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Darkthrone (NO) Pre-Historic Metal

Was macht ein Albumtitel wie „Pre-Historic Metal“ eigentlich mit einer Band wie Darkthrone? Im Grunde beantwortet sich diese Frage

Darkthrone (NO) Pre-Historic Metal

Was macht ein Albumtitel wie „Pre-Historic Metal“ eigentlich mit einer Band wie Darkthrone? Im Grunde beantwortet sich diese Frage schon nach wenigen Takten selbst: Dieses Album ist kein nostalgisches Museumsstück, sondern ein rostiger Vorschlaghammer aus einer Zeit, in der Metal noch nach kaltem Proberaum, übersteuerten Amps und kompromissloser Haltung roch. Fenriz und Nocturno Culto kehren am 8. Mai 2026 mit einem Werk zurück, das den Geist der Siebziger und Achtziger beschwört, ihn aber nicht brav konserviert, sondern mit der typischen Darkthrone-Sturheit durch den Fleischwolf dreht. „Pre-Historic Metal“ ist roh, kantig, grantig und herrlich unmodern – ein Album, das sich nicht dafür interessiert, ob es in irgendeinen Algorithmus passt.

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Hört hier die YouTube-Art-Track-Playlist zu „Pre-Historic Metal“

Dabei geht es auf „Pre-Historic Metal“ weniger um reine Rückschau als um eine Standortbestimmung. Darkthrone waren nie eine Band, die ihre eigene Legende polieren musste. Stattdessen wirken sie auch hier wie zwei kauzige Schmiede, die tief in einer norwegischen Höhle sitzen und aus Heavy Metal, Black Metal, Thrash Metal und Doom Metal ein neues altes Monster zusammenhämmern. Die Gitarren sind laut, trocken und direkt im Gesicht, der Sound bleibt organisch und die Songs erscheinen kompakter als auf manch ausladenderem Spätwerk der Band. Genau darin liegt die Wucht dieser Platte: Darkthrone reduzieren, verdichten und lassen trotzdem genug Schmutz unter den Fingernägeln, um jede sterile Hochglanzproduktion alt aussehen zu lassen.

Aus der Höhle direkt ins Gesicht

Den Anfang macht „They Found One Of My Graves“, und schon hier wird klar: Darkthrone wollen diesmal nicht im Nebel verschwinden, sondern die Riffs mit kruder Entschlossenheit nach vorne schieben. Der Song wirkt wie ein verrosteter Graböffner, der sich durch kalte Erde und alte Knochen arbeitet. Die Gitarren walzen trocken und bissig, während der Rhythmus eine ungehobelte Energie entfaltet, die irgendwo zwischen schwarzem Untergrund, räudigem Thrash Metal und uraltem Heavy Metal sitzt. Das ist nicht schön im klassischen Sinne, aber genau darum so wirkungsvoll.

Bemerkenswert ist, wie kompakt „They Found One Of My Graves“ trotz seiner rohen Atmosphäre bleibt. Hier wird nicht unnötig gefaselt, hier wird gegraben. Darkthrone liefern keinen glatt gebügelten Einstieg, sondern einen Song, der nach feuchtem Keller, flackernder Glühbirne und modrigem Holz riecht. Gerade diese Direktheit verleiht dem Opener seine Stärke. Die Band klingt nicht, als wolle sie irgendjemandem noch etwas beweisen. Sie klingt eher, als hätte sie längst beschlossen, dass der Rest der Welt ihr egal sein darf.

Der Titeltrack als Programmerklärung

Mit „Pre-Historic Metal“ folgt das programmatische Herzstück des Albums. Der Titel klingt zunächst wie ein augenzwinkerndes Manifest, doch der Song selbst ist alles andere als bloße Selbstparodie. Darkthrone greifen tief in die Mottenkiste des alten Metal, ziehen aber keinen Staub, sondern Funken daraus. Der Track verbindet knochige Riffs, kauzige Gesangslinien und jene barbarische Eleganz, die nur diese Band so selbstverständlich aus dem Ärmel schüttelt. Zwischen Black-Metal-Schatten, Heavy-Metal-Tradition und finsterem Riff-Kult entsteht ein Stück, das den Albumtitel nicht erklärt, sondern verkörpert.

Gerade im Titeltrack zeigt sich, wie gut Darkthrone ihre eigene Sprache inzwischen beherrschen. Wo andere Bands beim Versuch, alt und authentisch zu klingen, schnell nach Kostümparty riechen, wirken Fenriz und Nocturno Culto absolut glaubwürdig. Das liegt nicht nur am Sound, sondern am inneren Trotz dieser Musik. „Pre-Historic Metal“ ist nicht retro, weil Retro gerade wieder funktioniert. Dieses Album klingt alt, weil Darkthrone diese DNA nie abgelegt haben.

