Buchreview: Roger Miret: United & Strong / New York Hardcore – Mein Leben mit Agnostic Front

Buchreview: Roger Miret: United & Strong / New York Hardcore – Mein Leben mit Agnostic Front

📁 Allgemein, Buch, Musik, Reviews, Tipp der Redaktion 🕔10.August 2018
Buchreview: Roger Miret: United & Strong / New York Hardcore – Mein Leben mit Agnostic Front

Roger Miret schuf Hardcore. Roger Miret lebt Hardcore. Roger Miret ist Hardcore.

Ein Mensch mit viel Vergangenheit, ein paar Träumen und Wünschen, Rebell, Skinhead, Punk, Dealer, Schläger, Konsument, Knacki und letztendlich doch zu einem gereiften Mann herangewachsen, dessen Kindheit alles andere als familiär behütet war. Wobei er es immer verstand, die Familie an erster Stelle zu halten und alles für die Familie tat. Als Sänger von u.a. Agnostic Front, weiß er viel von den Geschehnissen in und um New York der 80er zu berichten, als die Beastie Boys noch Punk machten, sich Hardcore mehr und mehr ausbreitete, und jeder Song der inoffizielle offizielle Aufruf zur Massenkeilerei war. Um es mal ganz vereinfacht auf den Punkt zu bringen: Punks gegen Punks, Punks gegen Skins, Skins gegen Punks, Skins gegen Skins, Hardcorler irgendwie gegen alles und jeden, Hooligans und Metaller mischten auch mit und irgendwie trafen sie sich zu den Hauereien mit passender Hintergrundmusik auf den Hardcore Konzerten, wo die Bands mit Crew auch gern in den Pulk sprangen und mitmischten. Zu einer Zeit als Punk noch gefährlich war und Skins (noch!) nicht politisch instrumentalisiert wurden.

Es geht in dieser Bio nicht um die ersten Pickel oder um den ersten nassen Fleck im Schlüpfer. Es geht um Gewalt, Ehre, Respekt, Kodex und noch viel mehr Gewalt, die Roger seit jüngster Kindheit durch Vater und Stiefväter ertragen musste. Nach der von den USA „geschenkten“ Flucht aus Kuba, verliebte er sich sehr früh in den New York Hardcore und wurde schnell ein Kind dessen. Er gibt sehr offen darüber Auskunft, was ganz besonders den NYHC ausmacht, wie er sich änderte und was er heute darstellt. Er beschreibt alles sehr detailliert: von herausfallenden Augäpfeln wenn sich eine Flasche im Gesicht verirrt, seinen Gedanken als kleiner Einwandererjunge, ob in New York Riesen leben,…und erklärt, warum er zu dem wurde was er mal war und wer er er heute ist. Erzeugt er in einem Moment Herzschmerz, weil es einem beim lesen doch arg mitnimmt, wie die familiäre Situation hauptsächlich durch Gewalt an die Mutter geprägt war, so verschlägt es auch einem gleich wieder die Sprache, wenn eiskalt gesagt wird, dass es Pech für den Zyklopen ist, wenn ihm sein Augapfel herausfällt und wie ein Käfer zertreten wird. Liebe, Hass, Aggression, Verzweiflung. Doch die Familie war immer das wichtigste in seinem Leben, besonders sein Bruder Freddy (Madball) spielt eine sehr große Rolle in Rogers Leben und Karriere, sorgte aber auch für viele lustige und dramatische Geschichten, weit entfernt von den typischen Brüderstreichen. Einsamkeit, Wut, Hilflosigkeit sowie unbändiger Freiheitsdrang führten ihn zur Musik und zu Drogen aller Art. Er holt weit aus – über die Probleme mit Hakenkreuzen, die er Anfangs als Zeichen des Chaos und Punk hielt bis er mehrmals eines Besseren belehrt wurde. Er spricht über die seltsame Situation, als Kind schon verheiratet zu sein…wenn die Ehepartnerin altersbedingt auch noch der Vormund über einen Menschen ist, der nur Musik, Mescalin, Rebellion, bzw. eine grundsätzliche „Anti-Haltung“ allen gegenüber hat. Er erzählt, welche Bedeutung die Musik, die Umgebungen, die Clubs (ja, natürlich auch der Mutterhafen des NYHC: dem CBGB) und die Menschen für ihn haben, wie Punk und Hardcore gelebt wurde, wie durchgeknallt die 80er auch in anderen Szenen gelebt wurde. Wie die White Power Bewegung Skinheads für sich gewinnen konnte, obwohl man doch gern multi-kulti gemeinsam Krach machen und high sein wollte. Zig skurrile Geschichten (schmeckt Taubensuppe wie Hühnerbrühe?) um Axtmörder, kannibalische Marihuana Gurus, viel Drama und Sensemann sowie Gewalt und Drogen.

