HÄMATOM – „Maskenball“

HÄMATOM – „Maskenball“

📁 Allgemein, Reviews 🕔30.August 2019
HÄMATOM – „Maskenball“

 

HÄMATOM – „Maskenball“

Label: Sony Music

Laufzeit: 59:18 min

VÖ: 30.08.2019

Genre: einzigartige deutsche Härte, so großartig grell wie emotional

HÄMATOM lassen sich zu ihrem 15Jährigen nicht lumpen und beschenken ihre Fans mit dem neuen Album „Maskenball“. Darauf zeigen die vier Herren in 16 Liedern mal wieder ihre enorme Wandlungsfähigkeit und ihre Lust daran, Konventionen und Genregrenzen mit höchstem Genuss einzureißen. Zu hören gibt es neben neuen Kompositionen auch einige überraschende Coverversionen und etliche recycelte Stücke, die in lässig entschlackten Fassungen daherkommen. Aufgepeppt wird das alles dann noch durch verschiedenste illustre Gäste, so geben sich sich die Herren Hansi Kürsch, Alex Wesselsky, Michael Rhein und Dymytry die Ehre.

Zunächst fällt der Sound positiv auf. Der ist nicht nur verdammt fett, sondern auch bretthart. Da sägen die Gitarren, da wummert der Bass und da treibt das Schlagzeug mit fetziger Doublebass und massivem Groove die anderen Herren gnadenlos vor sich her. Das schiebt und drückt, das marschiert und krawallt ganz ordentlich. Ich selbst hätte mir noch ein bisschen mehr Dreck und ein paar rotzige Ecken und Kanten mehr gewünscht, denn bei aller Härte klingt mir das zu glatt und steril. Aber wenn ich mir die letzten Scheiben von etwa Betontod oder Rock Rottens 9mm anhöre, scheint es ja derzeit im Bereich harter deutscher Musik in Mode zu sein, möglichst keimfrei und poliert zu klingen. Aber es sei nochmals betont, dass die ganze Chose dennoch eine fette Härte aufweist und schön brachial aus den Boxen knallt. Dazu tragen die auch dieses Mal geschickt eingesetzten Synthies bei, die nie aufdringlich, aber stets kräftig für Volumen und ordentlich Druck sorgen.

Musikalisch und textlich haben HÄMATOM ihren Stil gefunden. Und den perfektionieren sie auch auf „Maskenball“. Schon der Opener „Wir sind keine Band“ vereint alle Zutaten aus dem Kosmos von HÄMATOM und ist Inkarnation der bandeigenen Hitformel: Hier gibt es eine fast perfekte Mischung aus Härte und Eingängigkeit, aus wutschnaubender Brachialität und filigraner Melancholie, aus Berechnung und Spontanität, aus glattpoliertem Glanz und schmutziger Direktheit, aus Originalität und Banalität. Da treiben harte Gitarren den Song voran, da begeistern harmonische Leads, da groovt es präzise abgestoppt wie Sau, da gibt es einen eingängigen Refrain, der sich sofort ins Ohr einnistet, flankiert von frohen Ohoho-Singalongs. Da gibt es einen wunderbar rauchigen, rockenden Gesang, rauh und kraftvoll. Da gibt es kluge Zeilen und ebenso plump ordinäres Gehabe. Nicht alles passt und sitzt. Da schlagen Dolche (die doch stechen oder schneiden, „Teufelsweib“) und quellen die Ohohos doch ein wenig zu oft aus den Ritzen. Und die Cover werden nicht jeden überzeugen. So ist für mich Queens „I Want it All“ in seiner leblosen Sterilität grandios gescheitert, während „Da Da Da“ schön fett und treibend daherkommt, „Human“ in seiner angenehmen Härte und Eingängigkeit dem Anspruch an internationale Diskoeinsätze gerecht wird, vor allem aber „Freiheit“ in seiner hymnischen Melancholie wirklich tief ergreift.

Und am Ende passt das irgendwie dann doch immer wieder alles zusammen und ergibt einen harten Rock, der eben bei allen Plattitüden doch einzigartig und originell ist. Das liegt nicht zuletzt am großartigen Gesang von Herrn Nord, der nicht nur die wütende Arschleckattitüde und Revoluzzermentalität mit seiner aggressiven Stimme authentisch darzustellen, sondern vor allem in den leisen Momenten voller Trauer, Verzweiflung und Melancholie absolut zu überzeugen weiß. Und so sind für mich bei aller klaren politischen Botschaft und deutlichen Worte in den rockenden „Anti Alles“ und „Blut für Blut“ dann eben die zutiefst ergreifenden „Engel lügen doch“ und „Unsterblichkeit“ die Höhepunkte des Albums. Hier beweisen HÄMATOM, dass sie bei allem grellen Firlefanz eindringliche Texte und reduzierte, fokussierte Musik zu intensiven Liedern verschmelzen können. Das packt, das berührt, das rüttelt auf und umarmt gleichzeitig liebkosend. Und das ist nichts weiter als große Kunst.

Fazit: HÄMATOM legen mit „Maskenball“ ein Album vor, das in seiner bunten Vielfalt hell erstrahlt. Es ist erstaunlich und zeugt von großem Selbstbewusstsein, ein solches Sammelsurium aus greller Überzeichnung und breitbeiniger Entschlossenheit mit einer solch lässigen Eleganz und energetischen Leidenschaft darzubieten. Das sind harte deutsche Lieder, das sind großartig eingängige Hits, das sind klare, unmissverständliche Botschaften. Das sind emotionale Momente, die begeistern. Das sind HÄMATOM!

Liederliste:

1. Wir sind keine Band (3:54)
2. I Want it All (4:11)
3. Da Da Da (3:18)
4. Engel lügen doch (3:49)
5. Anti Alles (3:39)
6. Stressed Out (3:33)
7. Bleib in der Schule (4:30)
8. Alte Liebe rostet nicht (4:26)
9. Scheisse aber glücklich (3:24)
10. Human (3:21)
11. Boom Boom Boom (4:03)
12. Teufelsweib (3:27)
13. Blut für Blut (3:31)
14. Ser Na System (3:40)
15. Freiheit (2:47)
16. Unsterblichkeit (3:45)

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