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Interview mit LAUTSTÆRKE Sänger André: Zwischen Tag und Nacht in der „DÆMMERUNG“

Mit „DÆMMERUNG“ starten LAUTSTÆRKE nicht einfach ins neue Jahr – sie schlagen ein Kapitel auf, das zugleich unmittelbarer, persönlicher

Interview mit LAUTSTÆRKE Sänger André: Zwischen Tag und Nacht in der „DÆMMERUNG“

Mit „DÆMMERUNG“ starten LAUTSTÆRKE nicht einfach ins neue Jahr – sie schlagen ein Kapitel auf, das zugleich unmittelbarer, persönlicher und konzeptioneller wirkt als alles zuvor. Zwischen punkiger Kante, hymnischen Rock-Momenten und eingängigen Hooks spannt die Band ein Tag-und-Nacht-Panorama auf: mal sarkastisch und nach vorn preschend, mal schwer, fragil und unbequem nah an realen Situationen. Themen wie Orientierungslosigkeit, gesellschaftliche Schieflagen, Ausgrenzung, Kontrollverlust und der kleine, trotzige Überlebensimpuls ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch die Platte – ohne moralischen Zeigefinger, aber mit klarer Haltung.

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Erlebt hier nochmal DÆMMERUNG von LAUTSTÆRKE in BILD und TON

Wir haben uns mit Frontmann André getroffen und uns unterhalten: über den langen Weg zur fertigen Tracklist, das Spiel mit Hell/Dunkel-Kontrasten, den Wert von Feedback, die Entwicklung der Live-Inszenierung – und darüber, warum LAUTSTÆRKE ihre Musik ernst nehmen, sich selbst dabei aber nie zu wichtig.

Hey André, wir freuen uns, dass ihr du dir die Zeit für einen Plausch nimmst, so kurz nach Jahresanfang. Wie geht es euch?

Uns geht es tatsächlich gut. Nicht im Sinne von „alles easy“, sondern eher in dem Gefühl, gerade etwas in den Händen zu halten, das sich richtig anfühlt. Dieses Album ist sehr nah an uns dran, sehr persönlich – und wenn man so etwas fertigstellt, fällt erst mal viel ab. Jetzt ist da vor allem Vorfreude. Auf Reaktionen, auf Gespräche, auf das, was die Songs mit anderen Menschen machen. Wir hoffen, Dir geht es auch gut, lieber Interviewpartner. 

Euer neues Album „DÆMMERUNG“ klingt für mich wie eine Mischung aus Serum 114, Die Toten Hosen, Die Ärzte – und gleichzeitig schimmert da auch Alternative Rock sowie Pop-Appeal à la Echt oder sogar Tokio Hotel durch und dennoch, ihr seid originell genug, dass man euch definitiv nicht als Abklatsch betiteln kann: Welche Einflüsse sind bei euch wirklich entscheidend, und welche Referenzen treffen euch komplett falsch?

Das ist schwer zu greifen. Die Einflüsse passieren bei uns eher unterbewusst. Natürlich sind Die Ärzte und Die Toten Hosen Helden unserer Jugend, das kann und will man auch gar nicht weg reden. Aber wir hören extrem viel Musik – quer durch alle Größenordnungen und Genres. Da bleibt zwangsläufig immer etwas hängen. Am Ende kann ich aber nicht wirklich sagen, wo unser Stil herkommt oder wie er sich definiert. Wenn uns jemand irgendwo einordnet, ist das okay – wir selbst können es oft nicht.

„DÆMMERUNG“ steht jetzt im Raum: Was war euer innerer Maßstab, an dem ihr jeden Song gemessen habt, bevor er „albumwürdig“ war?

Wir hatten bei dieser Platte zu viel Zeit. Drei Aufnahmesessions über mehrere Jahre, unzählige Demos. Relativ früh wurde klar, dass es zwei Pole gibt: Tag und Nacht, helle und dunkle Seiten. Als dieses Bild einmal stand, haben sich fast automatisch Muster entwickelt.

