Fleischschirm (AT) Das Grabtuch voll Urin
Ah ja, Ostern steht vor der Tür, und was könnte sich besser eignen, um den Spießbürger ein wenig zu
Ah ja, Ostern steht vor der Tür, und was könnte sich besser eignen, um den Spießbürger ein wenig zu triezen, als die neue Veröffentlichung von Fleischschirm. Die hört auf den herrlich zynischen Namen „Das Grabtuch voll Urin“ und verballhornt das aus Turin stammende Grabtuch mit einer Boshaftigkeit, die ebenso provokant wie treffsicher ausfällt. Doch hinter dem kalkulierten Affront steckt kein bloßer Gag, sondern ein brachial aufgezogener Metal-Track, der Blasphemie, Düsternis und handwerkliche Klasse mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit aufeinanderprallen lässt.
Blasphemie mit Ansage
Schon in den ersten Momenten zeigt Fleischschirm, dass hier keine stumpfe Krawalltruppe am Werk ist. Die elektronischen Elemente am Anfang empfangen den Hörer nicht als billiger Effekt, sondern als bewusst gesetzte Einstimmung in einen Song, der Atmosphäre ebenso ernst nimmt wie Härte. Genau darin liegt eine der großen Stärken von „Das Grabtuch voll Urin“: Die Single denkt in Bildern, Spannungsbögen und Kontrasten. Wo andere Bands ihre Intros bloß als dekorativen Vorhang missverstehen, nutzt Fleischschirm diesen Einstieg, um sofort Spannung aufzubauen und das folgende Gewitter umso wirkungsvoller einschlagen zu lassen. Das Sounddesign ist dabei erstaunlich ausgearbeitet, dicht und inspirierend, weil es dem Track eine finstere, fast schon ritualhafte Gravitation verpasst.
Musikalisch bleibt die Band dabei ihrer Linie treu, die bereits auf der Debüt-EP „SchirmHerrschaft“ deutlich wurde: klassischer Thrash trifft auf melodischen Death Metal, angereichert mit schwarzmetallischer Bosheit und einer Attitüde, die weder geschniegelt noch geschniegelt-böse wirken will. Fleischschirm klingen dunkel, wütend und aggressiv antreibend, aber eben nie eindimensional. Gerade das macht diese Single so wirkungsvoll. Hinter der Provokation steckt Substanz, hinter dem schwarzen Humor musikalische Disziplin, und hinter dem rabenschwarzen Titel ein Stück, das seinen Zynismus mit echter kompositorischer Schlagkraft unterfüttert.
Druck, Tempo und eine Soundwand mit Zähnen
Sobald „Das Grabtuch voll Urin“ Fahrt aufnimmt, ist Schluss mit jeder Form vorsichtigen Herantastens. Uptempo-Beats und hart nach vorn drückende Doublebass-Drums schieben den Song mit einer Wucht an, die sofort körperlich wirkt. Dazu baut sich eine massive Soundwand aus druckvollen Bässen und Rhythmusgitarren auf, die nicht einfach nur lärmt, sondern zielgerichtet marschiert. Der Track hat Biss, hat Zug, hat diesen unnachgiebigen Vorwärtsdrang, der Headbang-Reflexe fast schon zwangsläufig auslöst. Gerade im Zusammenspiel von Schlagzeugprogrammierung und Gitarren entsteht hier eine Energie, die man im modernen Death-/Thrash-Kontext längst nicht bei jeder Band so fokussiert serviert bekommt.
Bemerkenswert ist dabei, wie klar Fleischschirm trotz aller Raserei bleiben. Die Produktion lässt dem Material genug Schmutz, um gefährlich zu wirken, aber auch genügend Kontur, damit jede Attacke sitzt. Nichts verschwimmt, nichts wird zur bloßen Klangmasse. Stattdessen fräst sich das Riffing durch den Mix, während die Rhythmussektion das Fundament mit Nachdruck zusammenhält. In diesen geschwärzten Momenten kratzt die Single mehrfach an jener fiebrigen Intensität, wegen der Black Metal in seinen stärksten Momenten so elektrisiert. Nur dass Fleischschirm das Ganze nicht als Stilkopie anlegen, sondern in ihren eigenen Death-/Thrash-Rahmen integrieren. Genau deshalb funktioniert der Song so überzeugend.
