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The Crypt (USA) Gichigami

Im Metalbereich gibt es einige Produktionen, die fantastisch sind, doch oft nur die Kopie der Kopie der Kopie. Vieles

The Crypt (USA) Gichigami

Im Metalbereich gibt es einige Produktionen, die fantastisch sind, doch oft nur die Kopie der Kopie der Kopie. Vieles wird übernommen, geschniegelt, in bekannte Schablonen gepresst und am Ende fehlt genau das, worauf es bei großer Musik ankommt: eine eigene Vision. Doch dann gibt es auch noch diese Bands, die es schaffen, aus der Masse des Einheitsbreis auszubrechen und etwas wirklich Eigenständiges zu erschaffen. Genau so verhält es sich bei der us-amerikanischen Band The Crypt. Was dieses Projekt mit seinem Studioalbum „Gichigami“ vorlegt, ist nicht nur kompositorische Meisterleistung, sondern Spielfreude, Mut zur Form und bis ins kleinste Detail ausgearbeitete harte Kost zwischen Progressive Metal, Death Metal, Doom und klassischer Klangsprache. Das Sounddesign ist düster, räumlich und bisweilen fast filmisch, mit Momenten, die eher an sinfonische Programmmusik und Ambient erinnern als an stumpfes Riff-Gebolze. Soll angeblich nicht zusammenpassen? Stimmt nicht. The Crypt beweisen auf „Gichigami“ sehr eindrucksvoll, dass genau aus dieser Reibung eine Sogwirkung entsteht, die sich der Hörer nicht einfach nebenbei erschließt, sondern die ihn tief hineinzieht.

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Hört Hier „Gichigami“ von The Crypt und taucht ein in ihre brachiale Welt!

Große Seen, große Geste, großes Risiko

Dass The Crypt ausgerechnet fünf instrumentale Stücke als musikalische Auseinandersetzung mit den Großen Seen veröffentlichen, klingt auf dem Papier nach einer Idee, an der viele Bands grandios scheitern würden. Zu prätentiös, zu sperrig, zu verkopft, zu wenig unmittelbar – so jedenfalls der reflexhafte Vorwurf. Doch „Gichigami“ umgeht diese Fallen bemerkenswert souverän. Das Album klingt nie nach Akademieübung, nie nach progmetaltypischem Muskelspiel um seiner selbst willen. Stattdessen hört man ein Werk, das seine kompositorische Komplexität in den Dienst der Atmosphäre stellt. Die Einflüsse von Bathory, Black Sabbath, Frank Zappa, Gentle Giant, Smetana und Tschaikowski werden nicht wie Trophäen vor sich hergetragen, sondern in eine eigene Tonsprache überführt, die gleichzeitig schwer, dunkel, majestätisch und eigensinnig wirkt. Genau darin liegt die Stärke dieses Albums: Es will nicht geschniegelt beeindrucken, sondern zieht seine Wucht aus Kontrast, Farbe und innerer Dramaturgie.

Vor allem das Sounddesign verdient hier früh Lob. Die Produktion gibt den tief gestimmten Gitarren, den Bässen, den orchestralen Schichten und den akustischen Instrumenten ausreichend Raum, ohne dass das Gesamtbild zerfasert. Wo andere Bands beim Versuch, Metal mit klassischer Instrumentierung zu verschmelzen, entweder im Kitsch oder im klanglichen Brei versinken, schaffen The Crypt hier eine erstaunlich plastische Räumlichkeit. Das liegt nicht zuletzt an der Arbeit von Daniel „BMNO“ Pavlov, dessen Mix und Mastering diesem Album Druck verleiht, ohne die Feinheiten zu opfern. Gerade weil „Gichigami“ instrumental funktioniert, muss jedes Arrangement, jede melodische Wendung und jeder Wechsel der Dynamik präzise sitzen. Genau das passiert hier.

