Interview: SCHANDMAUL (Thomas Lindner) am 15.09.2018

Interview: SCHANDMAUL (Thomas Lindner) am 15.09.2018

📁 Allgemein, Interviews, Tipp der Redaktion 🕔19.September 2018
Interview: SCHANDMAUL (Thomas Lindner) am 15.09.2018

Interview: SCHANDMAUL (Thomas Lindner) am 15.09.2018

Im Rahmen ihrer Herbstkonzerte vor dem großen Konzert zum 20jährigen Jubiläum am 16./17.11.2018 in Köln waren SCHANDMAUL am 15.09.2018 auch in Güstrow. Ich hatte die Gelegenheit, im Backstagebereich der Sport- und Kongresshalle vor dem Konzert ein so kurzweiliges wie nachdenkliches Interview mit Sänger Thomas Lindner zu führen. Die Stimmung im SCHANDMAUL-Lager war hervorragend, so wurde während des Interviews die nahegelegene Bowling-Bahn ausgiebig genutzt und bei jedem Strike erfüllte ohrenbetäubender Jubel den Raum.

Zum Konzert gibt es auch meine Review und eine Bildergalerie!

 

Hallo Thomas. Vielen Dank dafür, dass ich heute die Gelgenheit habe, mit Dir ein Interview zu führen.

Wie geht es Dir? Wie geht es Euch?

Uns geht es gut. Morgen ist unser letztes Open Air für dieses Jahr, also der letzte Festival-Sommer-Gig, das ist jetzt das letzte Wochenende, das Abschlusswochenende. Einmal hoch an die Küste, was haben wir hier noch, etwa 60 Kilometer, und dann zurück nach Hanau, und dann geht dieser Open Air Sommer sozusagen in die Geschichte ein.

Morgen feiert „Leuchtfeuer“ seinen 2.Geburtstag, auch wenn das für Euch ja etwas anderes ist. Aber morgen vor zwei Jahren ist „Leuchtfeuer“ offiziell erschienen. Wie fühlst Du Dich heute mit dem Album, was spürst Du jetzt, nach für uns zwei, für Dich ja wahrscheinlich schon über drei Jahren, beim Hören? Und wie sind heute die Reaktionen der Leute auf die Scheibe?

Das Album hat einen schlechten Start gehabt, weil wir das Album rausbrachten und danach im direkten Anschluss auf Tournee gehen wollten. Und da kam uns die Gesundheit dazwischen. Wir mussten dann die ganze Tour absagen, und das ist fatal. Weil, eine Tour ist ja nichts anderes als das Vorstellen des Albums im Livegewand. Viele Leute haben es gar nicht mitbekommen. Die Hardliner, klar, die waren gleich dabei, aber die Anderen haben es nicht mitbekommen. Das ist sozusagen eine Veröffentlichung unter Ausschluss der Öffentlichkeit gewesen, und das ist natürlich fatal. Und „Leuchtfeuer“ hat sich auch im Nachhinein, in der Retroperspektive, eher als Langläufer herausgestellt, also da war jetzt nicht so dieses: einmal gehört und voll dabei. Sondern man musste sich schon ein bisschen reinhören, das musste wachsen, das hat Startschwierigkeiten gehabt, auch weil man es live nicht präsentieren konnte. Aber mein Gott, wenn man irgendwo gegenläuft und eine blutige Nase hat, dann muss man die abwischen und weiterlaufen.

Welchen Stellenwert hat „Leuchtfeuer“ dann in Eurem Gesamtwerk, also die Alben, wo würdest Du es da einordnen?

Nee, ich mache da keine Hitliste, aber ich sage mal, das „Leuchtfeuer“, das braucht noch ein paar Jahre, im Sinne von: Wenn wir mit einem neuen Album rauskommen, werden viele erst feststellen, Moment mal, mir fehlt ja eins.

Wo wir beim Feiern sind: Ihr wirkt in Eurer Musik, aber auch in Eurer Ausstrahlung auf der Bühne, aber auch z. B. in Eurer eigenen Bandbiographie, sehr fröhlich, begeisterungsfähig und positiv. Und Ihr feiert die Feste, wie sie fallen, bewusst, euphorisch, mit offenen Armen und Herzen. Es gab Feiern zum 10jährigen, 15jährigen, und jetzt wird es auch zum 20jährigen Bandjubiläum eine große Feier geben. Woher kommt diese Einstellung, wie wichtig ist Euch dieses Feiern des Lebens, als Band, aber auch für Dich persönlich?

