Anger MGMT (CH) Anger Is Eternal
Wut kann zerstören, aber ebenso eine erstaunliche schöpferische Kraft entfalten. Genau auf diesem schmalen Grat bewegen sich ANGER MGMT.
Wut kann zerstören, aber ebenso eine erstaunliche schöpferische Kraft entfalten. Genau auf diesem schmalen Grat bewegen sich ANGER MGMT. seit ihrer Gründung. Das 2022 im schweizerischen Winterthur entstandene Trio versteht Musik als Ventil für psychischen Druck, gesellschaftliche Frustration und jene inneren Konflikte, die sich nicht mit ein paar gut gemeinten Worten aus der Welt schaffen lassen. Bereits das 2023 veröffentlichte Debüt „Anger Is Energy“ verwandelte diese Spannungen in einen ruppigen Mix aus Post-Punk, Grunge, Noise Rock und Punk. Auf dem am 24. April 2026 über Noisolution erschienenen Nachfolger „Anger Is Eternal“ klingt die Band nun vielseitiger, fokussierter und zugleich emotional noch ungeschützter.
Wut zwischen Kontrolle und Ausbruch
Schon der ausführlich betitelte Opener „I Thought I’d Started To Make Progress Again“ macht deutlich, dass ANGER MGMT. keinen einfachen Weg aus der Dunkelheit versprechen. Der Song handelt vom schmerzhaften Rückfall in längst überwunden geglaubte Zustände und setzt diese Erfahrung in nervöse Gitarren, einen drängenden Rhythmus und die aufgeraute Stimme von Nik Petronijevic um. Hoffnung und Verzweiflung liegen dicht beieinander. Fortschritt erscheint nicht als gerade Linie, sondern als mühsame Bewegung, die jederzeit wieder ins Stocken geraten kann.
„Torch The Lies“ nimmt etwas Tempo heraus, erhöht dafür den melodischen Druck. Der eingängige Refrain sitzt schnell fest, während sich der Text gegen gebrochene Versprechen, wirtschaftliche Kälte und eine Zukunft richtet, die vielen Menschen verkauft, aber nur wenigen tatsächlich ermöglicht wird. Persönliche Unsicherheit und gesellschaftliche Kritik greifen dabei ineinander. Das ist ein wiederkehrender Wesenszug des Albums: Die Band trennt innere Krisen nicht von den äußeren Verhältnissen, unter denen sie entstehen oder zusätzlich verschärft werden.
Besonders eindringlich gelingt diese Verbindung in „Under My Skin“. Eine schwere Basslinie zieht den Song vorwärts, während flirrende Gitarren und wuchtige Drums eine klaustrophobische Atmosphäre erzeugen. Petronijevic beschreibt einen Zustand, in dem Gedanken und Ängste selbst in der Stille keine Ruhe geben. Der Refrain wirkt nicht wie eine kalkulierte Hookline, sondern wie die Entladung eines über lange Zeit angestauten Drucks. Gleichzeitig bleibt das Stück kompakt und kontrolliert genug, um trotz seiner emotionalen Schwere unmittelbar zu zünden.
Der Grunge-Einfluss im Fokus
„Trace The Cracks“ rückt die Grunge-Seite des Trios stärker in den Vordergrund. Die Gitarren klingen breiter und schwerer, ohne den nervösen Unterton der Platte zu verlieren. Inhaltlich werden Risse in Beziehungen, enttäuschtes Vertrauen und die allmähliche Entfremdung sichtbar. Das anschließende „In This Body“ führt diese Verletzlichkeit weiter. Aus Worten werden Wunden, aus Schweigen ein kaum noch zu ertragendes Gewicht. Musikalisch steigert sich der Song behutsam, bis die angestaute Spannung schließlich aufbricht.
Nach dieser düsteren ersten Hälfte wirkt „Cut The Rot“ wie ein kontrollierter Kurzschluss. Gemeinsam mit Thorsten Polomski von Bubonix stürzen sich ANGER MGMT. für gerade einmal 62 Sekunden in einen kompromisslosen Hardcore-Punk-Angriff. Gitarren, Schlagzeug und Stimmen geraten in Bewegung, ohne dass der Song unnötig verlängert wird. Die Botschaft ist entsprechend klar: Schädliche Kreisläufe müssen durchbrochen werden, bevor sie sich weiter ausbreiten. Der abrupte Ausbruch unterbricht bewusst den Fluss des Albums und setzt einen der heftigsten Akzente.
„Keep Trying“ kehrt anschließend zur psychologischen Innenschau zurück. Das wiederholte Weitermachen klingt hier nicht triumphal, sondern erschöpft. Alte Narben mögen verblassen, doch Erinnerungen und Albträume bleiben bestehen. Gerade weil die Band daraus keine klassische Durchhalteparole konstruiert, entfaltet der Song seine Wirkung. Der Kampf geht weiter, obwohl ein unmittelbarer Erfolg nicht garantiert ist.