Am Ende haben wir auf beiden Seiten ungefähr gleich viele Songs. Trotzdem ist viel gutes Material liegen geblieben – nicht, weil es schlecht war, sondern weil es thematisch nicht gepasst hat. Aber das ist nicht weg. Manche Songs stammen sogar noch vom Vorgängeralbum und haben hier plötzlich Sinn ergeben.

Viele Bands sprechen vom „zweiten Album“ als Lackmustest: Was war bei euch der größte Druckpunkt – Erwartungen, Songqualität, Sound oder das eigene Selbstbild?

Einen echten Druckpunkt gibt es bei uns nicht. Beim Schreiben ist da eher Vorfreude als Angst. Natürlich freut man sich über Klicks, Feedback und Reichweite – aber das kann man vorher nicht beeinflussen. Die, die es hören wollen, freuen sich. Und die anderen eben nicht.

Sich vorher schon Druck zu machen, bringt uns kreativ nichts.

„Kompass“ wirkt wie ein Knoten im Magen – Zukunftswille bei innerer Blockade: Welche reale Situation oder Emotion steckt hinter diesem Orientierungslosigkeits-Bild?

Grundsätzlich haben alle Songs auf der Platte einen realen Bezug – entweder zu uns selbst oder zu Menschen aus unserem Umfeld.

Bei „Kompass“ ist dieser Bezug besonders nah. Vielleicht näher als bei vielen anderen Songs. Ohne ins Detail zu gehen: Der Track ist sehr eng mit der Band verbunden und trifft einen Punkt, den wir alle kennen.

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Schaut hier Schöner Tag

„Schöner Tag“ ist Trotz, Spott und Vollgas: Ist das für euch eher gesellschaftlicher Kommentar oder einfach der ehrlichste Weg, mit dem Wahnsinn da draußen umzugehen?

Beides, aber vor allem ein gesellschaftlicher Kommentar. Zwei Drittel der Songs sind während der Corona-Zeit entstanden, „Schöner Tag“ ganz vorneweg. Mir war damals wichtig, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Mit einem Augenzwinkern wollte ich mich und andere daran erinnern, wieder nach vorne zu schauen. Sich täglich selbst nicht zu mögen, bringt niemanden weiter.

„Fenster“ zeichnet Erschöpfung und Abgeschnittensein: Wie schafft ihr es, so ein Thema ernst zu nehmen, ohne es in Pathos zu ertränken?

Durch Gespräche, Erfahrungen und ehrliches Hineinversetzen. Es gibt frühe Demos, die wir bewusst an Menschen schicken, deren Meinung uns wichtig ist – auch an Leute, denen es nicht immer gut geht. Wenn dann das Feedback kommt: „Das ist nah dran, aber es hilft auch“, dann wissen wir, dass wir richtig liegen. Ich mache mir beim Schreiben keine Gedanken darüber, ob etwas zu pathetisch oder zu nüchtern ist. Ich will es ehrlich abbilden. Die Einordnung überlasse ich den Hörenden.

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Schaut hier den Clip zu Fenster

„Rendezvous“ karikiert Online-Dating bis zum Abbruch: Wo zieht ihr beim Humor die Grenze zwischen „spitz“ und „platt“ – und wie oft habt ihr beim Schreiben selbst gelacht?

Wir ziehen da keine feste Grenze. Es gibt Stellen auf der Platte, die bewusst platt sind – und das darf auch sein. Ich arbeite gerne mit Wortwitz und Zweideutigkeit, aber manchmal muss es einfach direkt sein. Eine Regel gibt es dafür nicht.

„Allerletztes Lied“ ist bittersüß, fast schon fragil: Wie verändert so ein Song eure Stimmung im Proberaum – und würdet ihr ihn live eher als Mutmoment oder als Warnsignal sehen?

Die Stimmung der Nachtseite – inklusive „Allerletztes Lied“ – ist eine ganz andere im Proberaum die Songs der Tagseite spielen. Da wird weniger gewitzelt, mehr gefühlt. Wir geben auch in den Proben 100 Prozent. Denn einen Song zu performen, ohne ihn zu fühlen, dass ergibt keinen Sinn.

