METALLICA & THE SAN FRANCISO SYMPHONY – S&M²

METALLICA & THE SAN FRANCISO SYMPHONY – S&M²

📁 Allgemein, Musik, Reviews, Tipp der Redaktion 🕔30.August 2020
METALLICA & THE SAN FRANCISO SYMPHONY – S&M²

Metallica (USA) “S&M²”
VÖ: 28.08.20
Label: Blackened Recordings / Universal Music
Genre: METALLICA & Klassik!

Die zwei gefeierten Konzerte, die Metallica und die San Francisco Symphony am 6. und 8. September 2019 gespielt haben, waren in mehrfacher Hinsicht historisch: Die „S&M2“-Shows fungierten nicht nur als feierliche Eröffnung des neuen Chase Centers, sondern brachten nach gut 20-jähriger Wartezeit, erstmals seit dem Frühjahr 1999, die in San Francisco lebenden Metal-Ikonen und das Orchester wieder zusammen, die schon für ihr erstes „S&M“-Album einen Grammy gewonnen hatten. Im Rahmen der zwei Jubiläumskonzerte präsentierten sie erstmals auch Arrangements von Stücken, die Metallica erst in den Jahren danach geschrieben hatten – was die Set- beziehungsweise Tracklist von „S&M2“ wie ein Best-of mit Symphonieorchester wirken lässt.

20 Jahre nach den denkwürdigen – wenigen – S&M – Konzerten und der seinerzeitigen Veröffentlichung dieser erstmaligen und bis dato einmaligen Vereinigung von Klassik, live gespielt von dem tatsächlich weltberühmten San Francisco Symphonieorchester (welche in London und Berlin nicht schlechter waren!) kommen METALLICA und zaubern diesen vermeintlich alten Hut aus dem Repertoire, gespickt mit neuen orchestrierten Songs und ein paar Überraschungen.

Könnte nach hinten losgehen, so meint man?

Naja, so groß ist die Überraschung ja nicht. Die Verlautbarungen von den 40.000 Fans aus aller Welt, die zu den beiden Konzerten am 6.9.2019 und 8.9.2019 in San Francisco gepilgert waren, waren ja ziemlich eindeutig:  ein unglaubliches Ereignis in Klang, Wucht, Feeling, Brachialität und Innovation. Und alle, die das Konzert ein paar Wochen später in den über 3.700 Kinos weltweit sehen konnten, stimmten in diesen Kanon mit ein. Was also kann noch Ergänzendes berichtet werden?

Fangen wir vorne an: Die Produktion. Kaum zu glauben, aber in den 20 Jahren hat sich was getan, und S&M2 kommt noch druckvoller, klarer und diversifizierter rüber als der Vorgänger. Beginnend mit „THE ECSTASY OF GOLD“, bei welchem die Gitarren von Hetfield, Hammett und Trujillo und die Felle und Becken des Herrn Ulrich noch schweigen, zaubert eine besondere Atmosphäre herbei. Und wie 20 Jahre zuvor kommt „THE CALL OF KTULU“ mit zunächst leisen Klängen daher; kurz vor Ende der Tour in München ja auch noch einmal live erprobt. Das Arrangement von Micheal Tilson Thomas und Edwin Outwater ist deutlich anders als seinerzeit von Michael Kamen und schon bei der ersten Hörprobe ist das, was schon im Kino erkennbar war: die rd. 80 Musiker, die rund um die kreisrunde Bühne sitzen und stehen, schienen ob der schieren Größe des Chase Centers mit den darin befindlichen 20.000 METALLICA-Fans erst verunsichert, haben aber nach und nach „Let loose“ gegeben und schon beim Opener erkennt der Hörer: das ist nicht „Part 2“, das ist wirklich nochmal ein Level oben drauf… und weiter geht’s mit einer bombastischen Version von „FOR WHOM THE BELL TOLLS“ – im Vergleich zu der Kino-Version haben Greg Fidelman mit Hetfield und Ulrich noch einmal druckvollst drauf gelegt, ich sehe, wie meine Nachbarn fluchtartig ihren Wohnungen verlassen, denn der Spaß muss LAUT gehört werden. Was für eine Wucht!

So weit, so bekannt – und was Neues. Mit „THE DAY THAT NEVER COMES” war nun wirklich kein “vorher-nachher-Vergleich“ zu machen und hier ist ein atmosphärisch herausragendes Arrangement gelungen – alle Stimmen, die hier „FADE TO BLACK“ gewünscht haben, werden verstummen und erstmalig geht es auch mit High Speed los, das Orchester kam, so erinnere ich mich, kaum mit den Umschlagen der Noten hinterher, aber was für ein Finale Furioso!

