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Leatherwitch (PL) First Spell

Manche Debüts kommen aus dem Nichts. Andere tragen eine ganze Historie im Rücken, schütteln sie einmal kräftig ab und

Leatherwitch (PL) First Spell

Manche Debüts kommen aus dem Nichts. Andere tragen eine ganze Historie im Rücken, schütteln sie einmal kräftig ab und gehen dann mit erhobenem Haupt in die nächste Schlacht. Leatherwitch gehören eindeutig zur zweiten Kategorie. Hinter dem Namen steht Marta Gabriel, vielen bekannt als Stimme, Gesicht und kreative Triebkraft von Crystal Viper. Nach dem Ende dieser Band schlägt sie mit „First Spell“ kein zaghaftes neues Kapitel auf, sondern rammt die Fahne direkt in den Boden: klassischer Heavy Metal, kerniger Speed Metal, eine deutliche Achtziger-Schlagseite und genug Eigenwillen, um nicht als bloße Nostalgieübung durchzugehen. Dieses Album klingt nicht nach Rückzug, sondern nach Befreiung.

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Hört hier den Song „Heroes And The Dice“

Dabei ist „First Spell“ alles andere als lediglich ein Neustart unter anderem Namen. Crystal Viper haben über Jahre hinweg international Spuren hinterlassen, auf großen Bühnen gespielt und sich mit traditionellem Heavy Metal, Power Metal und Horror-/Fantasy-Themen eine treue Anhängerschaft erarbeitet. Mit Leatherwitch bündelt Marta Gabriel nun vieles davon, wirft aber Ballast ab. Statt größer, symphonischer oder moderner zu werden, geht es zurück zum Kern: Riffs, Stimme, Energie, Hooks und diese unsterbliche Magie, die entsteht, wenn Heavy Metal nicht verwaltet, sondern gelebt wird. „First Spell“ ist deshalb tatsächlich ein passender Titel. Es ist der erste Zauber einer neuen Figur, aber gewirkt von einer Musikerin, die längst weiß, wie man Stahl, Leder und Melodie in Form bringt.

Der erste Zauber zündet sofort

Der Auftakt „Heroes And The Dice“ macht sofort klar, wohin die Reise geht. Das Stück ist kein übervorsichtiges Herantasten, sondern ein hymnischer Einstieg mit Fantasy-Charme, Spielfreude und klassischem Heavy-Metal-Puls. Inhaltlich richtet sich der Song an Fans von D&D, Rollenspielen und Brettspielwelten. Das klingt auf dem Papier vielleicht verspielt, wird von Leatherwitch aber nicht verniedlicht. Stattdessen entsteht eine kraftvolle Metal-Erzählung über Abenteuerlust, Zufall, Heldentum und den Moment, in dem ein Würfelwurf über Sieg, Niederlage oder Legendenbildung entscheidet.

Musikalisch spielt Marta Gabriel ihre Erfahrung voll aus. Ihre Stimme besitzt genau jene Mischung aus Kraft, Melodie und Biss, die traditioneller Heavy Metal braucht. Sie klingt nicht glattgebügelt, sondern lebendig. Besonders stark ist, wie sie die Hookline trägt: groß genug für die Bühne, aber nicht künstlich aufgeblasen. Auch instrumental zeigt sie, dass Leatherwitch kein Nebenprojekt mit halber Kraft ist. Die Gitarrenarbeit ist sauber auf den Punkt gebracht, die Riffs haben Biss, der Bass hält den Song kompakt zusammen, und das Schlagzeug treibt geradlinig nach vorne. Wenn man bedenkt, dass Marta Gabriel hier Gesang, Gitarre, Bass und Drums selbst übernimmt, wirkt „Heroes And The Dice“ erstaunlich geschlossen. Nichts klingt nach zusammengestückeltem Solo-Experiment, alles klingt nach Band.

Mit „Beast Inside“ folgt der Song, der den Charakter des Albums besonders deutlich ausstellt. Hier trifft klassisches Speed-Metal-Riffing auf Gothic-Horror-Atmosphäre. Textlich geht es um eine Werwolf-Geschichte, also um das Tier im Menschen, um Kontrollverlust, Verwandlung und die dunkle Seite, die unter der Oberfläche lauert. Das ist Heavy Metal in Reinform: plakativ genug, um sofort Bilder zu erzeugen, aber stark genug, um mehr zu sein als bloßer Grusel-Kitsch. Marta Gabriel singt das nicht wie eine Erzählerin am Lagerfeuer, sondern wie jemand, der mitten in der Verwandlung steht.

Gerade hier überzeugt auch die instrumentale Leistung. Die Rhythmik hämmert, ohne stumpf zu werden, die Gitarren setzen klare Attacken, und die Produktion lässt genügend Rauheit stehen. Bart Gabriel sorgt als Produzent und Mastering-Verantwortlicher für einen Sound, der drückt, aber nicht steril wirkt. Der Mix von Olof Wikstrand hält die Balance zwischen traditioneller Wärme und moderner Durchsetzungskraft. Besonders das Gitarrensolo von Giuseppe Taormina fügt sich organisch ein: technisch sauber, melodisch scharf und nicht eine Sekunde länger als nötig. Genau so funktionieren Gastbeiträge im Metal. Sie sollen den Song veredeln, nicht die Hauptfigur verdrängen.