„Unfassbar“ startet leicht und kippt dann in Rock-Schärfe: Was fasziniert euch an diesem Hell/Dunkel-Kontrast – und wer von euch treibt solche Brüche am stärksten?

Diese Brüche gab es bei uns schon immer. Oft entstehen sie schon beim Demoschreiben, ganz ohne Absicht. Wir mögen das einfach. Es ist kein Konzept, eher Zufall – aber offenbar etwas, das zu uns gehört.

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Der Song Anders im fantastischen Video

„Anders“ funktioniert als Statement gegen Ausgrenzung: Was wollt ihr, dass die Leute nach dem Song konkret fühlen oder denken – Stolz, Wut, Rücken gerade?

Wir wollen mit einem Song etwas auslösen – egal was. Stolz, Wut, Rücken gerade, Nachdenken. Es ist gut, wenn ein Track polarisiert. Deshalb war „Anders“ für uns auch dierichtige erste Single nach längerer Zeit. Ein Statement, bewusst poppig verpackt, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

„Schönheit“ spielt mit der verführerischen Nacht und dem Preis, den sie fordert: Ist das ein Song über Sehnsucht, Sucht, Kontrolle – oder bewusst alles gleichzeitig?

Ganz ehrlich: alles davon. Für mich ist das ein Song mit zwei Gesichtern. Tagsüber unauffällig, fast harmlos – nachts dann alles andere als das. Verführung, Macht, Kontrollverlust, aber auch Faszination. Wir haben hier bewusst mit Bildern gearbeitet und Dinge benannt, die man sonst gerne ausspart. Alkohol, Prostitution, Abhängigkeit – ohne moralischen Zeigefinger.

Für manche ist das abschreckend, für andere vielleicht sogar reizvoll. Genau das wollten wir stehen lassen. Keine abschließende Wertung, kein Urteil. Der Song darf und soll Fragen aufwerfen.

„Verfolgt von dir“ wirkt wie ein Thriller mit Perspektivwechsel: Warum reizt euch dieses Graubereich-Erzählen zwischen Opfer- und Tätergefühl?

Das ist tatsächlich ein Text, bei dem ich mir selbst zum ersten Mal dachte: Okay, das ist mir vielleicht ganz gut gelungen. Nicht, weil er besonders clever ist, sondern weil ich versucht habe, mit sehr wenigen Zeilen eine komplette Geschichte zu erzählen – fast wie ein kleiner Krimi. Ursprünglich ging das Ganze in eine übernatürliche Richtung. Das haben wir dann bewusst gedreht, weil wir auf dieser Platte insgesamt näher an realen Situationen bleiben wollten. Viele Songs sind aus der Ich-Perspektive geschrieben, sehr emotional, sehr direkt. „Verfolgt von dir“ ist da vielleicht die extremste Form davon. Es ist keine Geschichte, die jeder erlebt – hoffentlich nicht. Aber sie ist realistisch. Und genau das macht sie unbequem.

„Tanzen“ klingt wie ein sehr menschlicher Gegenimpuls gegen innere Schwere: Was bedeutet euch Bewegung als „Therapie“ – und wo endet Ablenkung, wo beginnt Rückkehr ins Leben?

Bei „Tanzen“ geben wir tatsächlich mal eine Art Lösung mit. Das machen wir sonst nicht immer. Es geht um Bewegung – nicht nur körperlich, sondern vor allem im Kopf. Raus aus der Starre, raus aus dem Gedankenkarussell. Der Song sagt im Grunde: Egal, wie schwer es gerade ist – bleib nicht stehen. Beweg dich. Geh raus. Such dir Menschen. Und genau deshalb endet der Song mit dieser klaren Botschaft: Wir können tanzen, als wär’s der letzte Tag. Das ist kein naiver Optimismus, sondern eher ein Überlebensimpuls

„Aus Sand“ bricht die Idylle sarkastisch, „Strand“ macht daraus Fernweh als Möglichkeit: Warum sind Eskapismus und Tagtraum bei euch nicht nur Flucht, sondern oft auch Aufbruch?