Keine einfachen Auswege
Mit „Anything Ahead“ öffnet sich die Perspektive erneut. Dunkler Wave Rock trifft auf eine pessimistische Betrachtung gesellschaftlicher Ungleichheit und politischer Verantwortungslosigkeit. Privilegien, Zukunftsängste und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich verdichten sich zu einem Stück, das weniger durch offene Aggression als durch seine trostlose Grundstimmung überzeugt. Der Bass bleibt dabei ein zentraler Motor, während die Gitarren eine kalte, weitläufige Atmosphäre erzeugen.
„Echoes“ fällt im direkten Vergleich melodischer und beinahe hymnisch aus. Der Song zeigt, wie deutlich ANGER MGMT. ihre stilistischen Möglichkeiten seit dem Debüt erweitert haben. Die melancholische Post-Punk-Seite bleibt erhalten, wird jedoch von einer größeren Alternative-Rock-Geste aufgefangen. Das Trio beweist hier, dass Eingängigkeit und inhaltlicher Ernst keineswegs Gegensätze sein müssen.
No Future No Past – Zwischen Emotionaler Nähe und Wortlosigkeit
Auch „No Future No Past“ verweigert sich einer einfachen Auflösung. Zwischen emotionaler Nähe und zunehmender Sprachlosigkeit entsteht das Bild einer Beziehung, in der sich beide Seiten fremd geworden sind. Der Song besitzt eine frostige Ruhe, unter deren Oberfläche dennoch beständig Unruhe arbeitet. Das abschließende „Buzz“ bringt schließlich etwas Bewegung in die erstarrte Szenerie. Von einem unbeschwerten Happy End kann zwar keine Rede sein, doch erstmals scheint wieder ausreichend Luft zum Atmen vorhanden zu sein. Die Dunkelheit verschwindet nicht vollständig, verliert aber einen Teil ihrer Macht.
Diese Entwicklung vom Rückfall des Openers bis zur vorsichtigen Erleichterung des Schlussstücks gibt „Anger Is Eternal“ einen nachvollziehbaren dramaturgischen Bogen. Die Platte behauptet nicht, dass psychische Erkrankungen, Ängste oder gesellschaftliche Konflikte nach 34 Minuten gelöst wären. Stattdessen zeigt sie Wut als dauerhafte Energie, die immer wieder neu gelenkt werden muss. Gerade darin liegt die Stärke des Titels.
Eine Satte Produktion für höchste Ansprüche
Die Aufnahme und der Mix von Yvo Petrzilek bei Verwaltzen Productions verleihen dem Album deutlich mehr Masse, ohne die rauen Bestandteile zu glätten. Simon Hirzels Bass ist nicht bloß Begleitung, sondern übernimmt häufig die melodische und rhythmische Führung. Dominik Juckers Schlagzeug hält die Songs mit druckvollem, teilweise nervösem Spiel in Bewegung, während Petronijevics Gitarren zwischen flirrendem Post-Punk, knirschendem Grunge und kurzen Hardcore-Eruptionen wechseln. Das Mastering von Justin Weis bewahrt die Dynamik und lässt auch die leiseren, bedrückenden Passagen atmen.
Lyrics leider hier und da plakativ
Gelegentlich fällt die textliche Direktheit beinahe schon schmerzhaft unvermittelt aus. Wer ausgefeilte Metaphern oder bewusst verschleierte Botschaften erwartet, könnte einzelne Refrains als zu plakativ empfinden. Doch genau diese Offenheit gehört zum Konzept der Band. ANGER MGMT. wollen keine Distanz zwischen persönlicher Erfahrung und Publikum herstellen. Sie sprechen aus, was häufig verborgen, verdrängt oder gesellschaftlich noch immer stigmatisiert wird.
Unser Fazit
„Anger Is Eternal“ ist ein konzentriertes, emotional schweres und dennoch kraftspendendes zweites Album. ANGER MGMT. haben ihren Sound hörbar erweitert, ohne die kantige Direktheit ihres Debüts einzubüßen. Zwischen Post-Punk-Melancholie, Grunge-Schwere und kurzen Hardcore-Ausbrüchen entsteht ein Werk, das Wut nicht romantisiert, sondern als komplizierte, dauerhafte und mitunter überlebensnotwendige Energie begreift.
Trackliste
- I Thought I’d Started To Make Progress Again – 03:21
- Torch The Lies – 03:34
- Under My Skin – 03:04
- Trace The Cracks – 02:41
- In This Body – 03:13
- Cut The Rot (feat. Thorsten Polomski) – 01:02
- Keep Trying – 03:16
- Anything Ahead – 03:01
- Echoes – 03:09
- No Future No Past – 03:40
- Buzz – 03:55
Credits
Interpret: ANGER MGMT.
Titel: Anger Is Eternal
Herkunft: Winterthur, Schweiz
Format: Studioalbum | Digital, CD und Vinyl
VÖ: 24. April 2026
Genre: Post-Punk | Grunge | Noise Rock | Alternative Rock
Label: Noisolution
Spielzeit: 33:56 Minuten
Aufnahme und Mix: Yvo Petrzilek, Verwaltzen Productions
Mastering: Justin Weis, Trakworx
Besetzung
Nik Petronijevic – Gesang und Gitarre
Simon Hirzel – Bass und Begleitgesang
Dominik Jucker – Schlagzeug
Thorsten Polomski – Gastgesang bei „Cut The Rot“