Also ich glaube, für meine Kollegen mitsprechen zu können, dass es natürlich schon immer ein Privileg war, etwas besonderes, von der Musik wirklich leben zu können. Also klar, den großen Traum, mit der Haarbürste von der Mama vor dem Spiegel im Badezimmer, dass man mal irgendwann Rockstar wird, den haben viele. Nicht dass ich Rockstar wäre, aber den Traum hatte ich auch. Aber tatsächlich, wenn man dann mit 15, 16 in der Pubertät sich mit anderen Kumpels zusammenhaut und mal eine Band gründet, und in irgendeinem Jugendklub auftritt vor seinen Freunden, da ist es dann noch ein weiter Weg bis zur Professionalität. Und das schaffen die wenigsten. Weil, irgendwann ist dann der Zeitpunkt, wo du Ausbildung, Schule, Studium abgeschlossen hast, und dann wird das Hobby, von dem du dir erträumst, es vielleicht beruflich ausüben zu können, dann zu dem, was es ist, nämlich Hobby. Und man trifft sich einmal im Monat mit seinen Kumpels, um Freigang von der Frau zu haben und den Kindern, und dann freut man sich auf die zwei Konzerte, die man im Jahr gibt. So enden, keine Ahnung wie viel, über 90 plus x Prozent. Und von daher ist es großartig und ein Grund zu feiern, wenn man jetzt dieses Jahr auf 20 Jahre Bandhistorie zurückblickt. 20 Jahre. Also noch drei, vier Jahre, und die Hälfte meines Lebens habe ich in dieser Kapelle zugebracht. Oder wenn ich mir jetzt heute Abend die Leute angucken werde, das werde ich wieder einige Gesichter sehen, die wurden von der Mutter noch nicht an Land geworfen, zu dem Zeitpunkt, zu dem wir schon auf der Bühne standen. Das macht einen stolz und ist durchaus ein Grund zu feiern. Es gibt Leute, die feiern wegen nichtigeren Gründen.

Ihr macht das jetzt 20 Jahre, und das im Grunde mit stetig wachsendem Erfolg. Als ihr begonnen habt mit dieser, Eurer, Art von Musik, da gab wenig, da gab es In Extremo, Subway To Sally, wenn man das vergleichen will, aber ansonsten gab es da nicht viel ähnliches. In den letzten Jahren ist aber nicht nur in der Musik viel in Richtung Mittelalter und Folklore entstanden, sondern es hat einen richtigen Boom in der gesamten Kultur gegeben, sei es Fantasy, in Literatur und Film, etwa Game of Thrones, aber auch in der Musik mit Neo Folk, etwa Mumford And Sons oder The Lumineers. Glaubt Ihr, dass Ihr davon profitiert? Und seht Ihr Euch als Teil dieser Entwicklung, oder seht Ihr Euch eher als Vorreiter, als Protagonisten eines eigenen, Eures Weges?

Ich glaube, das wir tatsächlich alle etwas gemeinsam haben, von Mumford and Sons bis zu Herr der Ringe, von Harry Potter bis Game of Thrones, oder: Das Lied von Eis und Feuer, wie es ja eigentlich heißt! Und zwar ist es jetzt nicht speziell die Musik oder Fantasy, oder Elfen mit spitzen Ohren, nein es ist einfach ein Zeitgeist.

Eine Romantisierung? Eskapismus?

Ich glaube, dass man ein bisschen raus will. Die Zeit wird unsagbar schnell, zu schnell, glaube ich. Da erfreut sich dann, ich sage mal, die Sparkassenangestellte, am Wochenende ihre Elfenohren auszupacken, ihre schönen Kleider anzuziehen und für ein Wochenende auf einem Live-Rollenspiel oder einem Mittelalterfest in Gewandung herumzulaufen und einfach mal der eigenen Rolle zu entfliehen – und das eben in eine romantisierte und idealisierte Welt. Wie es Herr der Ringe vorlebt, auch wenn da Krieg und Mord und Totschlag herrscht, die Hobbits, oh, ist das schön, und so weiter. Das ist ja eine Welt, wo man gerne hin will – ins wahre Mittelalter will kein Mensch, wenn man das mit Fakten belegt, oder würde niemand zurück wollen, Pest und Colera und so weiter. Aber es ist diese schöne Formel, ein bisschen Magie da, ein bisschen Zauber hier, und das setzt sich in der Musik fort, Filme, Bücher, und man bietet das eben für die Dauer der CD: Die 60 Minuten, die du sie daheim einlegst, kannst du deine Gedanken fliegen lassen oder irgendwelche Geschichten träumen. Oder die zwei Stunden, die du auf dem Konzert stehst, die bist du einfach mal kurz weg, Stichwort: Auszeit. Und da muss man sich jetzt nicht wie ein Ei dem anderen gleichen, das man sagen muss, sind wir hier, sind wir dort, sind wir Vorreiter. Ich glaube, das war ein Zeitgeist, die Leute haben danach gesucht, und in den unterschiedlichsten Genres wird man bedient. Und eine dieser Ecken im Gehege besetzen wir.

