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Venom (UK) Into Oblivion

Venom gehören zu jenen Bands, bei denen ein neues Album nie einfach nur ein neues Album ist. Da steht

Venom (UK) Into Oblivion

Venom gehören zu jenen Bands, bei denen ein neues Album nie einfach nur ein neues Album ist. Da steht immer gleich ein ganzes Kapitel Metal-Geschichte mit im Raum: Newcastle, NWOBHM, „Welcome To Hell“, „Black Metal“, Leder, Nieten, Krach, Provokation und dieser Urknall, aus dem später ganze Extrem-Metal-Schulen ihre eigene Religion bastelten. Dass diese Bandgeschichte nicht ohne Brüche, Streit und personelle Erdbeben auskam, gehört ebenfalls zur Wahrheit. Nach internen Konflikten in der klassischen Achse mit Mantas und Abaddon blieb Cronos der zentrale Name der offiziellen Venom-Linie und formierte die Band Schritt für Schritt neu. Erst kam Gitarrist Rage dazu, später Schlagzeuger Dante. Diese Besetzung ist längst keine Notlösung mehr, sondern die stabilste Inkarnation der Band seit vielen Jahren. Genau das hört man „Into Oblivion“ an: Aufgebaut auf ein festes Fundament aus Bass und Drums kommt der Sound herrlich ungeschliffen daher, aber eben nicht orientierungslos. Venom klingen roh, kantig und dreckig, aber mit einer kompositorischen Klarheit, die man ihnen in dieser Form nicht zwingend zugetraut hätte.

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Hört hier das kompromisslose Werk „Into Oblivion“ von Venom und schaut die Clips

Der alte Name, die neue Stabilität

Dass Venom nach all den Jahrzehnten noch einmal derart geschlossen auftreten, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Band hat mehr als eine Häutung hinter sich, und die alte Besetzungsgeschichte liest sich stellenweise wie ein juristisch unaufgeräumter Familienzwist mit Verstärkern. Gerade deshalb wirkt „Into Oblivion“ nicht wie ein zufällig zusammengeworfenes Spätwerk, sondern wie das Resultat einer Formation, die ihre Rollen kennt. Cronos ist nach wie vor der Fixpunkt: Bassist, Sänger, Symbolfigur und Zeremonienmeister. Sein Bass bildet nicht bloß das untere Frequenzfundament, sondern schiebt die Songs mit diesem typischen, knurrenden Überdruck nach vorne. Darüber keift, bellt und predigt er mit einer Stimme, die nie schön sein wollte, aber immer unverwechselbar blieb.

Bass und Drums als Betonplatte

Besonders stark ist, wie eng Cronos und Dante hier zusammenspielen. Dante trommelt nicht gegen die Songs an, sondern in sie hinein. Seine Drums geben „Into Oblivion“ jene feste Betonplatte, auf der die Riffs überhaupt erst richtig einschlagen können. Im Titeltrack „Into Oblivion“ wirkt das noch vergleichsweise klassisch: treibend, frontal, mit genau dem Maß an Kontrolle, das den Dreck nicht wegpoliert. In „Death The Leveller“ zieht er die Thrash-Schraube an, während „Dogs Of War“ fast marschierende Härte entwickelt. Der Sound bleibt dabei herrlich ungeschliffen, aber die Produktion macht die Leistung der Musiker hörbar. Nichts verschwindet im Sumpf, nichts klingt klinisch zurechtgebügelt. Genau diese Balance steht dem Album hervorragend.

Rage setzt die Riffs mit Biss

Gitarrist Rage beweist auf „Into Oblivion“, dass er weit mehr ist als der Mann, der zwischen Bassmonster und Schlagzeugwand noch ein paar Akkorde durchdrücken darf. Seine Riffs sind direkt, griffig und oft besser gebaut, als es der alte Ruf von Venom als vermeintliche Primitivisten nahelegt. „Nevermore“ besitzt eine klassische Heavy Metal-Dramaturgie, die fast galoppierend nach vorne zieht, ohne den finsteren Grundton zu verlieren. „Man & Beast“ lebt von einem massiven Hauptmotiv, das sich mit stoischer Konsequenz einbrennt. „As Above So Below“ wiederum gehört zu den atmosphärisch stärkeren Momenten, weil Rage hier nicht nur Härte liefert, sondern dunkle Konturen zeichnet. Seine Soli bleiben songdienlich, kantig und melodisch genug, um den Stücken zusätzliche Spannung zu geben.

