Steve Perry (USA) – Traces

Steve Perry (USA) – Traces

📁 Allgemein, Musik, Reviews, Tipp der Redaktion 🕔07.Oktober 2018
Steve Perry (USA) – Traces

 

Einfach nur Promotexte zu kopieren ist genau genommen ein Frevel, dem man sich als Schreiber nicht hingeben sollte. Wenn aber, wie in diesem Fall, so viele Informationen, Hintergründe und vor allem auch Herz in einem Text auftauchen, sollte man diesen seinen Lesern auch ruhig zukommen lassen. Und eines vorweg: Steve Perry klingt, als ob er nie weg gewesen wäre, nie der Musik abgeschworen hätte und klingt, wie vor 20 Jahren. Noch immer ist diese unglaubliche Intensität in seiner Stimme, dieses unsagbare Gefühl, das wohl nur sehr wenigen Sängern in dieser Form als Gabe mit ins Leben gegeben wurde. Natürlich ist „Traces“ ein zutiefst amerikanisches, sehr persönliches Album und natürlich ist es ein reines AOR Album. Aber es ist eines dieser wenigen Alben, das von der ersten Note berührt und ganz tief in den eigenen Emotionen ankommt. Der einzige Wermutstropfen, ist, dass in Europa lediglich die Version mit 10 Songs zur Veröffentlichung kommt, während in seiner Heimat eine Version mit 5 Bonus Tracks erscheint. Dieser Irrsinn muss einem Fan mal erklärt werden und bleibt in der heutigen Zeit von rückläufigen CD-Käufen unverständlich. So, genug gemeckert. Nun aber zum ausführlichen und beeindruckenden Promotext mit Zitaten von Steve himself.

 

„I know it’s been a long time comin’…“ – so lauten die ersten Worte, mit denen Steve Perry den Song „No Erasin’“ beginnt, jenen optimistischen, lebensbejahenden Eröffnungstitel von „Traces“, seinem ersten Soloalbum in knapp 25 Jahren. Extrem viel Gefühl, viel Soul, viel Überzeugung schwingt schon bei diesen allerersten Zeilen mit, wenn Perry, der als Stimme von Journey weltbekannt werden sollte, um danach auch als Solokünstler große Erfolge zu feiern, das wahrscheinlich persönlichste und emotionalste Werk seiner langen Karriere eröffnet…

 

Gewiss war die Wartezeit lang, das steht außer Frage, aber manchmal braucht es eben etwas mehr Zeit: Das Resultat, „Traces“, ist auch deshalb ein so ungemein reifes und  inspiriertes Album. Mehr noch: Steve Perry läuft hier zu einer Form auf, wie er es zwischenzeitlich wohl auch selbst gar nicht mehr unbedingt für möglich gehalten hätte. Gleichermaßen massiv, druckvoll, aber auch ganz intim und persönlich, klingt Traces gerade nicht nach einem Rock-Veteran, der seine Zehen nach langer Zeit noch einmal ins alte Rock-Fahrwasser eintaucht – stattdessen hört man hier einen Künstler, der dermaßen aufgeht in seiner Musik, seiner Vision, dass er es selbst kaum fassen konnte. „Ehrlich gesagt dachte ich zwischendurch sogar, dass die Musik gar kein Thema mehr für mich ist, dass mein Herz damit abgeschlossen hatte“, holt Perry aus. „Ich hatte eine tolle Zeit mit einer tollen Band gehabt, und dann hatte ich danach ja sogar noch die Gelegenheit gehabt, mich als Solokünstler auszutoben. Schließlich war es einfach an der Zeit gewesen, ehrlich zu mir selbst zu sein: In meinem Herzen wusste ich, dass dieses Gefühl einfach nicht mehr da war.“

Der ganze Trubel und die damit verbundenen Exzesse forderten ihren Tribut, wie das so oft geschieht in der Musikwelt: Also fasste ein ausgebrannter Perry in den späten Neunzigern den folgenreichen und, wie er sagt, absolut notwenigen Entschluss, diesem ganzen Business den Rücken zu kehren. Am auffälligsten daran war, wie rigoros er diesen Schnitt machte, denn er schaute tatsächlich nie zurück. „Ja, lange Zeit konnte ich Musik noch nicht mal wirklich hören“, erinnert er sich. „Mein letztes Konzert mit Journey hab ich im Februar 1987 gespielt. Und dann kam der Tag, an dem mir klar wurde, dass ich das alles einfach nicht mehr weitermachen konnte. Ich hatte wirklich das Gefühl, abspringen zu müssen von diesem Karussell, das sich immer weiterdrehte; ich musste raus aus diesem großen Mutterschiff, das wir zusammen in so viel harter Arbeit aufgebaut hatten.“

