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Nearless (UK) Autumnal Ache

Nearless ist das Paradebeispiel dafür, wie viel Größe in absoluter Isolation entstehen kann: Hinter dem Projekt steht allein ein

Nearless (UK) Autumnal Ache

Nearless ist das Paradebeispiel dafür, wie viel Größe in absoluter Isolation entstehen kann: Hinter dem Projekt steht allein ein mysteriöser Künstler mit dem Namen T. – und was er auf der EP Autumnal Ache in gut 20 Minuten entfesselt, klingt, als hätte man ein komplettes Line-up in ein frostiges Waldstück gesperrt und erst wieder herausgelassen, als die letzten Blätter gefallen sind. Stilistisch bewegt sich das Ganze im Spannungsfeld aus Atmospheric/Post-Black-Metal, Blackgaze-Anleihen und Post-Rock-Weitwinkel oder auch kurz Melancholic Black Metal – aber ohne jemals in “nur schön” oder “nur Krach” zu kippen. Stattdessen: Ethereal-Atmosphäre, herzzerreißende Melodiebögen und jene bitter-süße Melancholie, die sich wie Raureif auf die Haut legt.

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Erlebt hier das Werk „Autumnal Ache“

Herbstschmerz als Produktionsästhetik

Das Beeindruckendste an Autumnal Ache ist nicht nur die stilistische Fusion – sondern wie souverän sie Nearless in eine eigene Klangsprache gießt. Das Sounddesign arbeitet mit Kontrasten: glasklare Clean-Gitarren und schwebende Flächen auf der einen, sägende Distortion-Walls und peitschende Drums auf der anderen Seite. Entscheidend ist dabei, dass die Dynamik nicht als Gimmick eingesetzt wird, sondern als dramaturgischer Motor: Ruhe wirkt nie wie “Pause”, und Gewalt nie wie “Selbstzweck”.

Auch arrangiertechnisch sitzt hier vieles auf den Punkt. T. stapelt Gitarren nicht einfach übereinander, sondern baut Schicht für Schicht ein Panorama: Leads, die wie kalte Luft schneiden; rhythmische Unterströmungen, die das Ganze erden; und Synth- bzw. Ambienttexturen, die weniger “Keyboard” sind als vielmehr Nebelmaschine im Mix. Dadurch entsteht diese cineastische Räumlichkeit, die man eher aus Post-Rock kennt – nur dass jederzeit der nächste Black-Metal-Sturm um die Ecke brechen kann.

„Ghost“ – Schuld, Schatten und der erste Orkan

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„Ghost“ eröffnet mit einem bittersüßen Clean-Motiv, das erst einmal vorgaukelt, hier ginge es “nur” in Richtung Post-Rock-Emphase. Doch dann kippt das Bild: Flächen ziehen auf, die Spannung wird hochgefahren – und plötzlich schaltet Nearless auf Schwarzmetall-Gewitter. Gitarrenwände türmen sich auf, Drums treiben mit kontrollierter Wucht, und über allem hängt ein vokaler Schleier, der weniger “Frontmann” ist als eine Präsenz im Nebel. Genau dieser Mix macht den Track so effektiv: episch, aber nicht kitschig; hart, aber nicht stumpf.

Inhaltlich kreist „Ghost“ um das Nachleben einer Beziehung – nicht im romantischen Sinne, sondern als psychischer Abdruck. Da ist eine Figur, die sich verfolgt fühlt: nicht als Horrorfilmspuk, sondern als Erinnerung, die nicht loslässt. Der Kern ist Reue. Das wiederkehrende Bedürfnis, sich zu entschuldigen, wirkt wie ein Mantra gegen die eigene Selbstanklage – und zugleich wie das Eingeständnis, dass Vergebung (von außen oder von sich selbst) vielleicht gar nicht mehr erreichbar ist. Der “Geist” wird so zur Metapher für Schuld, Trauer und die brutale Hartnäckigkeit innerer Stimmen.

