsfantasie, in der Albernheit und Exploitation-Kino frontal kollidieren. Musikalisch arbeitet der Song mit energischen Riffs, theatralisch wirkenden Leads und progressiver Rhythmik, die beweist, dass diese Band auch dann komponiert, wenn sie scheinbar nur auf alles einschlägt. „Forged in the Fires of a Costco“ erhebt den Hotdog zur mythischen Waffe und parodiert Fantasy-Pathos, Konsumkultur und Einzelhandelskriege mit herrlich stumpfer Grandezza. „Laptop in a Toilet“ wiederum ist der Albtraum jedes Menschen, der schon einmal am liebsten sein streikendes Arbeitsgerät aus dem Fenster geworfen hätte. Hier wird Technikfrust zur Katastrophenkomödie, inklusive existenzieller Verzweiflung über einen sehr ungünstig versenkten Rechner.

Auch die weiteren Absurditäten treffen hart. „Yog Sothoth Gets Cancelled by Snowflakes on Twitter for Oversharing“ nimmt Online-Kultur, Influencer-Mechaniken und digitale Empörungsspiralen aufs Korn, indem ein kosmisches Wesen an Social Media zerbricht. „Bill Nye the Fight Club Guy“ vermischt Wissenschaftsfernsehen mit nihilistischer Prügelclub-Philosophie und funktioniert gerade deshalb so gut, weil die Band den Blödsinn mit maximalem Ernst vorträgt. „Dora the Deadite“ wirkt wie ein Popkultur-Crossover aus Abenteuerfernsehen, Dämonenhorror und Kettensägen-Ikonografie, kurz, grell und effektiv. Vitrifier zeigen dabei immer wieder, dass sie ihre Pointen nicht nur textlich setzen, sondern musikalisch mit abrupten Wechseln, knallharten Breakdowns und präzisem Timing verschärfen.

Wenn die Abrissbirne Taktgefühl hat

Bei aller Albernheit wäre „Ioculator Mortis“ nur halb so stark, wenn das Sounddesign nicht so durchdacht wäre. Die Produktion von Steve Peck ist massiv, aber nicht matschig. Drums und Bass programmieren nicht bloß ein Tempo-Massaker, sondern treiben die Songs mit Druck, Präzision und nachvollziehbarer Dynamik voran. Die Gitarren arbeiten tief, scharf und häufig überraschend variabel, während Eric Siemens mit seinem monströsen Gesang genau die dämonische Präsenz liefert, die dieses Material braucht. „Drunk Driving in the Key of D Minor“ verdreht musikalische Selbstüberschätzung zu einer bitteren Warnsatire über Verantwortungslosigkeit, während die D-Moll-Schwere des Songs den schwarzen Humor effektiv unterfüttert. „Swift Vengeance“ beginnt fast trügerisch ruhig, entwickelt sich dann aber zu einer Kult-Horror-Groteske über Pop-Anbetung, Fanatismus und monströse Projektion.

Vitrifier – Vitrifier Gepostet auf Wunsch der Band

„Streaming Hit“ spielt mit überdrehter Männlichkeitskarikatur, Jobfrust und destruktiver Selbstinszenierung, während „Conan the Barbarian Punching Animals at the Petting Zoo“ seine entrüstungsfreundliche Prämisse so überzeichnet, dass sie als absurde Barbaren-Farce lesbar wird. „The Brown Willy Massacre“ setzt auf primitiven Berg-Irrsinn und Felssturz-Humor, „Edward Liquor Hands“ passt schon vom Titel her perfekt in diese Welt aus Kontrollverlust und schlechter Idee. Besonders stark fällt „A Fan’s Open Love Letter to David Howard Thornton“ aus: Der Song kippt Fanliebe in Stalker-Horror und zeigt, wie schnell Verehrung in Beklemmung umschlagen kann. Dass diese Miniaturen trotz kurzer Laufzeiten hängen bleiben, spricht für die kompositorische Fähigkeit des Duos.

Das Finale fährt die Klinge aus

Mit „Krieg Feud“ öffnen Vitrifier kurz eine andere Tür. Der Synthesizer-Einstieg klingt nach düsterem 80er-B-Movie, fast nightmare-like, bevor sich melancholische Leads, satte Bässe und eine schwerere Gangart durchsetzen. Inhaltlich geht es um mediale Verrohung, Fremdscham und das Gefühl, von niederem Entertainment psychisch zermürbt zu werden. Hier zeigt die Band, dass sie nicht nur aufs Schnitzel kloppen kann, sondern Atmosphäre und dramaturgischen Aufbau beherrscht. Zum Abschluss setzt „Nightmare on Sesame Street 2: Elmo’s Revenge“ noch einmal alles auf Kopfkino: Kindheitsikone trifft Slasher-Albtraum, Elmo wird zur roten Gottheit der Nacht, und die Musik liefert dazu ein Finale aus Deathcore-Wucht, Grindcore-Biss und schwarzhumoriger Eskalation.

„Ioculator Mortis“ ist damit ein Album, das seine extreme Komik nicht als Ausrede benutzt, sondern als zusätzlichen Verstärker. Die Songs sind kurz, scharf und auf den Punkt gebracht, aber nie beliebig zusammengeprügelt. Vitrifier verbessern hörbar Songwriting, Mix und Performance, ohne ihren Sinn für das Lächerliche zu verlieren. Das Ergebnis ist ein brutales, präzises und erstaunlich unterhaltsames Werk, das Fans von Misery Index, Whitechapel, Dying Fetus, Raised by Owls oder auch extrem absurdem Grind-Humor definitiv antesten sollten.

Unser Fazit:

Vitrifier liefern mit „Ioculator Mortis“ ein herrlich gestörtes, technisch überzeugendes und gnadenlos druckvolles Deathgrind-Album ab. Der Humor ist schwarz, laut und bewusst geschmacklos überzeichnet, doch unter der grellen Oberfläche steckt ein erstaunlich präzise gebautes Werk. Sounddesign, Komposition und Performance greifen stark ineinander, die Breaks sitzen, die Riffs haben Biss, und die Vocals klingen wie der passende Dämon zur jeweiligen Wahnsinnsidee. Wer Grindcore mit absurdem Popkultur-Horror, sattem Deathcore-Druck und kontrolliertem Chaos mag, bekommt hier 36 Minuten und 25 Sekunden gepflegte Genickprobleme mit Dauergrinsen.

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