 

Während auch diese lange Erfolgsserie inzwischen weit zurückliegt, knüpft „Traces“ genau genommen an einen Punkt in seinem musikalischen Werdegang an, der sogar noch vor dieser wichtigen Zeit mit Journey liegt: Denn schon als Perry im kalifornischen San Joaquin Valley aufwuchs, war die Musik die mit Abstand wichtigste Sache in seinem Leben. Sie war seine größte Leidenschaft, auf der alle späteren Erfolge basierten. Und doch war vor gut 20 Jahren dann der Punkt erreicht, an dem er einfach wusste, dass er einen anderen Weg beschreiten musste. Es klingt abwegig und bleibt für viele unerklärlich, aber Perry, eine der größten Stimmen des letzten Jahrhunderts, hatte an dem Punkt schlicht den Glauben verloren. Weshalb er schließlich die einzige Sache tat, die er noch für möglich hielt: „Ich hörte auf zu singen“, sagt er rückblickend, „und begann, das Leben nach seinen eigenen Regeln zu leben.“

 

Lange Zeit sah’s so aus, als ob damit der Schlussstrich unter diese Ausnahmekarriere gezogen wäre. Es brauchte die Liebe und schließlich den Verlust einer außergewöhnlichen Partnerin, bis in Perry wieder der Wunsch aufflammte, die Musik zu teilen, die immer noch in ihm steckte. Im Jahr 2011 lernte er durch seine gute Freundin Patty Jenkins, jene Filmregisseurin, die auch „Don’t Stop Believin’“ von Journey in ihrem Film Monster (2003) eingesetzt hatte, eine gewisse Kellie Nash kennen, die ihren Doktor in Psychologie gemacht hatte, in jenen Tagen aber gerade mit Brustkrebs kämpfte. In den Monaten und Jahren danach sollte die Beziehung der beiden Perrys Leben komplett auf den Kopf stellen. „Ich habe ja ein paar Beziehungen gehabt, und jede davon hat mein Leben verändert“, holt der Sänger aus, „aber als ich dann Kellie traf, war das ein komplett neues Level an Veränderungen. Ich musste mein ganzes Wesen umkrempeln, damit sich mein Herz wieder ganz anfühlte. Manchmal ist es ja fast schon so, dass sich ein Herz gar nicht vollwertig anfühlt, bevor es gebrochen wurde.“

 

Als Nash schließlich im Jahr 2012 den Kampf gegen die Krankheit verlor, brach es Perry das Herz – und es war ihm wichtig, ein Versprechen einzulösen, das er ihr gegenüber gemacht hatte. „Als es Kellie richtig schlecht ging, wollte sie, dass ich ihr verspreche, mich nicht mehr so zu isolieren“, erinnert er sich. „Sie hat mir vieles beigebracht während der Zeit, die wir zusammen hatten, und eine Sache davon ist: Es ist viel besser zu lieben und diese Liebe wieder zu verlieren, als nie in den Genuss dieser Liebe zu kommen.“

 

Nach und nach holte Perry erste Songskizzen hervor, Ansätze, die er zum Teil mit Kellie geteilt hatte, wobei Highlights wie „Most Of All“ oder auch „In The Rain“ schon vor ihrer ersten Begegnung entstanden waren. Dabei schienen auch diese Stücke ihre Liebesbeziehung zu beschreiben und davon zu handeln, wie dieses Zusammentreffen schließlich sein ganzes Leben umkrempeln sollte.

