CARCASS – „Despicable“ (EP)

CARCASS – „Despicable“ (EP)

📁 Allgemein, Musik, Reviews 🕔27.Oktober 2020
CARCASS – „Despicable“ (EP)

CARCASS – „Despicable“ (EP)

Label: Nuclear Blast

Laufzeit: 18:53 min

VÖ: 30.10.2020

Genre: Death Metal, wie ihn eben nur CARCASS können

Dank Corona ist auch bei CARCASS der Zeitplan gehörig ins Wanken geraten. Das neue Album wurde nach hinten verschoben und stattdessen wird nun als Appetithäppchen den Fans die neue EP „Despicable“ kredenzt. Leider hat Mister Jeff Walker dazu auch in die Welt hinausposaunt, dass es sich bei den vier Liedern um übriggebliebenes Material handelt. Das hat sich bei anderen Bands oft als Glücksgriff erwiesen, wenn auf diesem Weg verborgene Perlen doch noch das Licht der Welt erblicken durften. Bei CARCASS verhält es sich leider anders, hält Mister Walker doch gnadenlos sein Wort.

Dabei beginnt alles voller Glückseligkeit. Schon nach wenigen Momenten ist klar, wer hier auf höchstem musikalischen Niveau musiziert. CARCASS haben sich ihre Einzigartigkeit hart erarbeitet, sie sind auch heuer zu jeder Sekunde genau zu erkennen. Das beginnt beim Sound, der fett, aber sehr aufgeräumt daherkommt. Das pflanzt sich fort bei den Gitarren, diese Riffs sind und bleiben in ihrer Dynamik und Rhythmik unerreicht eigen und original. Dazu erweist sich auch der Gesang von Mister Walker wieder als große Stärke. Energetisch, fauchend, wild und kraftvoll, vor allem aber ebenso einzigartig wie die gesamte Band, das ist große Tonkunst.

Und so ist der Boden bereitet für großartige Lieder. Nur – auf die warte ich vergebens. Und ich bin fair, ich schaue mal nur nach dem letzten Werk „Surgical Steel“. Und da verlange ich ja wahrlich nicht einen solchen brutalen Wahnsinn wie „Cadaver Pouch Conveyor System“ oder „The Master Butcher’s Apron“. Und ich beharre auch nicht auf einem stoischen Meisterwerk wie „Captive Bolt Pistol“ oder einer so mitreißend brachialen Hymne wie „The Granulating Dark Satanic Mills“. Aber was CARCASS uns hier anbieten, das ist eben übriggeblieben. Nicht die harten und eingängigen Riffs, nicht das Können der vier Gentlemen. Nein, es fehlt an kompositorischer Finesse und an Willen, an Hingabe und Selbstbewusstein. Ja, da wissen die schön aufeinander abgestimmten Riff und Gesang in „Slaughtered in Soho“ zu überzeugen, und auch das Solo in „The Long and Winding Bier Road“ begeistert mich mit seiner ergreifenden Melancholie. Und mit „Under The Scalpel Blade“ gibt es auch einen so harten wie dynamischen Song. Aber insgesamt wirkt das alles irgendwie hüftsteif und ohne wirkliche Angriffslust und Leidenschaft heruntergeholzt.

Fazit: CARCASS hauen mit „Despicable“ eine EP raus, die mich ziemlich ratlos zurücklässt. Ich schwanke zwischen Angst vor dem, was uns das neue Album bringen wird – und größter Vorfreude auf eben dieses Album. Auch wenn im Grunde alles da ist und CARCASS in ihrer höchsten Musikalität und ihrem raumgreifend druckvollen Sound einzigartig sind, gelingt es ihnen dieses Mal leider nicht, aus diesen sägenden Riffs und dieser großartigen Stimme auch ebenso großartige und packende Lieder zu erschaffen. Sie können das, sie müssen uns das nicht beweisen. Aber hoffen, ja erwarten dürfen wir das schon.

Liederliste:

1. The Living Dead at the Manchester Morgue (6:00)
2. The Long and Winding Bier Road (4:21)
3. Under the Scalpel Blade (3:55)
4. Slaughtered in Soho (4:37)

 

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