DISILLUSION – „The Liberation“

DISILLUSION – „The Liberation“

📁 Allgemein, Reviews, Tipp der Redaktion 🕔11.September 2019
DISILLUSION – „The Liberation“

DISILLUSION – „The Liberation“

Label: Prophecy Records

Laufzeit: 57:39 min

VÖ: 06.09.2019

Genre: ein Meisterwerk der Weltmusik – oder: herzzerreißend schöner progressiver Metal

13 verdammt lange Jahre ist es nun schon her, dass uns DISILLUSION mit ihrer grandiosen Musik beschenkt haben. Und ich habe mich selten so gefreut wie an dem Tag, an dem die Herren öffentlich ein neues Album angekündigt und dafür eine Crowdfunding-Initiative gestartet haben. Nun liegt es hier vor mir, es heißt „The Liberation“. Und bei aller Voreingenommenheit meinerseits, denn ich liebe diese Band, aber der Titel passt nahezu perfekt. Denn eine Befreiung sind die darauf enthaltenen sieben Lieder geworden – und zwar für uns Zuhörer, ich denke aber, auch für die Herren selbst.

Wir können im Grunde gleich zur Musik kommen, denn über eines muss bei DISILLUSION wahrlich keiner mehr reden: das herausragende musikalische Können der Herren. Was hier mit Saiten, Trommeln, Becken und Stimmbändern angestellt wird, das lässt die Münder offen stehen und mich in tiefer Demut anerkennen, was großes handwerkliches Können an den Instrumenten an einzelnen Tönen, sich aneinander reihenden Tonfolgen und aufragenden gewaltigen Tongebirgen hervorzubringen in der Lage ist. Dazu gibt es einen Sound, der diese unfassbare Kunstfertigkeit, der all diese sich umarmenden, vereinenden Töne in einer glasklaren Transparenz in unsere Ohren schmiegt. „The Liberation“ hören fühlt sich an wie eine Umarmung des Kosmos, wie eine gewaltige Orgel in einer Kathedrale aus Licht, wie der Klang der Schönheit. Dieser Sound vereint auf eine eindrucksvolle Weise das scheinbar Unvereinbare: Das ist warm, aber auch messerscharf, das ist transparent und luzide, aber auch dunkel und undurchdringlich, das ist dynamisch, weiträumig und voluminös, aber auch zart und zerbrechlich. Ihr meint, das funktioniert nicht? Doch – und ob!

Und ebenso funktioniert die Musik. Selten habe ich erlebt, dass sich überragende technische und kompositorische Fähigkeiten, dass sich Intellekt so gut in berührende, mitreißende und hochemotionale Musik transformieren kann. Dass Rationalität und Strenge so spielend leicht zu Virtuosität und Seele metamorphisieren. Die Lieder leben nicht nur von Komplexität, sondern auch von einer zuweilen knackigen und brachialen Härte („The Great Unknown“), vor allem aber von berührenden Melodien und eingängiger mystischer Erhabenheit. Doch wenn ich die Musik mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es: Dramatik. Die ergibt sich aus einer vielschichtigen Dynamik, aus dem Wechsel von aufbrausender Kraft, aufschäumender Energie, und einer beschwörenden Melancholie. Die Musik schwillt auf und nieder, erhebt sich bis in den Himmel, fällt in sich zusammen, um sich langsam wieder aus dem Nichts emporzurecken wie junge Pflanzen aus der warmen Erde. Dies wird immer wieder auch erzeugt durch den Gesang von Herrn Schmidt, der scheinbar mühelos wechselt zwischen einer dunklen Sonorität, warm und umarmend, einem beschwörenden Flüstern und einem machtvollen Growlen. Diese Stimme ist nichts weiter als Emotionen, Gänsehaut, Magie. Und genau von Dualität, von Divergenz, von einem polarisierenden Neben- und Miteinander lebt die Musik. Da gibt es in den mächtigen Epen „Wintertide“, „The Liberation“ und dem furiosen Finale „The Mountain“ große Melodiebögen, wunderbar packende Refrains, spannende Harmonien, treibende Grooves, interessante Rhythmen, Tempowechsel und Breaks. Bestimmt wird die Musik bei aller Melodie und allen eingestreuten Effekten (etwa der Trompete in „The Mountain“) jedoch stets von Gitarren, von brachialen Riffs, von filigranen Leads, die Gefühle und Stimmungen erzeugen, die sich hoch hinauf türmen zu packenden metallischen Eruptionen, einem ewigen hymnischen Fluss. Und mit dem kurzen „Time To Let Go“ gibt es einen richtigen Hit, der mich wohlig an „A Blessing in Disguise“ und „The Quiet Offspring“ der ebenso grandiosen Green Carnation erinnert.

Fazit: DISILLUSION haben mit „The Liberation“ nichts weniger erschaffen als ein großes und zeitloses Meisterwerk. Das vereint das Beste aus „Back To Times Of Splendor“ und „Gloria“. Das ist unglaublich spannende, Grenzen pulverisierende, Seelen vereinende Musik, die ebenso kompositorisch ausgefeilt ist wie berührend, mitreißend, fordernd, emotional. Das ist begeisternd und erfüllend. Hier gibt es nur eines: Den Gipfel besteigen, sich in den tosenden Sturm stellen, die Augen schließen, und sich dann hineinfallen lassen in diesen einzigartigen Kosmos aus Wärme und Liebe. Lasst Euch umarmen und streicheln! Es wird Euer Innerstes berühren. Das verspreche ich Euch!

Liederliste:

1. In Waking Hours (2:04)
2. Wintertide (12:36)
3. The Great Unknown (5:50)
4. A Shimmer in the Darkest Sea (7:14)
5. The Liberation (11:55)
6. Time to Let Got (5:42)
7. The Mountain (12:18)

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