„Gichigami“ und „Mishigami“ als monumentaler Auftakt

Der Titeltrack „Gichigami“ macht vom ersten Moment an klar, dass dieses Album keine Lust auf Schema F hat. Im gemäßigten Tempo beginnt der Opener mit einem Fundament aus wuchtigen Drums, satten Bässen und griffigen Gitarren, doch schon die ersten Lead-Melodien öffnen das Klangbild in eine Richtung, die sofort neugierig macht. Diese leicht fremdartig wirkenden, beinahe orientalisch anmutenden Leads zeigen früh, dass The Crypt nicht einfach nur schwere Riffs stapeln, sondern in größeren Bögen denken. Das Stück arbeitet mit Wechseln, Schnörkeln, Stimmungsumschwüngen und harmonischen Verästelungen, die nie aufgesetzt klingen. Statt geschniegelt durcharrangiert zu wirken, lebt „Gichigami“ von Bewegung. Ab etwa der Mitte breiten sich Streicherflächen aus, die eine melancholische, beinahe ergreifende Komponente einführen, ehe mehrstimmige Arpeggios und komplexere Rhythmuswechsel den Song in progressivere Gefilde treiben. Danach schärft sich die Kante erneut, die Drums schieben entschlossener, die Gitarren atmen stellenweise sogar eine Black-Metal-Rhythmik, nur um kurz darauf wieder in eine schwerere Doom-Färbung zurückzukippen.

Gerade dieser Wechsel aus Druck, Weite und kontrollierter Eskalation macht den Reiz des Openers aus. Wenn The Crypt später orchestrale Elemente mit den Gitarren- und Bassspuren im Gleichlauf verzahnen, entsteht ein epischer Effekt, der nie nach billiger Tapete klingt. Hier wird nicht einfach eine symphonische Schicht über Metal gelegt, hier greifen Komposition und Instrumentierung ineinander. Bemerkenswert ist auch, wie stark das Stück ohne klassischen Leadgesang funktioniert. Die Band erzählt durch Dynamik, Motivik und harmonische Entwicklung. Die ruhigeren Passagen gegen Ende, in denen akustische Gitarren die klassischen Instrumente akzentuieren, wirken dann wie die Ruhe nach dem Sturm – nicht als obligatorische Verschnaufpause, sondern als klug gesetzter Schlussbogen innerhalb eines Tracks, der kompositorisch ausgesprochen ambitioniert und zugleich erstaunlich packend bleibt.

Auch „Mishigami“ liefert danach keinen Einbruch, sondern bestätigt den hohen Anspruch. Der Song marschiert zunächst mit schwerem Rhythmus an, als würde sich eine Armee aus den Nebeln eines verfluchten Ufers schälen. Die Distortion-Gitarren stehen eng mit dem Bass verzahnt, alles klingt schwer, massiv und dunkel, ehe das Lead plötzlich von den Hörnern übernommen wird. Genau hier zeigt sich die Musikalität von The Crypt besonders deutlich: Die klassischen und folkloristischen Farben werden nicht als Gimmick benutzt, sondern als dramaturgische Werkzeuge. Wenn sich Hornlinien und leidenschaftliche Leadgitarren ablösen, wächst „Mishigami“ zu einer Klanglandschaft, die gleichzeitig kriegerisch, elegisch und filmisch wirkt. Ruhige Passagen gehen fließend in brachiale Abschnitte über, ohne dass der Song seinen inneren Faden verliert. Im letzten Viertel legt das Stück dann noch einmal deutlich nach und kulminiert in heavy Instrumentierung und einem Gitarrensolo, das technisch stark, melodisch durchdacht und emotional treffsicher ausfällt.

„Hauregane“, „Erige“ und „Kanadario“ als Triumph der Dramaturgie

Mit „Hauregane“ beweisen The Crypt endgültig, dass sie keine Angst vor Brüchen haben. Akustische Instrumente eröffnen das Stück so behutsam, dass man sich kurz fragt, ob man sich noch im selben Album befindet – und genau diese Irritation ist Teil der Qualität. Denn statt plump auf Härte zu setzen, lassen The Crypt der Atmosphäre Raum, bis die E-Gitarren wie dunkle Schatten dazutreten. Im Mix bleiben sie anfangs etwas zurückgenommen, was dem Song eine eigenartige Spannung verleiht: Die Bedrohung ist da, aber sie wird nicht sofort komplett ausgespielt. Das Doom-lastige Tempo tut sein Übriges. „Hauregane“ wirkt dadurch wie ein Stück, das seinen Hörer langsam einschnürt, statt ihn frontal zu überfahren. Wenn die düstere Produktion dann tiefer greift, hört man sehr deutlich, wie elegant die Band Death-, Doom- und progressive Elemente verzahnt. Die Komposition ist hochgradig kontrolliert, aber nie steril.