„Wir können tanzen, als wär’s der letzte Tag.“ 😉

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War der erste Appetizer des Albums der epische Clip zu „Nacht“

„Nacht“ stellt existenzielle Fragen und arbeitet mit kosmischem Staunen: Was muss ein Text leisten, damit er groß denkt, aber trotzdem im Bauch landet?

Gerade bei „Nacht“ war das Schreiben eine echte Herausforderung. Es gab extrem wenig Platz für den Text, aber ein riesiges Thema. Am Ende ging es nicht darum, alles auszuerzählen, sondern ein Gefühl einzufangen: Ein später Abend, Stille, Blicke in den Himmel, Gedanken, die plötzlich sehr groß werden. Dieses Momentgefühl – dieses „Wir sind klein und schauen ins Unendliche“ – war der Kern des Songs. Alles andere kam erst danach. Manchmal braucht es erstaunlich wenig Worte, um etwas Großes zu sagen.

„Leben“ stellt am Ende die Sinnfrage: Schreibt ihr solche Songs, um Antworten zu finden – oder um euch selbst die richtigen Fragen nicht mehr zu ersparen?

Beides. Beim Schreiben sind mir viele Situationen begegnet, die ich selbst erlebt habe – sehr viele sogar. Ursprünglich sollte der Refrain davon handeln, wie unfair oder hart das Leben manchmal ist. Und dann kam diese eine Frage: Wer hat uns dieses Leben eigentlich geschenkt? Ab da hat sich der Song gedreht. Es ging nicht mehr nur um Härte, sondern auch um Verantwortung, Hoffnung und dieses ständige „Weiter, weiter, weiter“.

Trotz allem geht es weiter. Und das darf – oder muss – man sich manchmal selbst sagen.

„Zug“ ist Veränderungsdrang pur: Welche Art „Ballast“ meint ihr da – private Altlast, gesellschaftlicher Pessimismus oder auch Erwartungen an euch als Band?

„Zug“ ist ganz bewusst der erste Track der Platte. Er sagt im Grunde: Schnall dich an, jetzt geht’s los. Musikalisch passiert viel, textlich ist es eher reduziert. Aber genau das reicht, um dieses Gefühl von Aufbruch zu transportieren. Manchmal braucht es keine poetischen Meisterwerke – manchmal reicht ein klarer Impuls. Das hat Tobi lyrisch sehr gut auf den Punkt gebracht.

„Aufzug“ als humorvolles Bindeglied mit Ansage-Stimme: Wie wichtig sind euch solche szenischen Momente, damit ein Album wie eine zusammenhängende Reise wirkt?

Sehr wichtig. Wir sehen ein Album immer als Gesamtwerk das zwingend einen roten Faden braucht. Hier wussten wir sehr früh, dass es zwei Lager gibt: Tag und Nacht. Und um diesen Übergang spürbar zu machen, wollten wir etwas anderes als klassische Zwischendialoge; wir wollten Atmosphäre.

Wie entscheidet ihr grundsätzlich, wann ein Thema direkt ausgesprochen wird und wann ihr lieber mit Bildern, Figuren und kleinen Plots arbeitet?

Gar nicht bewusst. Man schreibt erst einmal drauf los. Manchmal fließt es, manchmal gar nicht. Manche Texte stehen in 15 Minuten, andere brauchen Tage – und gerade die brauchen oft mehrere Richtungswechsel. Ob ein Song fröhlich oder düster klingt, spielt dabei keine Rolle. Man kann eine leichte Melodie mit einem schweren Text kombinieren – oder umgekehrt. Dafür gibt es bei uns keine Regeln.

Lautstærke ab 2025

Musikalisch pendelt ihr zwischen Heavy Rock, Alternative und Indie-/Punk-Kante: Was ist bei euch das nicht verhandelbare Markenzeichen – Gitarrenarbeit, Hooks, Textton, Groove?