20 Jahre sind viele Konzerte, Reisen, Begegnungen mit fröhlichen und zumeist glücklichen Menschen, Erlebnisse, Erinnerungen. Davor steht aber immer der künstlerische Output, ein Gesamtwerk. Und wenn ich mir Euer Werk anschaue, dann sind das neun Alben, das sind aber auch DVD’s, Singles, Videos, Projekte, und wenn man das mal zusammenzählt, da kommt man auf über 70. Und wenn man dem Internet glaubt, sind da über eine Million verkaufte Tonträger. Seid Ihr, bist Du Dir dessen bewusst, der Wirkung, was Ihr in diesen 20 Jahren an Mengen, nicht nur an Quantität, sondern auch an Qualität geschaffen habt?

Nein. Wenn man darüber nachdenkt, dann kommt man ins Stocken irgendwann. Aber was mag das für Auswirkungen haben. Wenn ich selbst für mich zurück überlege, was für Bands mich beeindruckt haben, wie wenig es brauchte, da reichte ein Album und ich schwärme heute noch davon, so ungefähr jedenfalls. Ich denke, wir haben schon eine ganze Menge rausgehauen, und durchaus den einen oder anderen vielleicht auch motiviert, selber was zu tun. Viele Leute haben uns geschrieben, dass wir sie zum Schreiben animiert haben, dass sie selber mittlerweile veröffentlichte Bücher haben, wo sie im Vorwort schreiben: Ach übrigens, im Hintergrund lief immer Mucke von. Und das macht einen dann schon stolz, okay, das darf man so sagen. Das ist ein schönes Gefühl. Man hinterlässt Spuren.

Wenn man Eure Bandbiographie liest (super geschrieben!), rauschende Feste und so: Bis Ende 2016 war es im Grunde eine riesige, ewige Erfolgsspur. Es ging scheinbar stets bergauf, kaum bergab, jedenfalls nach außen hin kaum Rückschläge und Krisen. Im Inneren mag das ja immer mal auch anders sein. Und dann kommt es eben mit einem Mal so voll, gewaltig: Dann haut es Dich weg, die Folge, ein Jahr außer Gefecht, auch die ganze Band außer Gefecht. Dann stirbt Euer künstlerischer Partner und Freund Andreas Kestenus, und dann verlässt Euch Anna. Wie hat das Dich verändert, wie hat das die Band verändert? War das eher eine Zeit der Sprache, des Miteinanders, oder eher eine Zeit der Sprachlosigkeit?

Hm. Klingt komisch, aber es war eine Mischung daraus. Sprachlos dahingehend, dass man (längere Denkpause) überrascht war ob dieser Ereignisse. Und dann natürlich, es geht nur mit Freundschaft und miteinander reden, und so hat man es dann gemeinschaftlich miteinander durchgestanden. Und im Rückblick, wenn man es dann reflektiert, und es sich ehrlich eingesteht, hätte man es kommen sehen können.

Der Ausstieg – oder auch das gesundheitliche?

Ich rede jetzt eher vom gesundheitlichen. Der Ausstieg (wieder längere Denkpause), ja, meine Oma sagt immer,  Reisende soll man nicht aufhalten. Sie hat sich so entschieden und es kam dann zu einem Zeitpunkt, wo es der Band nicht gut ging, und da ist sie gegangen. Ob der jetzt genial gewählt war? Die, die geblieben sind, haben das Ruder herum gerissen und das Schiff ist wieder auf Kurs.

Welche Auswirkungen hat das alles auf jetzt, also persönlich und auch auf die Musik?