„THE MEMORY REMAINS“ ist nur wahrlich nicht mein Lieblings-Song der Metal-Ikonen aus Kalifornien, aber diese Version haut rein – kraftvoll; was aber viel interessanter ist: mit „CONFUSION“ kommt der erste Song der „HARDWIRED“ orchestriert daher, und hier ist Michael Tilson Thomas wirklich eine großartige Kombination von Klassik mit rohem, stampfenden Heavy Metal at its best gelungen – und nach einer kurzen Anmoderation geht es mit „MOTH INTO FLAME“ erneut auf’s Gaspedal – und auch ist dies kein Spagat, den METALLICA und das SF  SYMPHONY vollziehen, sondern bildlich gesprochen trifft Ying auf Yang.

Und jeder, der METALLICA’s bislang letztes Konzert in Deutschland in Mannheim miterlebt hatte, wusste: „OUTLAW TORN“ wird es auf die Scheibe schaffen, und gerade dieser getragene, schleppende Kracher ist ein klares Highlight, was man von „NO LEAF CLOVER“ zwar auch sagen muss; selbiger ist aber weniger überraschend, auch mit der Orchestrierung von Michael Kamen aus 1999 fast identisch, trotzdem ein echtes Brett und das Solo von Kirk Hammett schlägt den internen Vergleich zu damals allerdings – und es wird frenetischer mitgefeiert, da der Song ja nun mal bekannt ist.

Wer bis dahin dachte, dass es mächtiger nicht geht: „HALO ON FIRE“. Einfach in der live-orchestrierten Version anhören. Meine pubertierende Tochter sitzt mit Tränen in den Augen neben mir. Eine unglaubliche Atmosphäre, und besonders James Hetfield wächst weit, weit über sich hinaus, und das will schon zu diesem Zeitpunkt etwas heißen  – dazu mehr später, aber „HALO ON FIRE“ das für mich bisherige Highlight der S&M2! Wieso ist dieser Song nicht fester Bestandteil eines jeden Sets? Man erkennt besonders, wie sich das gesamte Orchester austoben durfte, besonders die Bläser-Abteilung hat erkennbar Spaß, was für ein Soundgewitter!

PAUSE.

Nach ein paar wie immer nett gemeinten Begrüßungen, aber zuviel überflüssigen Ansagen von Lars wird das Feld erstmals wieder der SF SYMPHONY überlassen. Interessanter die Ansagen von Michale Tilson Thomas, der Prokowjev‘s „SCYTHIAN SUITE OP.20 II“ interpretiert und vorher noch ein wenig Geschichts- und Landeskunde über die Skyten im 8. Jh. gibt. Gleichwohl passt das Stück aufgrund der irren Tempiwechsel und den wahnsinnigen Dissonanzen sensationell hier herein. Mit „THE IRON FOUNDRY“ dreht SF SYMPHONY den Spieß um: METALLICA verleihen dem Stück von Alexander Mosolev den Heavy-Metal-Touch – eine interessante Variation, nach mehrmaligen Hören wird selbst dieser Exkurs sehr eingängig.

Danach folgt das ultimative Highlight dieser S&M2: „UNFORGIVEN III“. Mr. Hetfield stellt sich allein in die 20.000-Personen-Arena, bewaffnet nur mit einem Mikro vor sich und performt komplett unter Ausschluss jeglicher Bandmitglieder – nur SF SYMPHONY und Hetfield. Ungeachtet der Tatsache, dass bei „UNFORGIVEN III“ ohnehin Gänsehaut – Feeling aufkommt – hier ist es in Perfektion, man würde vermutlich in der Regenbogenpresse von einem „Magic Moment“ sprechen. Ein unglaubliches Stück, unglaublich arrangiert. Mit dem Wissen, dass dieser Mann wenige Tage später in eine Reha gegangen ist, wirkt das Ganze eben Gesehene und Gehörte fast bizarr. Hetfield wächst in unglaubliche Sphären hinaus, die für mich beste Ballade, die es jemals gab. 

Aber auch andere Überraschungen gehen weiter: Mit einer Akustik-Variante überraschen die Four Horsemen das Publikum erneut, diesmal „ALL WITHIN MY HANDS“, allerdings passenderweise ohne das in den Wahnsinn ausufernde Geschrei von Hetfield auf der „St. Anger“ – womit auch diese Scheibe hier vertreten wäre. Und damit die besonderen Momente nicht abebben, wird der mir bis dato nicht bekannte Bassist SCOTT PINGLE vorgestellt, der CLIFF BURTON die Ehre erweisen will und eine absolut atemberaubende Version von „(ANESTHESIA) – PULLING TEETH“ herbei zaubert. Absoluter Wahnsinn. Der Typ ist irre. 

