John Carreyrou – BAD BLOOD

John Carreyrou – BAD BLOOD

📁 Allgemein, Buch, Tipp der Redaktion 🕔25.April 2019
John Carreyrou – BAD BLOOD

John Carreyrou

BAD BLOOD

Die wahre Geschichte des größten Betrugs im Silicon Valley

Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2019, 1.Auflage, geb., 400 Seiten, erschienen am 01.04.2019, ISBN 978-3421048233

„BAD BLOOD“ erzählt eine Geschichte aus dem Jetzt. Es geht um Wirtschaft, sehr viel Geld, moderne Medizin, Marketing und Journalismus. Vor allem aber geht es um Menschen – um ihr Handeln und die dahinter stehenden Motivationen und Gefühle. Nun ja, und wie so oft landen wir dann nicht nur bei positiver Energie, dem Willen, die Welt zu einer besseren zu machen, Hingabe, Leidenschaft, Ehrlichkeit, Altruismus, sondern eben auch bei Gier, Unehrlichkeit, Betrug, Selbstüberschätzung, Skrupellosigkeit, Machtstreben und monströser Hybris.

Erzählt wird der Aufstieg und der Fall der Firma Theranos und ihrer Gründerin Elisabeth Holmes, die antrat, um mit einer neuartigen Technik die Entnahme und Analyse von Blut zu vereinfachen. Das Konzept war revolutionär und versprach Erfolg für alle Beteiligten: für die Menschen weniger Schmerzen bei der Blutentnahme (nur ein Tropfen Blut aus dem Finger statt der üblichen Spritze im Arm) und eine bessere medizinische Versorgung durch schnellere Diagnosen, für die Pharmaindustrie erheblich weniger Kosten, für Theranos und alle Geldgeber satte Gewinne. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf: Die Firma sammelt bei verschiedensten Investoren Hunderte Millionen Dollar ein, holt sich bekannte Namen aus Wirtschaft und Politik in das Führungsgremium und rührt die Werbetrommel ganz gewaltig. Das Problem ist, dass das System niemals funktionieren wird. Dennoch gelingt es Frau Holmes über Jahre, immer wieder Gelder zu akquirieren, indem mit Tricks und schließlich betrügerischem Handeln die Welt getäuscht wird. Interner Kritik wird mit Entlassungen und Drohszenarien, externer Kritik mit dreisten Lügen, Einschüchterung und rechtlichen Schritten begegnet. Schließlich bricht das System zusammen – und dies nicht nur, weil es dem Autor gelingt, die dahinter stehende Betrugsmaschinerie zu entlarven, sondern auch, weil es kein Produkt gibt und sich dies eben nicht auf Dauer verbergen lässt.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten schildert der Autor die Lebensgeschichte von Elisabeth Homes, die Gründung, den Aufstieg und die sich abzeichnenden Probleme der Firma. Im zweiten Teil steht die investigative Arbeit und die Aufdeckung des Skandals im Mittelpunkt. Und im abschließenden dritten Teil wird die weitere Entwicklung bis zur Abwicklung der Firma thematisiert. John Carreyrou gelingt es jederzeit überzeugend, in seinem Buch Spannung und Wissen zu einer packenden Geschichte zu vereinen. Es gibt viele technische Details, es gibt viele Namen, und dennoch bleibt die Handlung jederzeit nachvollziehbar und stringent. Stets versucht der Autor, die Gefühle und den Antrieb der Protagonistinnen und Protagonisten, allen voran Frau Holmes und ihr damaliger Partner (und Lebensgefährte) Herr Balwani, zu beleuchten. Dies gelingt zumeist recht plausibel, weil John Carreyrou klare Aussagen vermeidet, sondern die Fakten nur sehr vorsichtig zu möglichen psychologischen Deutungen nutzt. Allerdings bleiben auch Fragen. Immer wieder beschrieben, wie negativ und rücksichtslos Frau Holmes und Herr Balwani agieren. Vor diesem Hintergrund wird nicht klar, warum so viel Personal trotz des Wissens um das unehrliche Geschäftsgebaren dort über Jahre arbeitete. Es bleibt im Dunkeln, wie stark hier finanzielle Motive eine Rolle spielen, denn der Autor listet zwar immer wieder die Millionen der Investoren auf, reißt aber im gesamten Buch nicht einmal an, welche Gehälter bei Theranos gezahlt wurden. Und es bleibt ebenso nebulös, welches psychische Schmiermittel die Belegschaft dazu bringen konnte, auf einer Betriebsversammlung gemeinsam im Chor mit Frau Holmes und Herrn Balwani den Autor zu beleidigen („Fuck you, Carreyrou!“, S.324). Gewöhnen müssen sich Lesende zudem an den aus ähnlichen Büchern bekannten flapsigen Stil. Das Buch ist durchzogen von allerlei schnoddrigen Ausdrücken, da werden ein „großer Reibach“ gemacht (S.13), Millionen Dollar „verbraten“ (S.34) oder das Familienvermögen „verplempert“ (S.78), da wimmelt es überall von „Burschen“ (S.50, 127, 197), die gern Mädchen „anbaggern“ (S.128), und da wird „in den Hintern getreten“ (S.136), „auf die Palme gebracht“ (S.149) oder Bill Gates „gegrillt“ (S.168).

Fazit: John Carreyrou erzählt in „Bad Blood“ detailreich und überaus spannend eine moderne Wirtschaftsgeschichte. Das ist fesselnd erzählt und liest sich spannend, informativ und flüssig. Vor allem aber ist das Buch desillusionierend. Wer schon immer zu wissen glaubte, dass unser moderner Kapitalismus ein Haifischbecken ist, in dem sich die Haie gegenseitig fressen, der wird hier seine Bestätigung finden. Und vor dem Hintergrund des wohl noch größeren aktuellen Betrugsskandals in der Autoindustrie steht der nächste Bestseller schon bereit, der eine ähnliche Geschichte erzählen wird. Für „BAD BLOOD“ gilt auf jeden Fall: Absolut empfehlenswert!

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