„Erige“ schlägt zunächst ruhigere Töne an und gehört gerade deshalb zu den spannendsten Momenten des Albums. Flöte, akustische Gitarre und dezente Leads im Hintergrund erzeugen eine fast friedvolle, träumerische Atmosphäre, die das Kopfkino des Hörers sofort anwirft. Doch The Crypt wären nicht The Crypt, wenn sie diese Stimmung bloß konservieren würden. Stattdessen kippt das Stück wieder und wieder in neue Richtungen: Drumbreaks reißen das Geschehen auf, Bass und Rhythmusgitarren holen die Erdung zurück, Klavierakkorde tragen einen leidenschaftlichen Lead-Sound, und plötzlich taucht ein Banjo auf, das in weniger geschickten Händen unerquicklich wirken würde. Hier funktioniert es verblüffend gut. Gerade dieser Moment, in dem Banjo, Leadgitarre und schwere Metal-Instrumentierung miteinander verzahnt werden, zeigt die kompositorische Klasse der Band. Das klingt eigenwillig, ja, aber eben auch schlüssig. Im Finale fährt „Erige“ noch einmal ein massives Metalbrett auf, das mit Doublebass, Gitarrenarbeit und kontrollierter Heavyness nachdrücklich klarstellt, wie hoch das spielerische Niveau dieser Band ist.

Der Schlusspunkt „Kanadario” führt noch einmal vieles zusammen, was „Gichigami“ stark macht. Gedämpfte, unheimliche Klavierakkorde leiten den finalen Akt ein, ehe sich klassisch gefärbte Arrangements und epischer Metal ineinander verschränken. Hier wird noch einmal deutlich hörbar, wie sorgfältig The Crypt mit Dramaturgie umgehen. Nichts an diesem Finale wirkt zufällig. Die Band baut Spannung über Raum, Textur und Schichtung auf, lässt Fingerfertigkeit auf Wucht treffen und kombiniert progressive Wendungen mit druckvollem Klang so überzeugend, dass der Abschluss nicht einfach wie das Ende einer Trackliste wirkt, sondern wie der Schlusssatz eines geschlossenen Werks. Auch die Leistungen von Nate Yuggoth, Adam Haste und Dan Smrz verdienen an dieser Stelle ausdrücklich Anerkennung: Das Zusammenspiel aus Bassfundament, Leadarbeit, Rhythmik und Percussion ist auf diesem Album außergewöhnlich stark. Dazu kommen die Gastbeiträge an Cello, Viola, Hörnern, Oboe, Violine, Flöte, Banjo, Piano und Chor, die dem Ganzen zusätzliche Tiefe verleihen, ohne die metaltypische Wucht zu entschärfen. So klingt eine Platte, die aus Können, Vorstellungskraft und kompositorischer Disziplin geboren wurde.

Unser Fazit:

The Crypt legen mit „Gichigami“ ein Album vor, das den Hörer fordert, belohnt und dabei in nahezu jeder Phase seine eigene Handschrift behauptet. Diese Platte setzt nicht auf kurzfristige Effekte, sondern auf Aufbau, Spannung, Atmosphäre und kompositorische Substanz. Die Verbindung aus Progressive Metal, Death Metal, Doom, klassischer Instrumentierung und dunklem Ambient-Flair wirkt hier nicht zusammengewürfelt, sondern bis ins Detail durchdacht. Gerade weil das Album instrumental funktioniert, treten Sounddesign, Arrangement und musikalische Fähigkeiten noch stärker in den Vordergrund – und genau dort glänzt The Crypt auf ganzer Linie. Wer Lust auf austauschbares Riff-Recycling hat, ist hier falsch. Wer aber ein episches, finsteres und mutiges Werk sucht, das den Metalbegriff nicht verwässert, sondern erweitert, bekommt mit „Gichigami“ eine Veröffentlichung, die man sich nicht nur anhört, sondern die man regelrecht durchwandert.

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