Seine Geschichte mit Agnostic Front nimmt langsam Fahrt auf, nachdem er sämtliche Punk- und HC Bands rund um New York und Jersey kennenlernte und er seine erste noch richtig schlechte Band Distorted Youth auflöste, doch damit endet das Elend auch nicht wirklich… Für die Band war Roger definitiv ein Gewinn, denn nun konnte man auch endlich mal einen Song zu Ende spielen, bevor es wieder im Moshpit eskaliert. Von der Herstellung der 1. Single „United Blood“ über die Probleme zu den Albumaufnahmen, denkwürdigen Geschichtchen und Anekdoten aus Studios, Proberäumen, den ersten richtigen Touren sowie den Auszeiten Rogers, wird sehr schön auf die Bandgeschichte und Diskographie eingegangen.Einzelne Songs und Texte werden beschrieben, regelrecht seziert und erklärt, sehr viele interessante Informationen für Fans der leidenschaftlich-explosiven Musik Agnostic Fronts.

Letztendlich war es der Knast und die Liebe zu Kind und Frau, die Roger irgendwann haben ruhiger werden lassen. Aber der Weg bis zu diesem Punkt, der Weg bis zu den ersten Einnahmen der Band, ist der rote und doch fragwürdig-brutale (auch gern asozial genannte) Faden in dieser Bio, bzw. in seinem Leben. Heute lebt er in Scottsdale / Arizona und fühlt sich mit dem Engagement bei Agnostic Front und mit seinem Soloprojekt Roger Miret And The Disasters sehr wohl.

Fazit: Ich lehne mich soweit aus dem Fenster und behaupte, dass „United & Strong“ nicht nur die Biographie eines jungen Wilden auf dem Weg zum Mann ist, sondern grundsätzlich eine Art Wikipedia zum Thema Hardcore, genau gesagt: New York Hardcore ist. Alle relevanten und beteiligten Bands der Zeit werden genannt, Geschichten aus den Clubs und diversen Konzerten der damaligen Szenegrößen rund um die Lower East Side Crew. Ein wichtiger Teil der Musikgeschichte, der nicht so aalglatt in die Musikgeschichtsbücher oder sog. Hall Of Fames passt, was aber die Musiker wohl am wenigsten stört. Gespickt mit Bandgeschichten einer jungen Band mit vielen Anhängern ohne kommerziellen Erfolg, liest sich das von Jon Wiederhorn (Autor, u.a. Spin, Rolling Stone, div. andere Bios) geschriebene und durch Roger autorisierte Buch, sehr kurzweilig, lässt einen schmunzeln, aber auch schlucken. Und wer wollte nicht schon immer mal wissen, warum sich Mike Ness eingeschissen hat, woher der Titel für Metallicas „And Justice…“ kam, und so unglaublich vieles mehr… Es gibt ein paar seltene Bilder und Vorworte von Freunden und Wegbegleitern wie Al Barr (Dropkick Murphys) & Jamey Jasta (Hatebreed).

Roger Miret: UNITED & STRONG / New York Hardcore – Mein Leben mit Agnostic Front

geschrieben von Jon Wiederhorn

ISBN 978-3-940822-12-3

Iron Pages Books

19,90 €

Agnostic Front im Netz:

FB – https://www.facebook.com/agnosticfront/

Roger Miret And The Disasters im Netz:

FB – https://www.facebook.com/Rogermiretandthedisasters/

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