ESKIMO CALLBOY – „Rehab“

ESKIMO CALLBOY – „Rehab“

📁 Allgemein, Musik, Reviews 🕔06.November 2019
ESKIMO CALLBOY – „Rehab“

ESKIMO CALLBOY – „Rehab“

Label: Century Media Records

Laufzeit: 43:28 min

VÖ: 01.11.2019

Genre: die Meister des Electro Metal Trancecore auf dem Weg in die Zukunft

Kaum eine Band spaltet die Fans harter Musik so sehr wie ESKIMO CALLBOY. Ich könnte auch sagen: Keine Band wird von den (vermeintlichen) Gralshütern des wahren Metal so abgelehnt, ja gehasst wie ESKIMO CALLBOY. Diesen Ruf haben sich die fünf Herren um die beiden Sänger Kevin Ratajczak und Sebastian Biesler mit stetiger Präsenz, wackeren Anstrengungen und unverwüstlich guter Laune hart erarbeitet. Das Warum ist schnell erklärt. Trancecore mag kein echter Metaller. Elektronische Beats, musikalisch vertonte süßliche Partystimmung, auf dicke Hose machende Breakdowns und die Mischung aus brutalem Metalcoregebrüll in den Strophen und melodischer Fröhlichkeit im Refrain treiben diesen Menschen die Zornesröte ins Gesicht. Dabei spielt es keine Rolle, dass selbst dann Bands abgefeiert werden, die den Metal selbst mit peinlichster Schlagerattitüde und billigstem Synthieschmalz sabatonisieren.

Ich kann nur hoffen, dass den Herren von ESKIMO CALLBOY dies alles auch bei ihrem neuen Album „Rehab“ am berühmten Arsch vorbei geht. Ich hoffe allerdings und wünsche es ihnen von Herzen, dass sie die Fähigkeit und den Willen besitzen, tatsächlich jetzt oder in ein paar Monaten mal einen Schritt zurück zu treten und sich ihr neues Album im Lichte ihres bisherigen Schaffens zu betrachten.

Was sollten sie dann erkennen? Sie sollten erkennen und sich dafür gerne auf die Schultern klopfen, dass auch „Rehab“ mit einem verdammt fetten Sound aus den Boxen knallt. Das ist alles schön dynamisch und raumgreifend, ordnet sich aber vor allem stets der Stimmung der Songs unter. Die harten Teile kommen wuchtig und kraftvoll daher, während in den ruhigen Momenten eine klare Sanftheit aus den Boxen perlt. Instrumente und Gesang sind trennscharf voneinander abgegrenzt und bis in die Details sauber und rein zu vernehmen. Etwas Rotz gibt es nur beim verzerrten Gesang, der – und das sage ich hier bereits resümierend – für mich leider viel zu selten zu hören ist.

Sie sollten ebenso ihren Mut erkennen, auch dieses Mal mit dem Ziel gearbeitet zu haben, Schubladen zu ignorieren und im Gegenteil Versatzstücke aus scheinbar unvereinbaren Genres irgendwie zu einem ganz eigenen Hitmix zusammen zu rühren. Und so gibt es Lieder wie „Rehab“, „Hurricane“ oder „Supernova“, die typisch sind für die ESKIMO CALLBOY, wie wir sie bisher kannten: mitreißend, eingängig, melodisch und knackig vorgetragen.

Und auch auf ihre Beharrlichkeit sollten sie zufrieden herunterschauen, mit der sie älter und älter werdend in ihren Texten die herzergreifenden Probleme junger, aber von der Clique der Reichen und Schönen verschmähter Wohlstandskids zum Nabel der Welt machen. Diesmal geschieht dies aber viel weniger mit dem grinsebackigen Augenzwinkern der letzten Alben, sondern vielmehr mit einer fast Angst machenden Ernsthaftigkeit. Das ist Melancholie, das ist irgendwie ungewohnt düster und schwer. Dies zeigt sich in Songs wie „Disbeliever“ und „Made By America“, das ist harte Rockmusik und verbreitet eine neue, fast schon erwachsen wirkende Emotionalität und Dunkelheit.

Und dann sollten sie sich eingestehen, dass ein Lied wie „Nice Boi“ musikalisch eben einfach nicht gut gemacht ist, wenn sich auf hart getrimmte Screams mit schwülstiger Akustikgitarrenromantik duellieren. Das wirkt zerrissen und bemüht. Und sie sollten auch einsehen, dass „Prism“ in seiner Machart einfach nur unverschämt bei Linkin Park geklaut ist und das sich nicht zwischen Intermezzo und Song entscheiden könnende „It’s Going Down“ selbst ein verzweifelter Marilyn Manson nicht mit der Kneifzange anfassen würde.

Am Ende des Tages klingt „Rehab“ wie die vertonte Midlife Crisis erwachsener Männer in einer jungen Band, die erkennen, dass auch sie nicht von der Biologie verschont sind und langsam aber sicher den Schuhen ihrer jungen Fans entwachsen. „Rehab“ ist daher für mich die vertonte Sinnsuche der fünf Herren. Und die ist nicht einmal schlecht. Es gibt eine Reihe gute Songs, ehrlich, ernsthaft und dunkel, aber ebenso eingängig, mitreißend und berührend ehrlich. Es wird die große Frage sein, ob – und wenn ja wie lange – ihre Fans diesen Weg bereit sind, mit ihren Idolen zu gehen.

Fazit: ESKIMO CALLBOY liefern mit „Rehab“ ein Album ab, das neben dem gewohnten und erwarteten Gute-Laune-Electro-Metal vermehrt auch ernsthafte und dunkle Seiten zeigt. „Rehab“ schwebt in einer Zwischenwelt von Vergangenheit und Zukunft, und es wird spannend zu sehen, wohin die Reise von ESKIMO CALLBOY gehen wird. Ich jedenfalls wünsche den Herren dabei alles erdenklich Gute! Macht weiter, glaubt an Euch und seid stark!

Liederliste:

1. Take Me To (0:55)
2. Rehab (3:16)
3. It’s Going Down (1:05)
4. Hurricane (3:41)
5. Disbeliever (3:56)
6. Okay (3:25)
7. Made By America (3:08)
8. Supernova (2:54)
9. Lost (3:17)
10. Nice Boi (2:30)
11. Prism (3:39)

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