Wir nehmen uns selbst nicht sehr ernst – aber wir nehmen unsere Musik ernst. Und wir wollen immer etwas mitgeben. Eine Haltung, einen Gedanken, ein Gefühl. Es wird immer Ausreißer geben. Songs, die leichter sind, direkter, vielleicht auch alberner. Aber egal wie unterschiedlich wir klingen: Es bleibt Lautstaerke.

Im Studio: Wie viel ist bei euch „Band im Raum“ und wie viel ist Feinarbeit am Arrangement, bis jede Kurve sitzt?

Diese Platte war stark von Corona geprägt. Viel Heimarbeit, viel Hin- und Herschicken, viel Feinschliff. Manche Demos haben wir zehnmal überarbeitet, bevor wir sie überhaupt aufgenommen haben. Zukünftig wollen wir wieder mehr im Proberaum entstehen lassen. Aber dieser extreme Detailgrad hat dieser Platte definitiv gutgetan.

Welche Sound-Entscheidung war auf „DÆMMERUNG“ am wichtigsten: Gitarrenstimmung/Low-End, Vocal-Ästhetik, Drumsound, Synth-Farbe – was war der Gamechanger?

Wir haben hier mit unserem Produzenten Frederic Gieselbach ein blindes, musikalisches Verständnis. Er bringt immer wieder neue Impulse rein, entwickelt sich selbst weiter und arbeitet extrem detailverliebt. Das Album klingt dadurch noch wacher, moderner und runder als der Vorgänger.

Euer Gig am Zülpicher See als Support für Völkerball war für euch ein markanter Moment: Wie habt ihr den Abend erlebt – und gab es einen Augenblick, an dem ihr gemerkt habt, dass das Publikum wirklich „bei euch“ ist?

Dieser Abend wird für uns immer besonders bleiben. Für zwei von uns war es der erste richtig große Gig – Sprung ins kalte Wasser. Großartige Menschen, großartiges Publikum.

Als wir gespielt haben, schien die Sonne. Als Völkerball auf die Bühne ging, fing es an zu regnen. Sorry nochmal dafür, Jungs! 

Und direkt daran anschließend: Was habt ihr aus diesem Völkerball-Support-Gig ganz konkret mitgenommen – für eure Setlist, euer Auftreten und eure Ansagen zwischen den Songs?

Wir wollen weniger reden und mehr erzählen – über Musik, über Bilder, über Atmosphäre.

Mehr Show, mehr Verkörperung, weniger klassische Ansagen. Die Masken, die Inszenierung – das haben wir dort zum ersten Mal ausprobiert. Und wir sind dabeigeblieben. Wir wollen die Botschaften und Stimmungen der Songs ein stückweit greifbarer für das Publikum machen.

Ihr habt eine originelle Mini-Clip-Doku-Phase über Social Media gemacht: Was wolltet ihr damit zeigen, was man über eine Rockband sonst nie mitbekommt – und gab’s Momente, die euch selbst überrascht haben?

Das war auch für uns selbst eine Art Verarbeitung. Abschiede, Veränderungen, Neuanfang – wir wollten das nicht in einer nüchternen Pressemitteilung abhandeln, sondern visuell erzählen. Ein bisschen sarkastisch, ein bisschen chaotisch – aber im Ergebnis ehrlich.

Es gab personelle Einschnitte: Was könnt und möchtet ihr über die Gründe sagen, warum Tim sowie später Marvin und Marco nicht mehr Teil der Band sind?

Es gab Phasen, in denen Energie, Kraft oder gemeinsame Ziele nicht mehr gepasst haben.

Solche Entscheidungen sind schmerzhaft, aber manchmal notwendig, damit etwas weiterleben kann. Menschlich bleibt man verbunden. Musikalisch musste sich etwas bewegen.

Mit Erik und Zhen sind neue Leute dazugekommen: Was bringen die beiden musikalisch und menschlich mit, das LAUTSTÆRKE heute stabiler oder „gefährlicher“ macht?

