Rock am Wind – AURA DIONE, SOAB, 06.09.2019, Groß Schwiesow

Rock am Wind – AURA DIONE, SOAB, 06.09.2019, Groß Schwiesow

📁 Allgemein, Live, Musik, Reviews 🕔09.September 2019
Rock am Wind – AURA DIONE, SOAB, 06.09.2019, Groß Schwiesow

Rock am Wind – AURA DIONE, SOAB, 06.09.2019, Groß Schwiesow

Seht auch die Bilder in der Galerie!

Der Bundesverband für Windenergie e.V. als Veranstalter hatte für beste Voraussetzungen gesorgt. Ein schickes Gelände, eine große Bühne und jede Menge meterhohe Flammen als Effekte, dazu moderate Preise – was will ein Open Air Besucher an einem Freitagabend mehr, wenn das Wetter auch noch mitspielt. Aber anscheinend wird aus Mecklenburg-Vorpommern kein großes Rockland mehr. Denn obwohl mit der bekannten AURA DIONE und den Lokalmatadoren SOAB zwei mehr als vernünftige Künstler aufgeboten worden sind, hätten es gerne mehr Zuschauer sein dürfen als die etwa 250 Leute, die sich auf dem Gelände tummeln. Allen Abwesenden sei bereits hier gesagt: Ihr habt ein großartiges Konzert verpasst!

Los geht es mit SOAB. Die spielen eine bunte Mischung aus Nu Metal und Deutschrock. Das hört sich zunächst etwas wirr an, passt aber dann doch irgendwie gut zusammen. Und vor allem live kommt das richtig fett rüber. Das liegt auch an einem so druckvollen wie transparenten Sound, der schön warm daherkommt, dabei aber eine ordentliche Aggressivität aufweist. Und so sägen die Gitarren brachiale Riffs im Minutentakt, türmt der Bass ein meterdickes Fundament auf und tritt das Schlagzeug die Herren vor sich auf der Bühne gar mächtig in die schicken Popos. Die Herren Münchow am Bass und Bartels am Schlagzeug sind wahre Könner ihres Fachs, die nicht nur mit technischen Finessen glänzen, sondern vor allem in ihrem symbiotischen Zusammenspiel einen massiven Groove erschaffen. Das ist megafett und verdammt arschtight. Darüber singen die beiden Herren Horstmann und Salomon. Und es ist immer wieder eine wahre Freude, die beiden völlig unterschiedlichen Charaktere bei ihrem Agieren auf den Brettern dieser Welt zu beobachten. Herr Horstmann zeigt sich wandlungsfähig, wenn er mal kraftvoll shoutet, um im nächsten Moment gefühlvoll einen eingängigen Refrain zu zelebrieren. Er steht da oben, offen und sympathisch, lächelt immer wieder still in sich hinein und strahlt in seinem unaufgeregten Habitus eine offene, ruhige und angenehm lässige Eleganz aus. Ihm ist zu jeder Sekunde anzumerken, wie sehr liebt, was er da macht, wie er lebt für die Musik, die Bühne, das Leben und die Fans. Herr Salomon wiederum ist die Sonne von SOAB. Das ist ein Entertainer, eine geborene Rampensau, der geschickt auf dem schmalen Grat zwischen charmantem Unterhalter und selbstherrlichem Gockel wandelt. In manchem Moment wirkt das etwas eitel und selbstverliebt, aber der Mann braucht die Massen, der braucht die große Bühne wie die Luft zum Atmen. Dort oben fühlt er sich wohl – und das ist zu spüren. Das ist pure Energie, das ist Kraft, das ist Leidenschaft, und das ist vor allem ganz großes Können.