„Es ging also gerade nicht darum damit abzuschließen und weiterzumachen, denn ich wollte im Gegenteil alles mitnehmen, alle Gefühle noch einmal durchleben und sie in den Songs zum Ausdruck bringen – um so hoffentlich andere zu bewegen und ihnen helfen zu können“, sagt Perry. „Eines Abends sagte sie: ‘Wenn mir etwas passiert, dann versprich mir, dass du dich nicht wieder so zurückziehst. Denn dann hätte ich das Gefühl, dass all das hier vergeblich war.’ Diesen Satz und dieses Gespräch habe ich in den Jahren nach ihrem Tod nie vergessen… und dann kehrte nach und nach meine Liebe zur Musik zurück.“

 

Schließlich holte Perry seinen Co-Produzenten und Toningenieur Thom Flowers dazu und machte sich im eigenen Studio in Kalifornien an die Arbeit. „Wir gingen also erst mal meine ganzen Demos durch – jene musikalischen Spuren (Traces), die ich hinter mir gelassen hatte. Und dann fingen wir an, eine Gruppe von hervorragenden Musikern zusammenzustellen.“ Auch hier also hielt Perry sein Versprechen: Er holte andere Menschen an seine Seite, um seine Vision zu verwirklichen, ging nicht wieder in die Isolation.

 

„Ein paar von diesen Stücken habe ich anfangs sogar nur elektronisch im Computer angelegt, aber letztlich mussten wir diese Songs in die Realität überführen“, meint Perry. „Das bedeutete, dass Musiker dazukommen mussten – echte Menschen, die ihre Herzen, ihre Seele mitbringen ins Studio. Jeder Musiker, der auf diesem Album zu hören ist, hat musikalisch und emotional dazu beigetragen. Ein Beispiel: Vinnie Colaiuta – der spielt nicht einfach nur Schlagzeug, er spielt Musik! Zufällig sitzt er in der Regel gerade am Schlagzeug, wenn er das macht! Ausnahmslos alle, die diese Songs mit mir geschrieben oder eingespielt haben, haben diese Platte überhaupt erst möglich gemacht.“

 

Was schon nach wenigen Takten auffällt ist, dass Steve Perrys Stimme heute sogar noch mehr Soul hat als früher. Sie klingt erfahren, gereift: „Ich habe meine Stimme schon immer als etwas Prozesshaftes betrachtet, als eine Sache, an der man immer weiter arbeitet“, meint der Sänger und lacht. „Singen, das ist eigentlich immer eine unvorhersehbare Sache. Schließlich besteht dein Instrument gerade nicht darin, einen Finger auf eine Saite zu legen, den Finger auf Tasten zu drücken oder Schlagzeugstöcke zu halten. Dein Instrument bist nun mal… du selbst!“

 

Der bereits erwähnte erste Albumvorbote „No Erasin’“ handelt von einer emotionalen Heimkehr. „Da geht’s um ein Klassentreffen in der alten Hofgemeinschaft, wo ich aufgewachsen bin. Konkret geht’s also um diese Rückkehr: Man nimmt wieder Kontakt auf mit einem Menschen, den man lange Zeit nicht gesehen hat, an einem Ort, an dem man früher abgehangen und rumgemacht hat – nur ist das Ganze eine Metapher für mein Publikum, das ich jahrelang nicht gesehen habe, und plötzlich bin ich wieder an ihrer Seite, sitze quasi hinten bei ihnen wieder im Auto.“

 

Ein weiteres Highlight von „Traces“ ist der gemeinsam mit Randy Goodrum geschriebene Song „Most Of All“. Goodrum hatte Perry u.a. schon in den Achtzigern als Co-Autor zur Seite gestanden, zum Beispiel für Songs wie „Oh Sherrie“ und „Foolish Heart“ vom erfolgreichen ersten Soloalbum „Street Talk“ (1984). „Der Song ‘Most Of All’ entstand schon zwei oder drei Jahre vor meiner ersten Begegnung mit Kellie“, erzählt der Sänger. „Und weil er davon handelt, einen geliebten Menschen zu verlieren, habe ich ihr die Demoversion davon auch nie vorgespielt. Tief im Herzen haben wir beide gehofft, dass die Kraft unserer Liebe vielleicht ihrem Immunsystem auf die Sprünge helfen kann und deshalb hatte ich Angst diese Traurigkeit des Stücks in unsere Welt zu bringen. Na ja, aus diesem Grund hat sie ihn also nie gehört. Doch irgendwann ging mir auf: Dieser Song handelte von Kellie – und das schon vor unserer Begegnung. Jetzt handelt er ganz sicher von ihr.“