Nacht, Freiheit und silberne Hufe

„Bound By The Night“ rückt die dunklere Seite von Leatherwitch stärker in den Vordergrund. Schon der Titel öffnet einen klassischen Heavy-Metal-Raum: Nacht als Schutzraum, Nacht als Versuchung, Nacht als Schwur. Man kann den Song als Bild für jene Menschen lesen, die sich nicht im Tageslicht der Normen definieren, sondern dort aufblühen, wo andere Unsicherheit empfinden. Genau in dieser Lesart gewinnt „First Spell“ an Tiefe. Die Texte des Albums bilden kein geschlossenes Konzept, wirken aber wie einzelne Geschichten, die zwischen persönlicher Symbolik, Horror, Fantasy und Metal-Mythologie pendeln.

Musikalisch dürfte „Bound By The Night“ besonders dort punkten, wo Heavy Metal riffbetont und atmosphärisch zugleich sein darf. Die Gitarren von Marta Gabriel setzen nicht auf moderne Überladung, sondern auf klassische Linienführung. Das ist handwerklich stark, weil es den Song atmen lässt. Auch der Bass wirkt nicht wie eine bloße Pflichtspur, sondern gibt dem Material Körper. Bei vielen Solo-Projekten merkt man, dass einzelne Instrumente nur funktional bedient werden. Bei Leatherwitch klingt das anders: Marta Gabriel denkt die Songs als komplette Metal-Kompositionen, nicht als Gesangsdemos mit Begleitung.

„Silver Stallions“ bringt anschließend jene epische Bildsprache ins Spiel, die schon das Cover von „First Spell“ prägt. Silberne Hengste, Mondlicht, Magie, Geschwindigkeit und Aufbruch: Das sind Motive, die im klassischen Heavy Metal seit Jahrzehnten funktionieren, wenn man sie mit Überzeugung spielt. Und genau das scheint hier der entscheidende Punkt zu sein. Leatherwitch vermeiden den Fehler, solche Bilder ironisch zu brechen. Die Platte meint ihre Welt ernst. Das darf man ruhig als Stärke werten, denn Heavy Metal lebt von Überhöhung. Nicht alles muss alltäglich sein. Manchmal braucht es eben Pferde im Mondlicht, Leder, Blitze und eine Flying-V-Gitarre, damit die Sache stimmt.

Zwischen Fast Lane und Neuanfang

„Living In The Fast Lane“ greift ein Motiv auf, das tief in der DNA des Hard Rock und Heavy Metal steckt: Geschwindigkeit als Lebensgefühl. Der Titel klingt nach Asphalt, Adrenalin, Bühnenlicht und der Weigerung, langsamer zu werden, nur weil andere es vernünftig fänden. Im Kontext von Leatherwitch bekommt das Stück eine zusätzliche Ebene. Nach dem Ende von Crystal Viper wirkt diese Musik nicht wie ein Rückblick auf vergangene Erfolge, sondern wie der bewusste Schritt nach vorne. Marta Gabriel fährt nicht auf Sicht, sie gibt Gas.

Das Herzstück des Albums dürfte jedoch „The New Beginning“ sein. Mit über sieben Minuten ist der Song der längste Track der Platte und trägt schon im Titel das zentrale Thema dieser neuen Phase. Hier lässt sich die Historie kaum ausblenden. Crystal Viper waren für Marta Gabriel nicht nur irgendeine Band, sondern ein Lebenskapitel. Wenn nun ein Song „The New Beginning“ heißt, dann klingt das zwangsläufig nach Abschied, Selbstbehauptung und Neubestimmung. Wichtig ist jedoch: Leatherwitch suhlen sich nicht in Sentimentalität. Der Neuanfang wird nicht weichgezeichnet, sondern metallisch geschmiedet.

Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie wichtig die gesangliche Leistung von Marta Gabriel für „First Spell“ ist. Sie besitzt die Fähigkeit, klassische Metal-Melodien mit Persönlichkeit zu füllen. Ihre Stimme kann antreiben, erzählen, beschwören und dominieren. Sie muss nicht permanent in höchste Höhen flüchten, um Eindruck zu machen. Viel stärker ist, dass sie genau weiß, wann ein Refrain groß werden darf und wann eine rauere Kante besser funktioniert. Das ist kein Zufall, sondern Erfahrung. Man hört, dass hier keine Newcomerin zufällig auf den richtigen Sound gestoßen ist, sondern eine Musikerin ihr nächstes Kapitel bewusst formt.

