Sterbenswille (D) – Asche & Licht
Post-Black-Metal der fantastischen, anspruchsvollen und emotional fordernden Art: Genau das liefert die deutsche Formation Sterbenswille auf ihrem brandneuen Studioalbum
Post-Black-Metal der fantastischen, anspruchsvollen und emotional fordernden Art: Genau das liefert die deutsche Formation Sterbenswille auf ihrem brandneuen Studioalbum „Asche & Licht“, das am 15. Mai 2026 erscheint und das Licht der Welt in tiefster Dunkelheit erblickt. Schon dieser Gegensatz steckt programmatisch im Titel: „Asche & Licht“ ist ein Album über Zerfall und Hoffnung, über innere Trümmerlandschaften und jenen letzten Funken, der selbst dort noch glimmt, wo eigentlich alles verbrannt scheint. Die Band aus Altötting huldigt dem Genre des Black Metal, ohne sich in bloßer Tradition zu verlieren. Stattdessen verbindet Sterbenswille rohe Aggression, atmosphärische Melancholie, moderne Produktion und ein episches Gesamtkonzept zu einem Werk, das sich deutlich aus dem sumpfigen Mittelmaß des Genres erhebt.
Dabei ist „Asche & Licht“ kein Album, das Dunkelheit als ästhetisches Accessoire benutzt. Sterbenswille setzen sich mit Depression, Trauer, Verlust, Selbstzerstörung und inneren Kämpfen auseinander, ohne daraus eine plakative Elendsromantik zu formen. Vielmehr wirkt dieses Werk wie eine musikalische Konfrontation mit dem eigenen Abgrund: schmerzhaft, intensiv, aber nie hoffnungslos um der Hoffnungslosigkeit willen. Mit dem neuen Sänger G3ist gewinnt die Band zusätzlich an Ausdrucksstärke. Seine Stimme trägt die Texte nicht nur vor, sie reißt sie förmlich aus dem Innersten heraus und verleiht den Songs eine unmittelbare, fast körperliche Präsenz.
Zwischen Abgrund und Aufbruch
Den Anfang dieser brachialen akustischen Reise macht „Verzweiflung“, und schon hier wird deutlich: Sterbenswille machen keine Gefangenen. Auf lyrischer Ebene ist der Name des Titels absolut Programm. Es geht um Verlust, Vermissen und das schmerzhafte Gefühl, jede Hoffnung aus den Händen gleiten zu sehen. Doch die Band verpackt diese Thematik nicht in eine überzeichnete Emo-Heul-Attacke, sondern in eine Form der brachialen Selbstbehauptung. „Verzweiflung“ beginnt zunächst vergleichsweise sanft, fast tastend, bevor sich der epische Black-Metal-Anteil des Songs vollständig entfaltet. Double-Bass-Drums, voluminöse Bassfundamente und melancholisch-düstere Gitarrenriffs sind hier genretypisch und zugleich bemerkenswert wirkungsvoll umgesetzt.
Gerade diese Dynamik macht „Verzweiflung“ so stark. Sterbenswille verstehen es, ihr Material nicht nur im konstanten Hochdruckmodus abzufeuern, sondern zwischen mittlerem Tempo, rasenden Ausbrüchen und atmosphärischen Momenten zu wechseln. Die Gitarren wirken dabei wie ein Sturm, der über eine verlassene Landschaft zieht, während das Poltern der Fußmaschine den Boden unter den Füßen erschüttert. Trotzdem geht es hier nicht um Härte um jeden Preis. In den ruhigeren Passagen öffnet die Band den Raum, lässt Luft an die Komposition und zeigt, dass sie ihre Songs mit lyrischer Dichte und kompositorischem Anspruch bis ins Detail ausarbeitet. Genau darin liegt eine der großen Stärken von „Asche & Licht“: Das Album schlägt zu, aber es denkt dabei mit.
Selbstzerstörung und Bruchstücke als klangliche Wunden
Finster und zunächst ohne verzerrte Wucht leitet anschließend „Selbstzerstörung“ ein, ohne dabei etwas von jener Atmosphäre einzubüßen, die sich bereits früh als Markenzeichen von Sterbenswille herauskristallisiert. Keyboard-Sphären legen sich wie kalter Nebel über das Stück und erzeugen eine mystisch-düstere Klangästhetik, die tatsächlich wie die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm wirkt. Wenn dieser Sturm dann losbricht, zeigt die Band mit fantastischem gutturalem Gesang, drückender Rhythmik und scharfkantigen Gitarren, aus welchem Holz sie geschnitzt ist.