Es fühlt sich tatsächlich wie ein Neuanfang an. Zwei sehr junge, sehr motivierte Menschen mit vielen Ideen. Es gibt wieder mehr Diskussionen, mehr Reibung, mehr Austausch. Und das ist etwas sehr Gutes. Alles läuft weiterhin demokratisch. Jede Stimme zählt. Aber das Interesse, die Energie, dieser Wille, etwas zu gestalten – das ist im Moment extrem präsent.

Ihr arbeitet mit dem Independent-Powerhouse NRT-Records, eurem langjährigen Label: Was ist der größte konkrete Vorteil dieser Zusammenarbeit – und was wäre ohne diesen Rückhalt deutlich schwieriger?

Das ist für uns ein ganz entscheidender Punkt. Es ist ja kein Geheimnis, dass man in dieser Branche ein gutes Netzwerk braucht, um überhaupt eine Chance zu haben, mit seiner Musik viele Menschen zu erreichen. Und genau da ist NRT für uns ein extrem starker Partner.

Was aber fast noch wichtiger ist: Es fühlt sich nicht nach klassischer Labelarbeit an. Es ist wenig geschäftlich, dafür sehr menschlich. Offen, direkt, unkompliziert. Wir haben immer das Gefühl, ernst genommen zu werden – auch mit Ideen, die vielleicht nicht sofort „vernünftig“ oder „marktkonform“ wirken. Da wird nicht direkt gebremst, sondern erst mal zugehört.

Man hat kurze Wege, man kann jederzeit anrufen, auch den Labelchef selbst, Philipp Gottfried, wenn irgendwas ist. Und obwohl dort viele Bands unter Vertrag sind, hat man nie das Gefühl, dass man hinten runterfällt. Diese Verlässlichkeit und dieses Vertrauen geben uns eine enorme Freiheit – und die spürt man am Ende auch in der Musik.

Blick zurück: Was war der Moment in eurer Bandhistorie, an dem ihr gemerkt habt, dass aus „Projekt“ ernsthaft „Band“ geworden ist?

Das war kein einzelner Moment, sondern eher mehrere. Nach guten Gigs, wenn man von der Bühne kommt und merkt: Okay, das war echt. Nach fertigen Songs, bei denen alle ihren Teil beigetragen haben. Und ganz besonders nach schwierigen Phasen. Gerade dann, wenn es nicht läuft, wenn Zweifel aufkommen oder Entscheidungen getroffen werden müssen, merkt man, ob etwas nur ein Projekt ist – oder eben eine Band. Und wir hatten einige dieser Phasen. Aber genau die haben insbesondere Tobi und mich zusammengeschweißt.

Ihr habt euch in einem großen Wettbewerb gegen sehr viele Acts durchgesetzt und euch einen Slot auf einer großen Bühne erspielt: Was hat dieser Erfolg intern verändert – Anspruch, Arbeitsweise, Erwartungsdruck?

Erwartungsdruck hat das bei uns nicht erzeugt. Eher Dankbarkeit. Wir wissen sehr genau, dass nichts davon selbstverständlich ist. Jeder Gig, jede Bühne, jedes Publikum ist ein Geschenk. Gerade die Shows in 2025 – beziehungsweise im letzten Jahr – haben uns das noch mal deutlich gemacht. Das waren durchweg besondere Abende. Unsere einzige Hoffnung ist, dass wir das weiterhin tun dürfen. Nicht, dass es größer, höher oder schneller wird – sondern dass es weitergeht.

Euer Debüt hatte spürbare Resonanz und messbare Erfolge: Welche Form von „Erfolg“ zählt für euch rückblickend am meisten – Charts, Reichweite, volle Clubs, Anerkennung aus der Szene?

Ganz klar: Feedback. Wenn jemand schreibt, dass ein Song etwas ausgelöst hat. Wenn Menschen bei Konzerten Texte mitsingen. Wenn jemand sagt: „Dieser eine Song hat mich in einer bestimmten Phase begleitet.“ Wir feiern unsere Releases selbst sehr intensiv. Wir hören die Platte rauf und runter, freuen uns über das, was wir da geschaffen haben. Aber das Schönste ist, wenn andere Menschen einen Bezug dazu entwickeln.