Stahl, Nacht und die Kunst der Reduktion

„Two Tons Of Steel“ trägt seinen Metal-Stammbaum bereits im Namen. Der Songtitel ist fast schon eine Kampfansage an jede Form von weichgespülter Rockmusik. Hier geht es um Gewicht, Druck und die klassische Vorstellung von Heavy Metal als geschmiedetem Material. Diese Nummer dürfte vor allem über ihre Direktheit funktionieren. Kein überkompliziertes Konzept, keine verkopfte Struktur, sondern die Frage: Trägt das Riff? Drückt der Rhythmus? Bleibt der Refrain hängen? Genau diese Fragen scheinen Leatherwitch auf „First Spell“ immer wieder mit Ja beantworten zu wollen.

Dass Marta Gabriel auch das Schlagzeug selbst eingespielt hat, ist dabei mehr als eine Randnotiz. Die Drums wirken in diesem Kontext nicht wie eine technische Machtdemonstration, sondern wie ein Werkzeug für Songs. Sie peitschen, stützen und treiben, ohne die Kompositionen zu erschlagen. Gerade im traditionellen Heavy Metal ist das entscheidend. Zu viel Virtuosität kann solche Musik ersticken. Leatherwitch setzen stattdessen auf Druck, Klarheit und Punch. Das passt hervorragend zur Ausrichtung des Albums: klassisch, aber nicht museal; roh, aber nicht schlampig; melodisch, aber nicht zahm.

Das abschließende „In The Middle Of The Night“ führt den Hörer noch einmal zurück in jene Dunkelheit, aus der diese Platte ihre Bilder zieht. Die Nacht ist auf „First Spell“ kein bloßes Ambiente, sondern ein wiederkehrender Ort der Verwandlung. Dort werden Helden gewürfelt, Bestien freigelassen, Schwüre geschlossen und Neuanfänge beschworen. Als Finale wirkt der Song daher wie ein letzter Blick in den Spiegel einer Musikerin, die sich nicht neu erfinden muss, um frisch zu klingen. Sie muss nur die Tür öffnen und den Zauber wirken lassen.

Die Bedeutung der Texte

Textlich ist „First Spell“ kein Konzeptalbum im engen Sinn. Vielmehr wirken die Songs wie einzelne Kurzgeschichten, in denen persönliche Erfahrungen, Symbolik, klassische Gothic-Horror-Motive, Fantasy und Heavy-Metal-Romantik nebeneinanderstehen. Genau das passt zu Leatherwitch. „Heroes And The Dice“ feiert Fantasie, Spiel und Eskapismus, ohne sich kindlich anzufühlen. „Beast Inside“ nutzt die Werwolf-Metapher, um Kontrollverlust, innere Dunkelheit und animalische Triebe greifbar zu machen. „The New Beginning“ lässt sich dagegen deutlich persönlicher lesen: als musikalische Markierung eines neuen Abschnitts nach dem Ende einer prägenden Bandgeschichte.

Die Stärke dieser Texte liegt nicht darin, dass sie alles erklären. Sie funktionieren vielmehr über Bilder. Würfel, Nacht, Bestie, Stahl, Geschwindigkeit, Silberhufe und Mitternacht sind keine zufälligen Schlagworte, sondern Bestandteile einer klassischen Metal-Welt. Marta Gabriel nutzt diese Motive nicht distanziert, sondern mit voller Überzeugung. Dadurch wirkt „First Spell“ wie ein Album, das seine eigene Mythologie aufbaut: halb persönlicher Neustart, halb Fantasy-Ritual, halb Liebeserklärung an den Heavy Metal. Ja, das sind rechnerisch drei Hälften. Aber genau so überlebensgroß darf diese Musik sein.

Unser Fazit

Leatherwitch liefern mit „First Spell“ ein Debüt ab, das sich nicht wie ein vorsichtiger Testballon anfühlt, sondern wie eine klare Ansage. Marta Gabriel zeigt eindrucksvoll, dass sie auch nach dem Ende von Crystal Viper nicht am Rand ihrer eigenen Geschichte steht, sondern mitten in der nächsten Angriffswelle. Ihre Leistung als Sängerin ist kraftvoll, variabel und absolut überzeugend. Als Gitarristin setzt sie auf eingängige, klassische Riffs mit ausreichend Biss. Am Bass hält sie das Material kompakt und druckvoll zusammen. An den Drums arbeitet sie songdienlich, direkt und mit genau jener Erdung, die dieses Album braucht. Giuseppe Taormina veredelt seinen Gastbeitrag mit einem Solo, das den Heavy-Metal-Charakter stärkt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

„First Spell“ ist kein Album für Leute, die Heavy Metal nur mit ironischer Distanz ertragen. Diese Platte glaubt an Leder, Riffs, Nacht, Magie, Horror, Stahl und große Refrains. Genau deshalb funktioniert sie. Leatherwitch klingen klassisch, aber nicht altbacken; traditionsbewusst, aber nicht gefangen; eingängig, aber nicht glatt. Als Debüt ist das bemerkenswert geschlossen und als Neubeginn beinahe programmatisch. Der Zauber ist gesprochen, die Hexe lebt, und der erste Bannkreis sitzt. 8 von 10 Punkten.

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