Komposition statt bloßer Traditionsverwaltung

Die eigentliche Überraschung dieser Platte liegt in der Komposition. Natürlich erfinden Venom ihren eigenen Teufelskreis nicht neu. Warum auch? Die Zutaten sind bekannt: einprägsame Refrains, martialische Riffs, Okkult- und Unterweltbilder, dazu eine Rock’n’Roll-Attitüde, die eher nach schmutziger Bühne als nach Proberaumseminar klingt. Aber viele Songs sind sauberer aufgebaut, als man auf den ersten Blick meint. „Kicked Outta Hell“ besitzt diesen rotzigen Humor, der Venom immer vor völliger Dämonensteifheit bewahrt hat. „Live Loud“ funktioniert als Manifest ohne Umwege. „Metal Bloody Metal“ ist in seiner Direktheit fast schon absurd, aber gerade deshalb wirkungsvoll. Und „Deathwitch“ zeigt, wie gut die Band Aggression, Wiederholung und düstere Eingängigkeit zusammensetzen kann.

Wenn der eigene Mythos schwer wird

Nicht jeder Moment trifft gleich hart. „Lay Down Your Soul“ wirkt wie eine gähnend müde Aufhebung vergangener Tage, weil der Song zu deutlich auf den eigenen Klassiker-Fundus starrt. Ja, der Refrain dürfte live funktionieren. Ja, das Riff hat Schub. Aber als Studiotrack bleibt der Beigeschmack, dass Venom hier weniger nach vorne gehen als den alten Altar neu abstauben. Auch „Legend“ kratzt an der Grenze zur Selbstmythologisierung. Doch selbst diese schwächeren Momente fallen nicht völlig ab, weil die Bandleistung stimmt. Cronos trägt die Nummern mit Charakter, Rage liefert genügend Kante, und Dante hält die Maschinerie zusammen. Die Band klingt nicht jugendlich, sie klingt erfahren. Das ist ein Unterschied, den man dieser Platte positiv anrechnen muss.

Unholy Mother als würdiger Schlusspunkt

Zum Ende hin zeigt „Unholy Mother“, dass Venom auch 2026 noch Dramaturgie können. Der Song setzt nicht einfach nur einen letzten Lärmblock ans Ende, sondern baut eine dunklere Stimmung auf, die das Album sinnvoll abrundet. Gerade hier fällt auf, wie gut das Trio mittlerweile als Einheit funktioniert. Cronos gibt der Nummer Gewicht, Rage schneidet die Gitarrenlinien mit rauer Eleganz hinein, und Dante sorgt dafür, dass der Track nicht in Pathos versinkt. Für eine Band, die oft auf ihre rohe Frühphase reduziert wird, ist das beachtlich. „Into Oblivion“ besitzt nicht nur historische Legitimation, sondern eine eigene Gegenwartsberechtigung.

Unser Fazit:

„Into Oblivion“ ist kein Album, das die frühen Großtaten von Venom verdrängen wird. Das muss es auch nicht. Viel wichtiger ist, dass Cronos, Rage und Dante hier als funktionierende Einheit auftreten und den alten Bandnamen nicht bloß verwalten. Die Platte lebt von einem starken Fundament aus Bass und Drums, schneidenden Gitarren, klar aufgebauten Songs und einem Sounddesign, das Dreck und Druck nicht gegeneinander ausspielt. Natürlich gibt es Momente, in denen der eigene Mythos schwer auf den Schultern liegt. Doch insgesamt klingt „Into Oblivion“ erstaunlich vital, geschlossen und selbstbewusst. Venom bleiben Venom: roh, störrisch, ungehobelt und genau dann am besten, wenn sie gar nicht erst versuchen, jemand anderem zu gefallen.

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