Wenn ihr eure bisherigen Releases als Kapitel seht: Welches Kapitel war am härtesten zu schreiben – und welches hat euch am meisten Selbstvertrauen gegeben?

Die Zeit rund um Anfang 2023 war definitiv schwierig. Es gab eine Phase, in der wir als Band nicht richtig in Schwung gekommen sind. Und da habe ich für mich klar gesagt: Wenn sich hier nichts bewegt, weiß ich nicht, wofür wir das Ganze weitermachen sollen.

Daraufhin hat sich vieles verändert – aber nicht alles sofort genug. Es gab personelle Entscheidungen, die nicht leicht waren, aber notwendig. Bei manchen ging es um Interessen, bei anderen schlicht um fehlende Kraft für das, was wir vorhatten. Rückblickend war genau diese Phase aber auch die, die uns am meisten Selbstvertrauen gegeben hat.

Weil wir gemerkt haben: Diese Band lebt, solange es Menschen gibt, die dafür brennen.

Und jetzt nach vorn: Was ist für euch der nächste logische Schritt nach „DÆMMERUNG“ – mehr Shows, größere Festivals, gezielte Singles, oder direkt wieder neues Material?

Wir planen nichts fest ein. Diese Branche folgt keiner Logik. Man kann sich auf nichts verlassen – außer darauf, sein Bestes zu geben. Gerade sind wir einfach froh, ein Album veröffentlicht zu haben, hinter dem wir voll stehen. Was damit passiert, wird die Zeit zeigen.Ideen gibt es genug. Themen auch. Und wir trauen uns inzwischen deutlich mehr als früher.

Was möchtet ihr live noch stärker abbilden: die Dunkelheit des Albums, die humorvolle Kante, oder bewusst die ganze Spannweite in einem Set?

Wir wollen die ganze Spannweite zeigen. Hell und Dunkel. Humor und Ernst. Leise Momente und komplette Eskalation. Das Tag-und-Nacht-Konzept hat uns da neue Möglichkeiten eröffnet – und wir werden das weiter ausbauen. Mehr Atmosphäre, mehr Inszenierung, mehr Erlebnis.

Welche Risiken wollt ihr beim nächsten Album bewusst eingehen, die ihr euch diesmal vielleicht noch nicht erlaubt habt?

Eigentlich alle – solange wir sie selbst moralisch vertreten können. Wir testen aus, wie weit wir gehen können. Und wenn wir irgendwann merken, dass etwas zu weit ging, dann sagen wir das auch offen. Grenzen setzen wir uns selbst. Nicht, weil jemand von außen sie vorgibt.

Danke euch – war mir ein Fest. 

Die letzten Worte gehören euch: Was wollt ihr den Leserinnen und Lesern, euren Fans und allen, die LAUTSTÆRKE gerade erst entdecken, noch mitgeben?

Wir sind einfach dankbar. Für jede Person, die zuhört. Für jedes Feedback. Für jede Nachricht. Und wir können nur sagen: Meldet euch. Denn zu wissen, dass diese Songs irgendwo ankommen – das ist der eigentliche Grund, warum wir das alles machen.

Am Ende bleibt nach diesem Gespräch vor allem der Eindruck einer Band, die sich nicht hinter Konzepten versteckt, sondern sie nutzt, um näher an die eigenen Wahrheiten heranzukommen. „DÆMMERUNG“ wirkt wie ein bewusst gesetzter Schnitt zwischen dem, was war, und dem, was jetzt möglich ist – mit mehr Mut zur Reibung, mehr Atmosphäre und dem klaren Willen, live nicht nur zu spielen, sondern zu erzählen. Wer LAUTSTÆRKE gerade erst entdeckt, findet hier keinen glatten Rock-Entwurf, sondern Songs, die Haltung zeigen und etwas auslösen wollen. Und wer schon länger dabei ist, merkt: Diese Band ist angekommen – und gleichzeitig erst richtig unterwegs.

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