„Hollow Harvest“ – Post-Rock-Horizonte, Black-Metal-Frost

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Wenn „Ghost“ die Tür eintritt, dann reißt „Hollow Harvest“ gleich die Wand mit. Der Track wirkt wie das heimliche Zentrum der EP: Hier treffen komplexe, fast schon “sprechende” Drums auf Riffs, die im Post-Rock zuhause sein könnten – bis das Arrangement die Schraube anzieht und die Black-Metal-Klinge wieder durchkommt. Das Faszinierende: Nearless komponieren diese Übergänge nicht als harte Schnitte, sondern als Strömungswechsel. Ein Motiv wird eingeführt, gespiegelt, verdichtet – und plötzlich ist man mitten in einer Headbang-Passage, ohne dass man genau sagen könnte, wann die Stimmung gekippt ist.

Textlich zeichnet „Hollow Harvest“ ein Porträt von Erschöpfung und emotionaler Taubheit, verknüpft mit einer drastisch saisonalen Bildsprache. Da ist jemand, der sich “ausgebrannt” fühlt – körperlich und seelisch – und der ausgerechnet in der kühleren Jahreszeit Erlösung sucht: Nicht, weil der Herbst “schön” ist, sondern weil sein Grau ehrlich wirkt. Das Stück handelt von der Hoffnung, im Fallen der Blätter endlich wieder etwas spüren zu können, und gleichzeitig von der Angst, dass selbst dieser Umschwung nichts mehr rettet. Der wiederkehrende Zweifel, ob jemand “noch da sein wird”, macht aus dem Herbstbild eine Beziehungserzählung: Schönheit wird nicht tröstlich, sondern beinahe unerträglich.

„Winter Sun“ – Goldene Außenwelt, eisiges Innenleben

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„Winter Sun“ spielt seine Trümpfe über Melodie und Dramaturgie aus. Das Drumming pendelt zwischen treibendem Midtempo und kurzen Double-Bass-Impulsen, während die Gitarren diese “soaring” Linien zeichnen, die Post-Black so süchtig machen: bittersüße Leads, die wirken, als würden sie gegen eine unsichtbare Decke aus Wolken drücken. Die Synth-Flächen sind hier besonders stark: nicht vordergründig, aber genau so dosiert, dass der Song größer wirkt als seine reine Instrumentierung.

Copyright: NEarless gepostet mit freundlicher Genehmigung durch den Künstler selbst

Inhaltlich ist „Winter Sun“ ein Stück über das Paradox von Veränderung: Draußen wird die Welt golden, fast majestätisch – doch innen bleibt alles stehen. Der Song klingt nach dem Versuch, einen Moment festzuhalten, bevor er vorbei ist: Oktober nicht einfach durchrutschen zu lassen, sondern ihn bewusst zu “leben”, vielleicht sogar als Gegenzauber gegen Apathie. Gleichzeitig schimmert Sehnsucht durch: nicht nach Hitze, sondern nach einem stillen, kalten Licht – und nach Nähe. Der Wunsch, gemeinsam im Winterlicht zu ruhen, wirkt wie ein zartes Versprechen gegen die eigene Erstarrung.

„The Meeting“ – Atemholen zwischen Vogelruf und Vorahnung

Das kurze Intermezzo „The Meeting“ ist mehr als ein Übergang: Es ist ein bewusst gesetzter Temperaturwechsel. Naturgeräusche und zurückgenommene, dunkle Gitarrenfarben wirken wie der Moment, in dem man kurz stehen bleibt, den Atem als Nebel vor dem Mund sieht – und spürt, dass der letzte Akt gleich nicht “leichter”, sondern nur klarer wird. Als kompositorisches Bindeglied macht das Stück genau das, was die besten Interludes tun: Es erklärt nichts, aber es verschiebt die Perspektive.

