Shepherds Of Cassini (NZ) – In Thrall To Heresy
Man kann Progressive Metal heute auf zwei Arten denken: entweder als geschniegelt polierte Virtuosen-Olympiade, in der jedes Riff geschniegelt
Man kann Progressive Metal heute auf zwei Arten denken: entweder als geschniegelt polierte Virtuosen-Olympiade, in der jedes Riff geschniegelt im Takt geschniegelt wird – oder als riskante Expedition, bei der der Boden unter den Füßen wegbricht, weil Emotion und Sounddesign die Landkarte ständig neu zeichnen. Shepherds Of Cassini wählen auf In Thrall to Heresy kompromisslos die zweite Route – und das ist, nach einer langen Funkstille, ein verdammt gutes Zeichen.
Das Quartett aus Auckland – Omar Al-Hashimi (Drums), Vitesh Bava (Bass), Felix Lun (Electric Violin) sowie Brendan Zwaan (Gesang/Gitarre/Keys) – kehrt nicht zurück, um „auch mal wieder was zu machen“. Diese Band kehrt zurück, als hätte sie zehn Jahre lang jeden Takt im Kopf weitergeschrieben und jetzt endlich den Stecker wieder in die Steckdose gerammt. Ergebnis: ein Album, das gleichzeitig atmosphärisch schwebt und dir im nächsten Moment die Rippen zählt.
Dabei wirkt In Thrall to Heresy wie ein Statement gegen das „Zu-glatt“ vieler moderner Prog-Produktionen. Hier ist Gewicht. Hier ist Reibung. Hier ist dieses heilige Unbehagen, das entsteht, wenn psychedelische Texturen auf knirschende Riffs treffen – und du merkst, dass beides zusammen mehr Wahrheit sagen kann als jede perfekt gegelte Hochglanzmelodie.
Konzept & Charakter: Der Despot als schwarzer Stern
Worum es geht? Nicht um Drachen, nicht um Planetenromantik – sondern um Macht. In Thrall to Heresy ist ein Konzeptalbum über die psychische und spirituelle Zerfallsstory eines Despoten: Aufstieg, Selbstvergiftung, Kontrollverlust, Kollaps. Die Songs kreisen um Charisma als Waffe, Schuld als Fäulnis, Paranoia als Brennstoff – und um den Moment, in dem jemand merkt, dass sein „Ich bin unantastbar“ längst in „Ich bin allein“ umgeschlagen ist.
Das Schlaue daran: Shepherds Of Cassini erzählen diese Geschichte nicht als Lineal-Plot, sondern als Stimmungskino. Der Protagonist wird nicht „erklärt“, er wird hörbar gemacht – durch harmonische Schieflagen, durch das Wechselspiel aus hypnotischer Ruhe und brachialem Druck, durch den Kontrast zwischen cleanen Gesangslinien und harschen Ausbrüchen. Das ist Prog im besten Sinne: komplex, aber nie verkopft – weil die Dramaturgie immer zuerst fühlt, dann zählt.
Sounddesign & Produktion: Druck, Tiefe, Textur – und Platz für jedes Detail
Ein solches Album steht und fällt mit dem Mix: Wenn du so viele Ebenen stapelst, muss jede Schicht Luft bekommen. Genau hier glänzt die Produktion von Shepherds Of Cassini zusammen mit Dave Rhodes. Der Sound ist mächtig, aber nicht matschig; modern, aber nicht steril. Der Bass knurrt mit fuzziger Autorität, die Gitarren schneiden und schieben, und die Drums wirken nicht wie „drübergelegt“, sondern wie das Fundament, das den Raum überhaupt erst baut.
Und dann ist da die Electric Violin von Felix Lun: nicht als Zirkusnummer, sondern als dramaturgisches Werkzeug. Mal legt sie eine fremdartige Melodie über die Riffs, mal färbt sie nur die Schatten, mal zieht sie dir im Finale das Herz aus der Brust, ohne dass es kitschig wird. Das Arrangement nutzt die Violine wie andere Bands Synth-Pads nutzen – nur mit mehr Mensch, mehr Atem, mehr Risiko.
Bemerkenswert ist auch, wie „groß“ dieses Album klingt, ohne die Dynamik zu opfern. Viele moderne Produktionen drücken alles auf eine Lautheitswand. In Thrall to Heresy lässt Übergänge atmen: Interludige Passagen wirken nicht wie Füllmaterial, sondern wie notwendige Kammern in einem Labyrinth, damit der nächste Schlag umso härter sitzt.