Besonders gelungen ist jedoch, dass „Selbstzerstörung“ nicht in bloßer Raserei verharrt. Nach dem Aufbäumen folgt wieder die Ruhe, und Sterbenswille überraschen mit einer Passage, in der klarer Gesang eine ganz andere emotionale Ebene öffnet. Dieser Moment wirkt nicht aufgesetzt, sondern organisch gewachsen. Er lässt den Hörer nachdenklich zurück und zeigt, wie souverän die Band zwischen ausgestrahlter Ruhe und kompromissloser Brachialität pendelt. Genau dadurch wird „Selbstzerstörung“ zu einem Stück, das dem Begriff Post-Black-Metal im besten Sinne gerecht wird.
Mit Naturgeräuschen läutet „Bruchstücke“ den nächsten Streich ein und schafft es sofort, die Fantasie des Zuhörers zu beflügeln. Düstere, cleane Gitarren setzen ein und verbinden sich mit chorartigen Gesängen zu einem Arrangement, das fließend ineinander übergeht. Wenn schließlich die Stromgitarren einsetzen, wirken sie bildlich gesprochen wie ein Unheil, das langsam am Horizont aufzieht. Dann jedoch schwenkt der Song direkt um und haut mit bahnbrechender Geschwindigkeit ordentlich drauf. Kompromisslose Double-Bass-Drums, flirrende Gitarrenfiguren und ein überzeugender gutturaler Gesang treiben „Bruchstücke“ nach vorne. Die Gitarre jault kurz auf, Tapping-Elemente erhöhen die Wucht, und die Rhythmussektion transportiert diesen Druck mit beeindruckender Präzision.
Direkt danach schlägt „Breath of Silence“ eine andere Richtung ein. Das instrumentale Stück kommt ohne Härte und ohne vordergründige Brachialität aus, wirkt aber keineswegs wie ein bloßer Lückenfüller. Klangeffekte, hallige Gitarren und eine unverzerrte Klangsprache erzeugen eine düster-schöne Melancholie, die dem Album zusätzliche Tiefe verleiht. „Breath of Silence“ ist eine Atempause, aber keine Flucht. Vielmehr wirkt der Song wie ein kurzer Blick in einen verlassenen Raum, in dem noch die Spuren des vorherigen Sturms hängen.
Depression als emotionales Zentrum
„Depression“ ist nicht nur ein Songtitel, sondern einer der zentralen thematischen Angelpunkte von „Asche & Licht“. Die seelische Erkrankung, die gesellschaftlich noch immer zu oft tabuisiert oder verharmlost wird, verwandelt Sterbenswille hier in eine musikalische Erfahrung von beklemmender Intensität. Es geht um Hoffnungslosigkeit, um eine Dunkelheit, die droht, alles zu verschlingen, und um jenen inneren Zustand, in dem selbst Bewegung wie Stillstand wirken kann. Mit Double-Bass-Drums und einem Sound, der diese seelische Schwere eindrucksvoll in Musik übersetzt, beweist die Band, dass sie nicht nur guttural perfekt keifen kann, sondern auch im klaren Gesang eine starke Ausdruckskraft besitzt.
Innerhalb der ersten anderthalb Minuten baut „Depression“ eine Gänsehaut erzeugende Spannung auf. Das Arrangement steigert sich langsam, Stromgitarren setzen zunächst nur Akzente, bis das Ganze nahtlos und fließend umschwenkt. Dann entfalten Sterbenswille mit stürmischer Fingerpräzision, ordentlich Druck auf Drums und Bass sowie verzweifelten gutturalen Gesängen erneut ein finsteres Spektakel, das sich wie ein schwerer Teppich im Hörraum ausbreitet und alles in sich hüllt. Gerade hier zeigt sich, wie sehr Sterbenswille ihr Handwerk verstehen. „Depression“ wirkt nicht konstruiert, sondern erlebt. Der Song zwingt zum Zuhören, ohne sich billig aufzudrängen, und bleibt als eines der stärksten Stücke des Albums hängen.
Vom Titeltrack bis zur Asche
Mit „Zwischen Asche & Licht“ folgt der Titeltrack, der ohne Umschweife direkt aus den Boxen geschleudert wird. Hier geht die Band aufs Ganze. Polternde Drums voller Energie, epische Gitarren- und Bassklangwände sowie eine dichte Atmosphäre bilden die Grundlage für einen Song über eine Person, die offensichtlich viel Leid erfahren musste und davon so tief geprägt wurde, dass sie sich beinahe an den Schmerz gewöhnt hat. Breaks, komplexe Rhythmik und ausgearbeitete Riffstrukturen zieren das Arrangement, während hallige, düstere Gitarren und Synthesizer-Sphären eine zusätzliche Ebene einziehen.