Auf die Musik weniger, denke ich. Nein, auf die Musik nicht. Wir haben immer Musik aus dem Bauch heraus gemacht, uns immer mehr oder weniger das diktieren lassen, was uns entweder das Leben oder unsere Phantasie diktiert hat. Und das haben wir auch weiter jetzt so verfolgt. Wir haben uns einfach in neue Themen, in die Arbeit ins neue Album gestürzt und es ist da kein Ende in Sicht, was den Output anbelangt. Jedoch haben wir dann festgestellt, im Rückblick, dass wir uns hier und da verzettelt haben, uns übernommen haben, an zu vielen Fronten gekämpft, wenn ich mal so bildlich spreche. Und hier,  und kannst du nicht da ein bisschen was mitmachen, und mach doch mal da was, und hier noch ein Kinderprojekt, und wir spielen im Kinofilm da mit. Und dann muss man sich irgendwann eingestehen, dass der Drehzahlbereich eines jeden persönlichen irgendwann in den roten Bereich kommt, und irgendwann heißt es: Nach fest kommt ab, das hat auch immer meine Oma gesagt. Und wir haben uns alle die Schraube recht fest gedreht. Das soll nicht nochmal passieren.

 

Nach 9 kommt 10, nach 20 kommt 21. Und es interessiert natürlich alle: Wann gibt es neue Musik? Wie seid Ihr dabei? Was gibt es hier für Neuigkeiten?

Das neue Album ist fertig. Im Sinne von: Die Musik ist geschrieben, aufgenommen, und das Ding liegt da. Was noch nicht fertig ist, das ist die graphische Arbeit, Fotos, und Booklet, und was da sonst alles dazu gehört, da sind wir noch mittendrin. Und wir haben jetzt überhaupt keine Zeit, uns darum zu kümmern, das läuft jetzt so nebenher weiter. Wir konzentrieren uns jetzt voll und ganz auf unser Jubiläum, das 20jährige im November. Danach werden offenstehende Arbeiten abgeschlossen, und soviel sei verraten: In der ersten Hälfte von 2019 kommt das neue Album, mit dem Namen „Artus“.

Ich finde solche Songs wie „Tjark Evers“ toll. Woher nimmst Du die Geschichten? Ist das Deine detektivische Spürnase, laufen die Dir zu, kommen die auch über Fans, oder woher nehmt Ihr diese wahren Geschichten aus dem Leben?

Ja, da musst du aufmerksam sein einfach, weil die gibt es zuhauf. Und ich habe den Brief gesehen. Ich habe einen Kurztrip an die Nordsee gemacht, also ich komme ja ursprünglich von weiter oben und bin nur wohnhaft bei München. Und ich wollte eine Woche an die See, ein bisschen den Kopf freipusten und gucken, und dann habe ich einen Trip nach Baltrum unternommen und bin da in das Haus reingestolpert und habe den Brief gesehen. Und dann ist ein großartiges Buch zu dieser Geschichte geschrieben worden, „Auflaufend Wasser“ heißt das, die beiden Autoren, die ebenfalls über den Brief gestolpert sind, habe ich jetzt leider nicht auf dem Schirm, aber einfach „Auflaufend Wasser“ (Astrid Dehe, Achim Engstler, Auflaufend Wasser, Steidl-Verlag, 2013, d. Verf.), ein wunderschönes Buch, eine Novelle. Und inspiriert von diesem Buch wiederum hat ein Team einen Kurzfilm gedreht. Und ich habe mir erst das Buch reingezogen, dann den Film angeschaut, und habe dann noch richtig recherchiert, also wie es dann dazu gehört, damit man kein Kappes schreibt. Und dann kam das Lied.

Wo siehst du Dich, wo siehst Du Euch, künstlerisch, aber auch menschlich, in 10 Jahren? Was hast Du für Ziele, persönlich, aber auch mit der Band?

Gesund bleiben. So weitermachen können und dürfen, wie wir das gerade tun. Es ist wunderschön, das Team stimmt einfach, und ja, in Wahrheit ist es für mich einer der schönsten Berufe der Welt, und ich möchte ihn weiter ausüben dürfen.

Letzte Frage: Was ist für Dich die beste Coverversion aller Zeiten? Ich fange immer an, unfair, für mich ist es Marilyn Manson mit „Sweet Dreams.

Beste Coverversion (lange Denkpause)? Covern ist nun echte so eine Crux, an sich seltenst ist es schöner. Ich sage einfach mal von, Urgestein, Country, Johnny Cash, „One“ von U2.

Lieber Thomas, besten Dank! Ich wünsche Dir und Euch von Herzen Gesundheit, Erfolg, vor allem weiter das nötige Durchhaltevermögen und eine solch wunderbare Kreativität!

Hendrik

 

 

 

 

 

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