Track by Track: Acht Kapitel, ein Sturz
„Usurper“ – Als Homogenes Zusammenspiel von absoluten Könnern
Der Auftakt ist ein Manifest. „Usurper“ beginnt mit einer feinen, fast trügerischen Eleganz – und kippt dann in einen riffgetriebenen Machtmarsch. Inhaltlich steht der Despot hier im Vollrausch: megaloman, manisch, überzeugt, über jeder Kritik zu stehen. Musikalisch spiegelt das der Song in permanenten Taktverschiebungen und einer Dramaturgie, die ständig neue Räume öffnet, ohne den Drive zu verlieren. Die Riffs wirken wie Betonplatten, die im Lauf der Minuten immer schneller aufeinanderprallen – und trotzdem bleibt alles präzise verzahnt. Wenn Prog-Longtracks heute oft wie „Ideensammlungen“ wirken, ist „Usurper“ das Gegenteil: ein langer Song mit einer klaren, brutalen Richtung. Hier zeigen Shepherds Of Cassini direkt ihr instrumentales und vokales Können und verstehen es, Arrangements und Komposition wirken zu lassen, dabei Abwechslungsreich und vielseitig zu klingen, ohne anzustrengen
„Shifting Gleam“ – Kurze Perspektivwechsel
Ein kurzes Atemholen – aber nicht als Pause, sondern als Perspektivwechsel. „Shifting Gleam“ wirkt wie das Flackern einer Erkenntnis: Der Despot sieht kurz, was er angerichtet hat, und genau dieses „kurz“ ist entscheidend. Textur statt klassischer Songform: ein Übergang, ein Spalt Licht in einer Tür, die sofort wieder zufällt – und genau dadurch umso bedrohlicher wirkt.
„Slough“ – Perfekt ausgearbeitete Kunst
Der zäheste Schattenwurf – und einer der stärksten Songs. Inhaltlich: Schuld wird nicht mehr weggeredet, sie wird körperlich. Der Protagonist erkennt die Schwere seiner Taten, aber verweigert jede Hilfe von außen; er will Erlösung als Soloakt erzwingen. Musikalisch ist „Slough“ genau dieses Ringen: ein Song, der schleppt, zieht, wieder anzieht – und dabei mit Effekten spielt, die eher an psychedelischen Art-Rock erinnern als an „klassischen Metal“. Die verfremdeten Vocal-Farben wirken wie das Echo eines Mannes, der sich in seinem eigenen Kopf verläuft, während Bass und Drums stoisch weitergraben.
„Vestibule“ – Ein Instrumental mit Wirkung
Das Vorzimmer zur Katastrophe. „Vestibule“ ist instrumental, aber dramaturgisch zentral: Der Despot sucht in seiner Selbstverachtung den Rat eines Heilers, ein Ritual, ein Rausch – und alles kippt. Die Musik ist dunkel und menacing, die Spannung wird nicht „aufgelöst“, sondern angezogen wie eine Schraube. Die Drums haben diese schwer rollende, fast archaische Wucht, während Synth-Flächen und Soundeffekte den Raum in etwas Unheimliches verwandeln. Als würde die Realität schon anfangen, ihre Konturen zu verlieren.
„Red Veil“ Fokussierte Riffarbeit gebettet aus Drum und Bass Fundament der Bunkerklasse
Der Kipppunkt, das Herz aus Stahl im Zentrum des Albums. „Red Veil“ ist bewusst „relentlessly heavy“ gedacht – und genau so wirkt der Track: ein aggressiver, treibender Metal-Block, der kaum Luft holt. Inhaltlich verliert der Despot hier endgültig seine Menschlichkeit; nach dem Ritual bleibt keine Empathie, kein Bedauern, nur noch Machtgier und Grausamkeit. Das ist nicht „böse“ als Pose, sondern „böse“ als Konsequenz.
Musikalisch liefern Shepherds Of Cassini ihre vielleicht fokussierteste Riffarbeit ab: Drums und Gitarren verhaken sich polyrhythmisch, während die Violine wie eine zweite Lead-Gitarre durch die Schneise zieht – nie eitel, immer erzählerisch. Der Gesang wechselt zwischen eindringlichen Clean-Linien und harschen Ausbrüchen, die wie Kontrollverlust klingen, nicht wie Studio-Kosmetik. Wenn du einen Song brauchst, um zu erklären, warum Prog-Metal nicht zwangsläufig weichgespült sein muss: „Red Veil“ ist die Antwort.
„Mutineers“ – System Frisst Architektur
Nach der Raserei folgt das Taumeln – und „Mutineers“ ist der Moment, in dem die Welt draußen beschließt, dass sie diesen Mann nicht mehr trägt. Inhaltlich verdichtet sich das Ende: Die Loyalität wird brüchig, das System frisst seinen Architekten, und aus „Gefolgschaft“ wird „Abrechnung“. Musikalisch wirkt der Song wie ein angeschlagener Gang zwischen zwei großen Türen: weniger Riff-Statement, mehr schleichende Vergiftung. Genau diese Funktion macht ihn wertvoll – weil er die Fallhöhe zu „Abyss“ vorbereitet.