Präzision, Arrangement und der giftige Biss im Detail
Was „Das Grabtuch voll Urin“ zusätzlich von simpler Extrem-Metal-Brachialität abhebt, ist die auffällige Fingerfertigkeit im Gitarrenspiel. Die Leadgitarre arbeitet mit minutiösen Riffs, hohem Tempo und einer Präzision, die man nicht herbeischreiben kann. Hier wird nicht einfach drauflos geprügelt; hier sitzt jeder Lauf, jede Akzentverschiebung, jede kleine melodische Schärfung. Diese technische Klasse verleiht dem Song genau jene Schärfe, die moderne Härte erst wirklich gefährlich macht. Die Komposition ist kompakt, aber alles andere als eindimensional. Fleischschirm verstehen es, Spannung zu halten, ohne sich in unnötigen Exkursen zu verlieren.
Besonders stark sind die Wechsel und Schnörkel im Arrangement. Sie wirken wie ein bösartiges Überraschungsei aus der Hölle: Kaum glaubt man, die Marschroute des Tracks durchschaut zu haben, zieht die Band die nächste Wendung aus dem Ärmel. Das sorgt nicht nur für Dynamik, sondern zeigt auch sehr deutlich, dass Fleischschirm nicht nach Schema F schreiben. Der Song atmet, zieht an, lockert kurz, beißt wieder zu und kulminiert schließlich in einem epischen Gitarrensolo, das sich den nötigen Raum nimmt, ohne den Rest des Stücks zu entwerten. Dieses Solo ist kein zielloses Gefrickel, sondern die logische Zuspitzung einer Komposition, die Spannung und Eskalation sehr genau dosiert.
Epischer Gesang der einfach geil ist!
Auch vokal sitzt hier fast alles. Der gutturale Gesang und der düstere Shout stehen nicht in Konkurrenz, sondern greifen ineinander und verstärken den hasserfüllten Grundton des Tracks. So entsteht genau jene giftige Mischung, die der Single ihre boshafte Präsenz verleiht. In einem Satz gelesen, rechnet „Das Grabtuch voll Urin“ mit religiöser Verklärung als fauligem Machtapparat aus Angst, Gier und Verfall ab. Das passt perfekt zu dieser Musik, die Satire nicht als Witznummer begreift, sondern als aggressive Waffe. Werner „MetalWene“ Berchtold und seine Mitstreiter liefern hier jedenfalls ein Stück ab, das Provokation, Atmosphäre und musikalisches Können auffällig schlüssig zusammenführt.
Dass diese Single zugleich als Vorbote auf das für Herbst 2026 angekündigte Album funktioniert, macht die Sache nur spannender. Wenn Fleischschirm diesen Verdichtungsgrad halten oder sogar noch ausbauen, dürfte da noch einiges an kontrollierter Verwüstung bevorstehen. „Das Grabtuch voll Urin“ wirkt jedenfalls wie der Sound einer Band, die bereits weiß, wie sie eskalieren will, und inzwischen auch verstanden hat, wie man diese Eskalation dramaturgisch sauber aufzieht.
Unser Fazit
Mit „Das Grabtuch voll Urin“ liefern Fleischschirm eine Single ab, die provoziert, ohne sich auf ihren Skandalreiz zu verlassen. Der Song besitzt ein starkes Gespür für Sounddesign, eine durchdachte Komposition, drückende Brutalität und genug spielerische Klasse, um aus der Masse des extremen Underground-Metals deutlich herauszuragen. Die düstere Atmosphäre, die rasenden Riffs, die giftigen Vocals und das klug aufgebaute Arrangement greifen hier so sauber ineinander, dass aus dem blasphemischen Rundumschlag ein rundes, hochwirksames Stück Death-/Thrash Metal wird. Wer auf melodische Schärfe, schwarze Bosheit und kompromisslosen Vorwärtsdrang steht, bekommt von Fleischschirm hier einen Track serviert, der nicht um Aufmerksamkeit bettelt, sondern sie sich mit Nachdruck nimmt.

Trackliste
- Das Grabtuch voll Urin
Credits
Interpret: Fleischschirm
Titel: „Das Grabtuch voll Urin“
Herkunft: Vorarlberg, Österreich
Format: Single
VÖ: Februar 2026
Genre: Death Metal | Thrash Metal | Melodic Death Metal | Black Metal
Label: Running Wild Productions
Line-up:
Werner „MetalWene“ Berchtold – Vocals, Drum Programming
Tankred „Tank“ Bergmeister – Gitarre
Simon – Bass
Mence – Entertainment