Sibirische Kälte und tiefe Wurzeln

„Siberian Thaw“ zieht das Tempo nicht einfach nur an oder heraus, sondern öffnet den Klangraum des Albums. Der Titel lässt bereits eine frostige Landschaft erwarten, und musikalisch entsteht tatsächlich dieses Gefühl von langsam brechendem Eis. Die Riffs wirken schwer, aber nicht behäbig; sie kriechen, drücken und schieben sich mit einer fast archaischen Geduld nach vorne. Hier wird deutlich, dass Darkthrone auch 2026 nicht nur aus Trotz und Dreck bestehen, sondern sehr genau wissen, wie man Atmosphäre ohne künstlichen Bombast erzeugt.

Direkt danach macht „Deeply Rooted“ seinem Namen alle Ehre. Der Song steht tief im Boden des klassischen Metal, reißt seine Wurzeln aber nicht aus dem Black Metal, sondern lässt beide Stränge ineinanderwachsen. Das Ergebnis klingt ruppig, knorrig und angenehm uneitel. Keine sterile Virtuosität, kein aufgeblasener Stadiongestus, sondern Riff-Arbeit mit Dreckkante. Darkthrone funktionieren hier wie ein alter Motor, der beim Starten hustet, dann aber mit gefährlicher Zuverlässigkeit losstampft.

Trockene Brunnen und versunkene Reiche

„The Dry Wells Of Hell“ gehört zu jenen Titeln, bei denen schon die Überschrift nach klassischer Metal-Ikonografie schmeckt. Und genau diese Bildsprache findet sich auch in der Musik wieder: ausgedörrt, höllisch, staubig und von einer eigentümlichen Erhabenheit durchzogen. Der Song lebt von seinem zähen Druck. Er wirft nicht alles sofort in die Schlacht, sondern lässt seine Riffs wie schwere Steine in einen leeren Schacht fallen. Unten angekommen hallt es lange nach.

Mit „I Marched To The Sunken Empire“ setzen Darkthrone anschließend einen kompakten, beinahe erzählerischen Akzent. Der Titel evoziert Bilder von untergegangenen Reichen, alten Ruinen und einem Marsch durch vergessene Landschaften. Musikalisch wirkt das Stück wie eine kurze Expedition in eine andere Zone des Albums: weniger ausufernd, aber prägnant und mit einer dunklen, fast soundtrackartigen Grundspannung versehen. In einem schwächeren Album könnte so ein Moment untergehen. Hier sorgt er dafür, dass „Pre-Historic Metal“ nicht zur bloßen Riff-Anhäufung wird, sondern eine eigene Dramaturgie erhält.

Stolz fressen und in die Ewigkeit starren

„Eat Eat Eat Your Pride“ bringt schon im Titel eine herrlich räudige Provokation mit. Der Song wirkt wie ein dreckiges Grinsen aus dem Schatten: bissig, trocken und mit jener kauzigen Energie ausgestattet, die Darkthrone im Spätwerk immer wieder so besonders macht. Hier geht es nicht um makellose Perfektion, sondern um Charakter. Die Riffs knurren, die Rhythmik hat Biss, und die ganze Nummer trägt diesen unverkennbaren Geist von Musikern in sich, die lieber eigenwillig bleiben, als sich irgendeiner Erwartungshaltung zu unterwerfen.

Zum Abschluss folgt mit „Eon 4“ ein Finale, das den Blick noch einmal weiter öffnet. Der Titel reiht sich in eine Traditionslinie innerhalb des jüngeren Darkthrone-Kosmos ein und wirkt wie ein letzter Gruß aus einer kalten, fremden Zeit. Hier darf das Album noch einmal atmen, ohne seine Schwere zu verlieren. „Eon 4“ klingt wie der Abspann eines alten barbarischen Films, den man nachts auf einer schlecht kopierten VHS-Kassette entdeckt hat. Rau, merkwürdig, hypnotisch – und genau deshalb passend.

Unser Fazit

Ja, Darkthrone liefern mit „Pre-Historic Metal“ ein starkes Album ab, das seine Kraft gerade aus seiner Verweigerungshaltung zieht. Diese Platte will nicht modern sein, sie will nicht gefallen, sie will nicht poliert werden. Sie will riffen, knarzen, stampfen und dem Hörer ein Stück archaischen Metal vor die Füße werfen. Genau das gelingt Fenriz und Nocturno Culto mit bemerkenswerter Konsequenz. „Pre-Historic Metal“ ist kein Album für Menschen, die saubere Genregrenzen, klinische Produktionen oder gefällige Hooks suchen. Es ist ein Album für Hörer, die verstehen, dass Hässlichkeit im Metal eine Tugend sein kann.

Was „Pre-Historic Metal“ besonders macht, ist seine Mischung aus Barbarei und Handwerk. Die Songs wirken primitiver, als sie tatsächlich sind. Hinter dem Dreck steckt Erfahrung, hinter der Rauheit steckt Methode, und hinter dem scheinbar rückwärtsgewandten Ansatz steht ein ziemlich klares künstlerisches Selbstverständnis. Darkthrone bleiben auch nach vier Jahrzehnten eine Band, die sich keinem fremden Takt beugt. Dieses Album ist nicht makellos, aber es ist echt. Und im Zweifel ist genau das im Metal mehr wert als jede noch so sauber produzierte Hochglanz-Offenbarung.

Darkthrone - Pre-Historic Metal Cover

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