Die Herren sind perfekt eingespielt und hoch motiviert. Und dies überträgt sich wie ein unsichtbarer Hauch auf die Zuschauer. Von der ersten Sekunde an fühle ich mich umarmt, respektiert und mitgenommen auf eine Reise in die Welt der guten Laune. Nicht jedem mögen die rapartigen Wechselgesänge, manch süßliche Melodie oder die Limp-Bizkit-Gedächtnisriffs gefallen (nicht umsonst wird deren „Take a look around“ gecovert). Aber die werden alle nicht nur äußerst gekonnt, sondern vor allem stets authentisch und im Brustton ehrlichster Überzeugung gespielt und gesungen. Songs wie „Überfall“, „Another Fake“, „Mit jedem Kilometer“ oder das nagelneue „Not Alone“ sind nichts weniger als Hits. Eingängig, knackig und mit einer abwechslungsreichen Dynamik spannend strukturiert. Das wird zudem verpackt in eine großartige Show. Da werden die Zuschauer stets mitgenommen und einbezogen, da gibt es Getränke für die Fans und Ausflüge Herrn Salomons in die Massen, mit und ohne Gitarre, auf dem Boden und auf den Händen der Meute. Da schießen die Flammen meterhoch in die dunkle Nacht. Da gibt es neben lockeren Sprüchen jede Menge kluge Kommentare, Geschichten aus dem Leben und eindeutige Botschaften für Respekt und Toleranz. Die Stimmung ist großartig, die Leute klatschen, hüpfen und haben vor allem eines: Spaß. Ganz viel Spaß. Ich sehe ringsum nur lachende Gesichter, und selbst mir brennt sich ein verdächtig ansteckendes Grinsen in die Visage. Nach einer Stunde ist es nach einer Zugabe vorbei und SOAB entlassen uns zufrieden und glücklich aus ihrer Umarmung. Ich kann nur sagen: Danke – und bis zum nächsten Mal.

Kleiner Tipp schon hier: SOAB sind am 19.10.2019 beim Landesrockfestival in Rostock und als Vorband von Torfrock am 22.12.2019 und 23.12.2019 in Rostock und Schwerin zu sehen. Also: Nutzt die Chance!

AURA DIONE ist wahrscheinlich ein deutlich größeres Publikum gewohnt. Doch das lässt sich die zierliche Frau mit ihrer unglaublichen Stimme nicht anmerken. Sie haut nicht nur mit „Geronimo“, „I Will Love You Monday“ und „Song For Sophie“ gleich zu Beginn ihre größten Hits raus, sondern weiß auch mit ihrer charmanten Liebenswürdigkeit zu beeindrucken. Musikalisch hat der eingängige Pop mit höchstem Hitpotential mit Rock oder gar Metal so viel zu tun wie eine Herde tobsüchtiger Wasserbüffel mit klebrigem Himbeersirup, aber dargeboten wird das alles auf eine erfrischend unbekümmerte und liebevolle Art und Weise. Zudem ist das meiste ehrliche Handarbeit – und zwar eine ganz tolle. Die vier Herren an den Gitarren, an Bass und Schlagzeug sind hervorragende Musiker und sehr gut eingespielt, vor allem aber haben sie offensichtlich eine Menge Spaß an diesem Abend. Zudem verfügt einer der Gitarristen über eine schicke Stimme, die er für ein paar wunderschöne Duette mit AURA DIONE nutzt. Insgesamt wirken die fünf Menschen auf der Bühne nicht wie ein Star und ihre Mietmusiker, sondern wie eine Band, die zusammengehört, die sich als Einheit fühlt und dies auch lebt. Und das steckt auch die Leute an, die noch nicht genug von der Vorband haben und nun die kleine Frau mit der großen Stimme und ihre musizierenden Begleiter mit lautem Jubel feiern. Die dankt es der Menge mit ihren wunderschönen Liedern. Die meisten davon haben einen feinen Ohrwurmcharakter und immer wieder ertappe ich mich bei dem Gedanken: Das kennst du doch, von der ist das also. Der neue Song „Shania Twain“ passt sich nahtlos in das Programm ein, hier wie auch im weiteren Verlauf des Konzerts zaubert AURA DIONE auf ihrer akustischen Gitarre mitreißende Countrymelodien. Ansonsten wiegt sie sich wie schwebend zu ihrer Musik und scheint genauso verzückt in ihr zu versinken wie wir Zuschauer vor der Bühne. Passend zu den Liedern gibt es schöne Bilder und Filme auf dem riesigen Bildschirm im Bühnenhintergrund, so dass sich langsam eine geradezu magische Stimmung aufbaut. Die verfliegt erst wieder, als uns AURA DIONE nach einem letzten Hit und einem warmen Gruß in die Nacht entlässt. Auch ich erwache allmählich aus dem tanzenden Nebel und denke: Wunderschön!

Und ich hoffe, dass es auch nächstes Jahr wieder heißt: Rock am Wind!

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