Besonders stark sind die Spoken-Word-Elemente in „Zwischen Asche & Licht“. Sie wirken nicht wie Beiwerk, sondern wie ein philosophischer Fixpunkt innerhalb des Songs. Wenn die Worte „Ich trag dich weiter, Stück für Stück“ im Raum stehen, wird klar, dass dieses Album trotz all seiner Finsternis nicht nur vom Untergang erzählt. „Asche & Licht“ handelt auch vom Weitergehen, vom Aushalten und davon, dass Heilung kein glatter, heller Weg sein muss. Manchmal ist sie ein Marsch durch Schutt, Rauch und Erinnerung. Genau diesen Gedanken übersetzt Sterbenswille in Musik, ohne Pathos mit Kitsch zu verwechseln.
Thematisch passend empfängt „Asche“ den Zuhörer anschließend mit dem Knistern eines Feuers. Dazu gesellen sich akustische Gitarren, die Harmonie und Melancholie auf grotesk geniale Art miteinander verschmelzen lassen. Das instrumentale Stück kommt ohne Gesang aus und rückt gerade dadurch die kompositorischen Fähigkeiten von Sterbenswille in den Fokus. „Asche“ spielt gekonnt mit der Fantasie des Hörers und wirkt wie ein kurzes Nachglimmen, bevor das Album zum finalen Schlag ansetzt.
Zum großen Finale gibt es schließlich „Dunkelheit“, das gemeinsam mit Liz von Roxton entstanden ist. Einleitend mit akustischen Gitarren und streicherartigen Fanfaren schwingt sich der Song noch einmal zu mächtigen, double-bass-lastigen Gitarren- und Basswänden auf, die tief im Black Metal verwurzelt sind. Zum letzten Mal tritt eine Figur hervor, die von innerer Erschöpfung, Verzweiflung und dem Wunsch nach Erlösung gezeichnet ist. Doch im Refrain sorgt der Gesang von Liz für ein absolut fantastisches melodisches Element. Diese harmonische Öffnung ist im Kontext des Albums nicht nur schön, sondern auch wirkungsvoll: Sie setzt dem Abgrund einen menschlichen Widerhall entgegen. Genau solche Momente sind im Black Metal selten, und wenn sie so konsequent eingebettet werden wie hier, wirken sie umso epischer.
Unser Fazit
Ja, Sterbenswille haben mit „Asche & Licht“ ein fantastisches Album geschaffen, das man sich unbedingt anhören sollte. Die Band zeigt sich emotionaler, reifer und musikalisch vielseitiger als zuvor, ohne ihre Wurzeln im Black Metal und Post-Black-Metal zu verwässern. „Asche & Licht“ ist brachial, melancholisch, atmosphärisch und stellenweise von einer fast erschreckenden Intimität. Die Songs sind nicht nur hart, sondern durchdacht. Sie zielen nicht allein auf Nackenmuskulatur, sondern auch auf Bauchgefühl, Erinnerung und Reflexion.
Was dieses Album besonders macht, ist seine Balance. Sterbenswille verlieren sich weder in endloser Schwermut noch in austauschbarer Raserei. Stattdessen entsteht ein Werk, das Dunkelheit zulässt, Schmerz ernst nimmt und dennoch immer wieder Licht durch die Risse fallen lässt. Wer modernen, atmosphärisch dichten und emotional aufgeladenen Post-Black-Metal sucht, kommt an „Asche & Licht“ kaum vorbei. Ein starkes, intensives und lange nachhallendes Album.

Trackliste
- Verzweiflung
- Selbstzerstörung
- Bruchstücke
- Breath of Silence
- Depression
- Zwischen Asche & Licht
- Asche
- Bonus: Dunkelheit feat. Liz von Roxton
Credits
Interpret: Sterbenswille
Titel: Asche & Licht
Herkunft: Altötting, Bayern, Deutschland
Format: Album
VÖ: 15. Mai 2026
Genre: Post-Black-Metal | Black Metal | Atmospheric Black Metal
Label: Independent
Besetzung:
G3ist – Vocals
Lukai – Guitar
Rooster – Bass
Andy – Drums