Im Gegensatz zu dem bis eben Gehörten und Gesehenen wirkt das trotzdem starke und kaut gefeierte „WHEREVER I MAY ROAM“ geradezu normal, und man merkt, dass auch das SF Symphonic Orchestra genauso wie die Band wieder Lust auf METAL MEETS KLASSIK haben. „ONE“ müsste für mich nicht unbedingt mehr im Set sein – gleichwohl ist diese Version zweifelsohne einfach sehr beeindruckend geworden und verdient, gehört zu werden. Etwas überraschend am Ende (ja, es gibt ein Ende!) wird selbiges durch „MASTER OF PUPPETS“ eingeläutet, allerdings in einer wirklich wahnwitzigen Geschwindigkeit, deutlich schneller als noch bei der Europatour zuvor und die orchestralen Musiker kommen mit dem Umblättern kaum hinterher. Und noch ein: „Selbst wenn“ …. „Selbst wenn ich sicher nicht zu den größten Fans von „NOTHING ELSE MATTERS“ gehöre, aber selbst locker 30 Versionen davon besitze in verschiedensten Versionen – diese Version hat es in sich, auch wenn der Zauber von UNFORGIVEN III den Abend überstrahlt, aber dennoch will selbst ich diesen Blockbuster nicht missen und dem Vernehmen nach finden selbst DIE-HARD-Nothing-Else-Matters-Verächter richtig gut. Ist sie auch.

Und als am Schluss dann der „SANDMANN“ kommt – na klar, jeder ahnt, Show und CD ist vorbei, und ein wirkliches Stück Musikgeschichte ist auf LP, CD, DVD und BLU-RAY verewigt, hier ist naturgemäß für jeden Sammler oder einfach nur Musikfreund was dabei.

Der Vergleich zu S&M verbietet sich und ist zugleich natürlich  logisch: Sowohl METALLICA als auch die SF SYMPHONY haben eine neue Höhe in Songauswahl, Arrangements, Überraschungen und Zugang auch für Freunde des jeweils anderen Genre ermöglicht.

Wer sich diese Scheibe nicht zulegt, dem kann man nur wünschen, dass er seinen Aluhut irgendwann mal absetzt.

Tracklist CD 1 & 2:

  1. Metallica & The San Francisco Symphony; – The Ecstasy of Gold
  2. Metallica & The San Francisco Symphony; – The Call of Ktulu
  3. Metallica & The San Francisco Symphony; – For Whom the Bell Tolls
  4. Metallica & The San Francisco Symphony; – The Day That Never Comes
  5. Metallica & The San Francisco Symphony; – The Memory Remains
  6. Metallica & The San Francisco Symphony; – Confusion
  7. Metallica & The San Francisco Symphony; – Moth Into Flame
  8. Metallica & The San Francisco Symphony; – The Outlaw Torn
  9. Metallica & The San Francisco Symphony; – No Leaf Clover
  10. Metallica & The San Francisco Symphony; – Halo on Fire
  11. Metallica & The San Francisco Symphony; – Intro to Scythian Suite
  12. Metallica & The San Francisco Symphony; – Scythian Suite, Opus 20 II: The Enemy God And The Dance Of The Dark Spirits
  13. Metallica & The San Francisco Symphony; – Intro to The Iron Foundry
  14. Metallica & The San Francisco Symphony; – The Iron Foundry, Opus 19
  15. Metallica & The San Francisco Symphony; – The Unforgiven III
  16. Metallica & The San Francisco Symphony; – All Within My Hands
  17. Metallica & The San Francisco Symphony; – (Anesthesia) – Pulling Teeth
  18. Metallica & The San Francisco Symphony; – Wherever I May Roam
  19. Metallica & The San Francisco Symphony; – One
  20. Metallica & The San Francisco Symphony; – Master of Puppets
  21. Metallica & The San Francisco Symphony; – Nothing Else Matters
  22. Metallica & The San Francisco Symphony; – Enter Sandman

Zur Info (ich zitiere):
Der digitale Album-Release über alle Streaming-Plattformen wird flankiert von einer 4LP-Vinyl-Edition, einer 2CD-, DVD- und Blu-ray-Version. Dazu erscheint es als limited Edition Deluxe Box mit farbigem Vinyl (4LP), 2CD, Blu-ray sowie Noten, Plektren, Poster und weiterem Bonus-Material.

offizieler Trailer „Unboxing mit Doro“:

https://www.youtube.com/watch?v=PwMWwjhZRSQ&t=2s

(Quelle/Copyright – Cover/Trailer/Clips: Universal Music/OktoberPromotion)

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