„Home“ – Heimkehr als Bitte, nicht als Gewissheit

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Mit „Home“ ziehen Nearless den Kreis zusammen – und liefern gleichzeitig den emotionalen Tiefschlag. Musikalisch überzeugt der Track durch sein “ohne Schnörkel”-Selbstbewusstsein: eine düstere, massive Soundwall im gemäßigten Tempo, die immer wieder von ruhigen, hallgetränkten Passagen geöffnet wird. Diese Wechsel wirken nicht wie Prog-Spielerei, sondern wie das Auf und Ab eines Kopfkinos: Rückzug, Erinnerung, Anlauf – und dann wieder dieser plötzliche Black-Metal-Druck, der alles in Scherben legt. Handwerklich sitzt das tight: Arrangement, Spannungsbogen, Timing der Eskalationen – minutiös und genau deshalb so wirkungsvoll.

Textlich ist „Home“ eine Art nächtlicher Brief an jemanden, der draußen ist – vielleicht verloren, vielleicht auf der Flucht vor sich selbst. Das Bild der Kälte am Fenster und des wartenden Lichts zeichnet eine Situation, in der Fürsorge zur einzigen Sprache wird, die noch bleibt. Entscheidend ist: “Zuhause” ist hier kein Ort mit Garantie, sondern ein Angebot. Ein Versprechen, dass Wärme noch existiert – selbst wenn Sturm, Regen und Dunkelheit gerade alles andere behaupten. Der Track endet dadurch nicht “happy”, aber tröstlich: als letzte Hand, die man in der Kälte noch greifen kann.

Artwork, Konzept und warum das hier verdammt gut funktioniert

Dass Autumnal Ache so geschlossen wirkt, liegt nicht nur an den Songs, sondern an der Gesamtästhetik: Saisonale Identität ist hier nicht Deko, sondern Dramaturgie. Herbst steht für Übergang, für Abschied, für das langsame Kippen von Farbe zu Grau – und genau diese Bewegung bildet die EP in Sound und Struktur ab. Dass Artwork/Logo von C.E. Percival stammen, passt ins Bild: Auch visuell wirkt das Projekt wie ein in sich stimmiges Manifest, nicht wie eine lose Sammlung von Tracks.

Und ja: Nearless bricht stellenweise mit Genre-Traditionen – aber nicht, um “anders” zu sein, sondern um Gefühle präziser zu treffen. Wenn Post-Rock-Flächen auf Black-Metal-Raserei prallen, dann nicht als Trend, sondern als innere Logik: Schönheit und Hässlichkeit, Ruhe und Sturm, Nähe und Verlust gehören hier zusammen. Genau deshalb wirkt die EP relevant: Sie nutzt die Sprache des Black Metal, um etwas sehr Gegenwärtiges zu erzählen – ohne die Vergangenheit zu verleugnen.

Wertung:

9 von 10 Punkten

Fazit:

Autumnal Ache ist eine EP, die sich nicht mit Atmosphäre begnügt, sondern sie kompositorisch verdient. Starkes Songwriting, geschmackssichere Dynamik, überzeugendes Sounddesign – und vor allem ein emotionaler Kern, der nicht posaunt, sondern nachhallt. Wer auf melancholischen Post-Black/Blackgaze mit Post-Rock-Panorama steht, sollte hier dringend ein Ohr riskieren. Und wer “düsteren” Black Metal längst abgeschrieben hat, bekommt vielleicht genau hier den Beweis, dass das Genre immer dann am stärksten ist, wenn es mehr will als nur Finsternis.

Tracks

  1. Ghost
  2. Hollow Harvest
  3. Winter Sun
  4. The Meeting
  5. Home

Credits:

Titel: Autumnal Ache
Interpret: Nearless
Herkunft: United Kingdom
Genre: Black Metal | Post Black Metal | Black Gaze
Label: Old Warden Records
Veröffentlichung: 01. Januar 2026

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