BETONTOD, ENGST – Live: 22.02.2019, Rostock Mau

BETONTOD, ENGST – Live: 22.02.2019, Rostock Mau

📁 Allgemein, Live, Musik, Reviews 🕔23.Februar 2019
BETONTOD, ENGST – Live: 22.02.2019, Rostock Mau

BETONTOD, ENGST – Live: 22.02.2019, Rostock Mau

Ein ganzer Kasten Bier voll guter Laune

Ein Freitagabend in Rostock. Nah am Wasser, es zieht ein eisiger Wind rund um das Mau, es ist dunkel und kalt. Also beste Zeit für ein Konzert. Es dauert nicht lange, und es drängen sich viele gut gelaunte Menschen in die heimelige Venue. Zu sehen gibt es einen kunterbunten Schnitt quer durch alle Alters-, Musik- und Sozialschichten. Da stehen Alt- neben Neupunks, junge Hipster neben altgedienten Rockerinnen und Camp-David-Träger neben Metalkids. Geht das? Und wie das geht! Die Bilder findet Ihr wie immer in der Galerie!

BETONTOD – Die Meister der Vereinigung des Unvereinbaren

oder

Wo sich Gegensätze glücklich in den Armen liegen

Heute bin ich nicht nur Redakteur und Dokumentarist, sondern vor allem Fan. Seit 2011 habe ich die Band auf jeder ihren großen Touren gesehen und kann daher bei aller subjektiven Färbung der folgenden Worte eines im tiefsten Brustton meiner Überzeugung sagen: Es gibt eine große Wahrheit – Ein schlechtes BETONTOD-Konzert gibt es nicht.

Das ist auch an diesem Freitag wieder einmal so, und kommt der Realität doch nicht im geringsten nahe. Denn hier und heute sind BETONTOD großartig. Das beginnt von der ersten Sekunde, in der Band und Publikum – und das ist eben kein Klischee, das gibt es wirklich! – eine fest verschweißte Einheit bilden. Diese Einheit basiert auf guter Musik, auf noch besserer Laune, auf einem tief verankerten Gefühl von gegenseitigem Respekt und unverbrüchlicher Toleranz, und auf dem Willen, sich komplett hineinfallen zu lassen in das Leben an einem Freitagabend, mit Ganzkörperbewegung, Stimmbandakrobatik, Fäuste recken, Refrains mitgrölen, sein Bier mit höchster Freude genießen, und ständiger Bereitschaft zu einem glücklichen Gesicht. Da wird sogar der Gang auf das WC in neuer Rekordzeit erledigt, um ja keinen Ton, keine Sekunde dieses Abends zu verpassen.

Der Sound ist – hier loben wir neben dem fähigen Soundmann auch die Crew des Mau – transparent und klar, und bei aller Knackigkeit und allem Volumen ist das nicht zu laut. Die Band selbst spielt arschtight, hier ist zu jeder Sekunde zu hören, dass es sich um den zweiten Teil der Tour handelt und die Herren die Lieder und einander verdammt gut kennen. Der Herr Feldmann treibt wie gewohnt mit seinem Schlagzeug die anderen mit seinem ungemein druckvollen und wuchtigen Spiel vor sich her. Dazu pumpt Herr Ado am Bass stoisch aus den vier Saiten tonnenschwere Frequenzen in die Menge hinein. Die Herren Schmelz und Vohwinkel begeistern dazu immer wieder mit ihrem Gitarrenspiel. Die Riffs mäandern gekonnt zwischen dreckig geschreddertem Punk und brachial sägendem Metal, und die knackigen und melancholischen Soli Herrn Vohwinkels sind der wunderschöne Schaum auf der Krone. Dreh- und Angelpunkt – besser: eindeutiger König – des Ganzen ist und bleibt aber Herr Meister. Der ist eben einfach die geborene Rampensau, Entertainer, Conferencier, Moderator, Star, Animateur, Kabarettist, Showmaster und Hofnarr. Es ist große Kunst und einfach ein großer Spaß, ihm dabei zuzusehen, wie er die Meute für sich einnimmt, dirigiert, unterhält und all seine Seele für die Show hergibt. Dabei ist das alles hochprofessionell – und wirkt dennoch bei jeder Handbewegung und jedem Ton spontan, authentisch und aufrichtig. Die Professionalität zeigt sich bei seinem einzigen kleinen Aussetzer („Bengalo“), der ihn für eine Sekunde nervt, bevor er charmant mit einer schelmischem Geste weitersingt.

