Bob Marley & The Wailers (JA) – Roots, Rock, Reggae: Live At The Hammersmith Odeon
Es gibt Livealben, die ein Konzert dokumentieren. Und es gibt Livealben, die einen direkt in den Saal versetzen. „Roots,
Es gibt Livealben, die ein Konzert dokumentieren. Und es gibt Livealben, die einen direkt in den Saal versetzen. „Roots, Rock, Reggae: Live At The Hammersmith Odeon“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Das am 28. August 2026 erscheinende, bisher unveröffentlichte Konzertalbum von Bob Marley & The Wailers hält die vier legendären Londoner Auftritte vom 15. bis 18. Juni 1976 fest – und liefert damit nicht nur ein wichtiges Archivdokument, sondern ein elektrisierendes Stück Musikgeschichte.
Damals war die Band endgültig auf dem Weg vom gefeierten Reggae-Act zur internationalen Größe. Die Konzerte im Hammersmith Odeon waren ein gewagter Schritt: Die Ticketzahl war fünfmal höher als bei einer üblichen Wailers-Show. Doch das Risiko zahlte sich aus. Das Haus war ausverkauft, und Bob Marley und seine Band nutzten die große Bühne mit einer Mischung aus Disziplin, Leidenschaft und absoluter Spielfreude. Marley war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur ein Hoffnungsträger – sein großer Moment war gekommen.
Das neue Album umfasst 18 Titel, die aus den ursprünglichen Multitrack-Aufnahmen neu abgemischt wurden. Statt sich auf einen einzigen Abend zu beschränken, versammelt die Veröffentlichung die besten Darbietungen jedes Songs aus allen vier Konzerten. Das ist eine kluge Entscheidung: Die Zusammenstellung wirkt geschlossen und dramaturgisch stimmig, ohne den Eindruck einer künstlich geglätteten Rückschau zu erwecken. Im Gegenteil – gerade die kleinen Unterschiede, die spontane Energie und das Gefühl, dass sich die Band jeden Abend neu gefunden hat, machen den Reiz aus. Schon der Einstieg macht klar, worauf man sich einlässt: Hier wird nicht einfach ein Hitprogramm abgespult. Die Wailers spielen mit enormem Druck, aber nie hektisch. Der Rhythmus sitzt, die Basslinien federn tief durch den Raum, und über allem thront Marleys unverwechselbare Stimme – manchmal rau und angriffslustig, dann wieder beinahe beschwörend. Die Musik klingt gleichzeitig politisch, spirituell und körperlich. Man kann sich ihr kaum entziehen.
Zu den besonderen Momenten gehört „Bend Down Low“, das nur am letzten Abend der Konzertreihe gespielt wurde. Die Nummer wirkt wie ein kleines Geschenk an das Londoner Publikum und zeigt eine verspieltere Seite des Abends. Noch beeindruckender ist die ausgedehnte Version von „Crazy Baldhead“. Der Song erhält hier deutlich mehr Raum als in vielen bekannten Liveinterpretationen. Die Band baut Spannung auf, lässt den Groove arbeiten und verwandelt den Titel in eine wuchtige, beinahe hypnotische Anklage. Auch „Lively Up Yourself“ gewinnt in dieser Zusammenstellung an Gewicht. Die improvisierte, basslastige Interpretation klingt locker, aber keineswegs beliebig. Man hört, wie sicher die Musiker miteinander kommunizieren. Jeder Einsatz wirkt präzise, und trotzdem bleibt genügend Luft für spontane Wendungen. Genau diese Balance zwischen Kontrolle und Freiheit ist eine der großen Stärken des Albums.
Der Höhepunkt kommt am Ende: eine rund 30-minütige Zugabe, in der sich Feier und politischer Nachdruck verbinden. „War“ trifft mit unverminderter Härte, während das intensive, zwölfminütige „Get Up, Stand Up“ den Abend in einen gemeinsamen Appell verwandelt. Marley ruft zum Tanzen auf, aber ebenso zur Einheit und zum Widerstand. Die Botschaft wirkt nicht aufgesetzt, sondern entsteht direkt aus dem Groove heraus. Das Publikum wird nicht bloß unterhalten – es wird Teil des Ereignisses.
Don Letts beschreibt die Atmosphäre in seinem neuen Essay als „a theatre full of people suddenly sharing the same heartbeat“. Treffender kann man diese Aufnahme kaum zusammenfassen. Auch Chris Salewicz’ Einschätzung, das Ereignis sei einfach „off the hook“ gewesen und Marley habe „gerockt“, trifft den Kern. Die Band klingt hungrig, obwohl sie bereits deutlich an Bekanntheit gewonnen hatte. Gleichzeitig spürt man, dass sich hier ein entscheidender Karrieremoment abspielte: „Rastaman Vibration“ sollte wenig später Marleys erstes US-Top-10-Album werden.
Die Veröffentlichung ist zudem liebevoll gestaltet. Neben der Musik gibt es Konzertfotos, bedruckte Innenhüllen und ein besonderes Cover, das sich zunächst wie ein seitliches Porträt präsentiert und zu einem Ganzkörperbild Marleys in voller Performance-Trance ausklappen lässt. Erhältlich ist das Album als 180-Gramm-Doppel-LP, 2-CD-Set, digital und im Stream; sofern verfügbar, ergänzt ein Atmos-Mix das Angebot um ein besonders räumliches Hörerlebnis.
Fazit: „Roots, Rock, Reggae: Live At The Hammersmith Odeon“ ist damit weit mehr als eine weitere Marley-Veröffentlichung. Für Fans schließt es eine wichtige Lücke in der Diskografie. Für Neueinsteiger bietet es einen unmittelbaren Zugang zu einem Künstler, dessen Musik gleichermaßen zum Tanzen, Nachdenken und Mitfühlen einlädt. Ein starkes, mitreißendes Livealbum – und ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie Bob Marley & The Wailers 1976 einen ganzen Saal in denselben Herzschlag versetzten.
- Introduction (0:28)
- Trenchtown Rock (4:08)
- Burnin’ and Lootin’ (4:31)
- Them Belly Full (But We Hungry) (3:18)
- Rebel Music (3 O’Clock Roadblock) (4:58)
- I Shot the Sheriff (4:11)
- Crazy Baldhead (6:05)
- Bend Down Low (4:10)
- Want More (6:38)
- No Woman, No Cry (6:09)
- Lively Up Yourself (7:47)
- Roots, Rock, Reggae (5:29)
- Encore Introduction (0:30)
- Positive Vibration (3:35)
- Rat Race (6:45)
- War (4:16)
- No More Trouble (2:21)
- Get Up, Stand Up (12:15)
Label: Tuff Gong/Island Records/Universal Music Entertainment
VÖ: 28.08.2026
Laufzeit: 87:03 Min.
Herkunft: Jamaika
Stil: Reggae



