WHALESONG – „Disorder“

WHALESONG – „Disorder“

📁 Allgemein, Reviews 🕔30.Dezember 2018
WHALESONG – „Disorder“

WHALESONG – „Disorder“

Label: Old Temple

Laufzeit: 58:28 min

VÖ: 29.07.2017

Genre: ein Meisterwerk extremer Musik – ganz große Kunst!

WHALESONG sind zwei polnische Herren, die seit 2009 ihre ganz eigene Form von harter, vor allem aber extremer Musik erschaffen. Nach zwei EP und einer Single ist das 2017 erschienene „Disorder“ ihr Debütalbum. Und das vorweg: Wieder einmal haben Old Temple ihren Ruf als einer der innovativsten und experimentierfreudigsten Experten für harte Musik bewiesen. Da die Scheibe aus meiner Sicht viel zu wenig gewürdigt wurde, sei hier nochmals eindrücklich auf diese großartige Stück Musik hingewiesen.

WHALESONG sind schwer zu kategorisieren, und dies ist ein klares Qualitätsmerkmal dieser absolut außergewöhnlichen Musik. Am ehesten lassen sich diese ultratiefen, übereinander getürmten und zu monströsen Geräuschgebirgen aufragenden Ereignisse als zähfließender Sludge Doom Metal bezeichnen, aber da ist noch soviel mehr. Da gibt es Stoner Rock, wie ihn Kyuss nicht besser spielen könnten („Slave“), schwül, sumpfig, schwer, massiv, mitreißend. Da gibt es aber auch Ausflüge in Aggro und Post Hardcore („Degradation“ und „Ruins“). WHALESONG selbst bezeichnen ihre Musik als Industrial und mögen Recht haben, was die Art und Weise betrifft, wie sie ihre Musik zum Leben erwecken (das Ende von „Disorder“).

Das alles ist aber genau so irrelevant wie die Frage nach instrumentalem Können oder irgendeiner Art von Individualität. Denn WHALESONG sind vor allem eines: Gefühle, Seele, Assoziationen, Organismus, Bilder. Und bei mir sind das solche von Lava, Betonbrocken, Nieselregen, Dunkelheit, Rost, Qual, Asche, Planierraupe, Sandberge, Godzilla, Vulkanausbruch, Einsamkeit, Tod.

Wie sehr WHALESONG ihre eigene morbide Welt zu erschaffen vermögen, zeigt sich eindrucksvoll bei „Dearth“, eine Komposition, die einen mit ihrer aus dunklen Geräuschen sich langsam und zäh aufbauenden Tonwand zunächst abstößt, vertreibt – um sein Gegenüber dann mit völlig unbekannten, fremden Dissonanzen (es ist ein Akkordeon) neugierig zu machen und schließlich sirenengleich unwiderstehlich anzuziehen und tief einzusaugen. Und dann kommt da dieser gigantische, megalomanische Monolith „Disorder“, spießt sich tief in die Seele, packt und würgt so sehr wie er umarmt, streichelt und liebkost. Das ist unfassbar intensiv, spannend, das ist eine Reise in das Innere und weit darüber hinaus. Und es endet, wie sollte es anders sein, mit einer melancholischen Akkordeonmelodie. Das ist die pure Magie!

Fazit: WHALESONG beweisen mit ihrem Debüt „Disorder“, wie spannend, mitreißend und erfüllend extreme Musik sein kann. Das ist verdammt intensiv und fordernd, aber auch einfach nur wunderschön. Hier heißt es, sich fallen zu lassen in einen dunklen Kosmos, der bei aller Verzweiflung – und selbst, wenn WHALESONG das niemals im Sinn hatten – auch Hoffnung, Genugtuung und pures Glück zu schenken vermag. Ich kann nur eines sagen: Danke.

Liederliste:

1. Parasites (4:24)
2. Slave (4:12)
3. Degradation (4:12)
4. Juggernaut (8:17)
5. Dearth (7:31)
6. Ruins (6:54)
7. Broken Instinct (3:38)
8. Disorder (19:20)

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