„Abyss“ – In den Abgrund des epischen Post- und Prog Metal
Der Monolith. Wenn „Usurper“ der Aufstieg ist und „Red Veil“ der moralische Bruch, dann ist „Abyss“ die Abrechnung – als Post-Metal-Epos, das Geduld belohnt und am Ende alles niederwalzt. Inhaltlich befinden wir uns in den letzten Stunden: Der gestürzte Herrscher fürchtet erstmals ernsthaft, was von ihm bleibt. Visionen und religiös gefärbte Bilder drängen sich auf, als suche er noch im Untergang nach Deutungshoheit – selbst über das eigene Urteil.
Ein Kompositorisches Musterbeispiel fantastischer Metalkunst
Kompositorisch ist „Abyss“ ein Musterbeispiel für Build-up-Dramaturgie: Bass und Drums ziehen eine hypnotische Spur, darüber flackern Gitarrenfeedbacks, Hallräume, elektronische Schatten. Und dann – ganz entscheidend – nehmen Shepherds Of Cassini sich Zeit für Melodie, statt sofort auf „größer“ zu schalten. Wenn die Violine schließlich aufblüht, klingt das nicht nach Solo-Spotlight, sondern nach Leitmotiv, das den Weg durch die Dunkelheit markiert. Das Finale fährt die schweren Geschütze auf: doomige Wucht, ein Crescendo wie ein einstürzender Turm, und trotzdem bleibt jeder Schlag definiert. Genau hier zeigt sich, wie konsequent Arrangement, Sounddesign und Dynamik zusammenspielen.
„Threnody“ Ein bittersüßer Abschluss
Das Ende ist bittersüß – und bemerkenswert mutig. „Threnody“ schließt als Instrumentalstück, wie ein Nachruf, der nicht versöhnt, aber klärt. Inhaltlich: Der Despot überschreitet die Schwelle; er sieht „Licht“, interpretiert es als Führung – doch selbst hier bleibt Ego als Störsignal. Musikalisch übernimmt die Violine die Rolle der Stimme, nicht als Pathos-Geige, sondern als menschliche Linie über schwerem, resigniertem Fundament. Nach der Apokalypse von „Abyss“ ist „Threnody“ der Blick auf die Trümmer, wenn der Staub langsam fällt.
Stärken: Warum dieses Album hängen bleibt
Erstens: die Balance aus Wucht und Atmosphäre. Shepherds Of Cassini können „crushing“ spielen, ohne in stumpfes Geballer zu kippen – weil die Härte hier aus Harmonie, Rhythmik und Klangfarbe kommt, nicht nur aus Gain. Zweitens: die Arrangements. Übergänge wirken organisch, selbst wenn Takte springen und Motive sich häuten. Drittens: die Violine als Alleinstellungsmerkmal, aber eben ohne „Schaut her!“-Attitüde. Das Instrument ist Teil der Band-DNA, nicht deren Werbeslogan.
Viertens: die Produktion. In Thrall to Heresy klingt groß, satt und gleichzeitig differenziert. Der Bass steht nicht nur „unten“, sondern erzählt mit – manchmal als riffende Dampfwalze, manchmal als melodischer Puls, der die Szenen zusammenhält. Die Drums sind präsent, aber nicht überdominant; Ghostnotes und Akzentarbeit bleiben auch dann nachvollziehbar, wenn die Gitarrenwände anschwellen. Und die Gitarren? Kein klinischer „Modeler-Glanz“, sondern organische Schärfe, die sich mit Effekten anreichern darf, ohne das Fundament zu verwischen. Kurz: Sounddesign als Werkzeug, nicht als Ausrede.
Unsere Wertung:
9 von 10 Punkte
Unser Fazit:
Schwer, psychedelisch, erwachsen – und konsequent
Mit In Thrall to Heresy liefern Shepherds Of Cassini ein Comeback, das nicht nach Nostalgie klingt, sondern nach Notwendigkeit. Dieses Album ist komplex, aber nie selbstverliebt; hart, aber nicht eindimensional; psychedelisch, ohne sich im Nebel zu verlieren. Vor allem ist es ein Werk, das über Komposition und Dramaturgie funktioniert: Die Spannungsbögen greifen, die Motive tragen, die Produktion macht jedes Detail hörbar, ohne dem Album die Zähne zu ziehen.
Wer Progressive Metal und Post-Metal mag, aber das Gefühl hat, dass vielen aktuellen Releases das Gewicht fehlt, bekommt hier ein Gegenmittel. Und wer sich fragt, wie man eine Electric Violin in ein Heavy-Konzept integriert, ohne dass es zur Zirkusnummer wird, findet in Felix Luns Spiel eine Lektion in Geschmack und Dramaturgie.
Details zum Werk:
Tracks:
- Usurper
- Shifting Gleam
- Slough
- Vestibule
- Red Veil
- Mutineers
- Abyss
- Threnody
Credits:
Titel: In Thrall to Heresy
Interpret: Shepherds Of Cassini
Herkunft: Auckland, Neuseeland
Genre: Progressive Metal | Post-Metal | Psychedelic Rock
Label: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 21. Februar 2025
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