Was „No More Cryin’“ angeht, geschrieben von Perry und Dan Wilson, der früher Teil von Semisonic war und sonst unter anderem mit Adele gearbeitet hat, wobei hier auch Booker T. Jones an der Hammond-Orgel aushilft, sei das „ganz schön schwierig, darüber zu sprechen. Ich will nur sagen: Es gibt da auch Andeutungen über die Abschottung, über meine Vergangenheit, obwohl sich auch das alles letztlich in ein Liebeslied verwandelt. Aber wenn einem ein anderer Mensch weh tut, dann ist da in der Regel auch irgendeine Art von Liebe im Spiel. Erst ganz am Schluss hat Thom diesen Song auf einem meiner Laufwerke entdeckt, und er war es, der unbedingt da ansetzen und daran weiterarbeiten wollte. Inzwischen ist es einer meiner persönlichen Lieblingssongs vom Album.“

Im Verlauf des Albums, das extrem schlüssig aufgebaut ist, landet „Traces“ bei einem mühsam erkämpften Gefühl noch am Leben zu sein – ein kleiner Sieg also gegen die Zeit, die letztlich ja doch gegen alle gewinnen muss. Under neon lights, we claim this town/No one can take us down“, lautet eine Zeile von „We’re Still Here“ – wir sind noch immer hier. Dieser Song, den Perry mit Brian West geschrieben hat, während er zusammen mit David Campbell noch ein massives Streicher-Arrangement dazu komponierte, wurde übrigens von einem Streifzug durch Hollywood inspiriert: Unterwegs in den Straßen der Metropole spürte Perry eine ganz besondere Verbindung zur jüngeren Generation, die heute genau so wild ist, wie er es früher einmal war.

 

Überhaupt findet Perry auf „Traces“ die Balance zwischen den Rückschlägen und Verlusten, die das Leben unweigerlich mit sich bringt und einem Gefühl von Hoffnung, von neuen Möglichkeiten. Über dem treibenden Fundament von „Sun Shines Gray“, das Perry mit John 5 und Thom Flowers komponiert hat, singt er dazu passend: „Even though/Our love was lost somehow, some way I know in my heart/We’ll love again, and won’t let go.“ Es geht also weiter.

Auch auf die kommenden Konzerte zum neuen Album freut sich Perry schon, obwohl er ja so viele Jahre nicht mehr auf einer Bühne gestanden hat. „Eine der Gruppen, die mir immer wieder meine Liebe zur Musik in Erinnerung gerufen hat, ist The Eels. Der Sänger von der Band, E, hat mich früher immer wieder gefragt, ob ich nicht für eine Zugabe bei ihren Konzerten mitmachen könnte. Also sagte ich irgendwann zu, betrat die Bühne nach ca. 25 Jahren – und ich war echt nervös. Ich hatte keine Ahnung, was meine Stimme hergeben oder nicht hergeben würde. Doch diese Stimme, um die ich mir da Sorgen machte, war plötzlich einfach da. Und zwar, weil das Publikum es so wollte: Ich sollte losziehen und diese Stimme für sie finden. Genau in dem Moment wurde mir klar, dass ich das Publikum brauche, um diese Stimme zu finden. Alleine schaffe ich das gar nicht.“

 

„Ich hätte gar nicht erst wieder damit angefangen, wenn’s nicht absolut ehrlich wäre und wirklich um die Musik selbst gehen würde“, sagt der Sänger abschließend. „Ich will auch gar nicht irgendwas übertreffen, was ich früher gemacht habe – oder irgendjemand anderen übertreffen oder so. Das alles ist mir heute vollkommen egal. Letztlich ist es doch ganz einfach: Als ich wieder etwas zu sagen hatte, habe ich es gesagt. Und jetzt will ich einfach nur die Musik machen, die mir wirklich am Herzen liegt, mir etwas bedeutet. Ich hoffe, dass sie dann vielleicht auch anderen Menschen wirklich etwas bedeuten wird.“

 

Fazit: Eines der vielleicht wichtigsten und schönsten Comeback-Alben der letzten Jahre.

 

  1. No Erasin’
  2. We’re Still Here
  3. Most Of All
  4. No More Cryin’
  5. In The Rain
  6. Sun Shines Gray
  7. You Belong To Me
  8. Easy To Love
  9. I Need You
  10. We Fly

 

Label: Universal Music

VÖ: 05.10.2018

Laufzeit: 40:06 Min.

Herkunft: USA

Stil: AOR

Webseite: https://steveperry.com/

Facebook: https://www.facebook.com/steveperrymusic/

 

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