Zu hören gibt es eine Reise quer durch die Alben, es wird an jeder Trinkhalle angehalten und Hit an Hit gereiht. Von „Vamos“ gibt es dabei sechs Lieder, die sich nahtlos in das Gesamtwerk einfügen. Mit fünf (!) Zugaben gibt es schließlich satte zwei Stunden Musik und 26 Lieder (die Setlist ist wie immer im Weltnetz zu finden). Im Ergebnis ist dabei immer wieder nur staunend zu beobachten, wie schlüssig und spielerisch leicht es BETONTOD gelingt, scheinbar unvereinbare Gegensätze so einem harmonischen Ganzen zu verbinden. Es ist schon verdammt lässig und selbstbewusst, wie bollerige Bierschunkellieder und hemdsämeliges Krawallreimertum gemeinsam mit politisch kämpferischen und gesellschaftlich relevanten Themen tanzen, wie sich schenkelklopfende Kneipenhits und brachiale Rifframmen wunderbar ergänzen. Das ist es genau, was BETONTOD ausmacht, ihre künstlerische Einladung an alle, ungeachtet von Alter, Klasse oder Geldbeutel, ihre bedingungslose Bereitschaft zur Gemeinsamkeit, zum Überwinden von Grenzen. Dies erschafft eine Aura einer zwanglosen Friedfertigkeit, die sie – und dies hat sich seit 2011 in ihrem Auftreten deutlich geändert – mit klaren politischen Aussagen gegen rechte Gesinnung und für Freundschaft, Menschlichkeit und Toleranz neben ihrer Musik auch mit Worten unmissverständlich benennen. Und so erzeugen BETONTOD eine Atmosphäre voller positiver Kraft und optimistischer Energie, voller Spaß und unbändiger Lebensfreude. Ist das Eskapismus? Nein, das ist das Feiern des Lebens, eines Lebens, das wir selbst bestimmen sollen und müssen. Und dafür, meine Herren: Danke!

Fazit des Abends: BETONTOD machen glücklich. Und so sehe ich am Ende des Konzerts auch nur solche Gesichter. Und ich wette: Wir sehen uns wieder beim nächsten Besuch von BETONTOD!

ENGST – Weicher Kern in schöner rauher Schale

Nicht vergessen wollen wir die Vorband. Denn die vier Herren von ENGST fungieren als perfekte Anheizer und haben sich ein mehr als dickes Lob verdient. Wer sich mit ihrem Debütalbum „Flächenbrand“ näher beschäftigt, merkt schnell, dass es hier recht harten Deutschrock zwischen Melancholie und Hoffnung zu hören gibt. Dabei gibt es ein ungemein druckvolles, volumniöses und transparentes Soundgewand, das an moderne Metalproduktionen erinnert und sich qualitativ nicht hinter solchen Größen wie Machine Head, Trivium oder Lamb of God nicht verstecken muss. Hört Euch nur die Gitarren an, und Ihr wisst, was ich meine.

Auch live punkten ENGST zunächst mit einem massiven, dabei aber jederzeit transparenten Sound, in dem alle Instrumente und die Stimme kraftvoll agieren können, aber klar voneinander separiert sind. Klasse! Herr Engst trumpft als Aushängeschild nicht nur mit seinem jederzeit sympathischen und offenen Agieren auf, sondern vor allem mit seiner Stimme, mit der er neben einer schön kratzigen Rockröhre auch gefühlvolle Melodielinien perfekt intoniert und so für eine ungemein lebendige Dynamik sorgt. Die Lieder glänzen nicht nur mit brachialen Riffs und klugen Texten aus dem Leben, sondern mit harmonischen und jederzeit nachvollziehbaren Strukturen. Vor allem aber gibt es immer wieder eingängige Refrains, die sich schnell im Ohr festsetzen und dafür sorgen, dass Lieder wie „Ich steh wieder auf“, „Der König“ oder „Morgen geht die Welt unter“ noch einen Tag später in meinem Gehirn rumlungern und einfach nicht mehr weggehen wollen. Und ich fürchte, das wird so bleiben.

Die Leute finden ENGST und ihre packenden Lieder toll und tauen schnell auf, so dass die Stimmung schon nach wenigen Minuten immer weiter ansteigt. Zuhörer und Band werfen sich geschickt die Bälle zu, und nicht nur Herrn Engst, sondern auch den beiden Herren Dumhard und Tehrani an Bass und Gitarre merkt man an dem immer breiter werdenden Grinsen ihren Spaß an. Nach 45 Minuten holen sich ENGST fetten Applaus und laute Zugaberufe ab – und das vollkommen verdient!

Ich kann nur sagen: Chance genutzt. Ich jedenfalls glaube, dass ENGST wirklich eine musikalische Zukunft und das Zeug haben, sich im Haifischmarkt harter deutscher Musik zu etablieren. Und ich wünsche ihnen dafür die notwendige Disziplin, das Durchhaltevermögen und das Glück. Weiter so, meine Herren, denn ich hoffe, wir sehen uns wieder!

Hendrik

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