Die Enterbten (D) Bock Auf Dieses Leben
Mit „Bock Auf Dieses Leben“ legen Die Enterbten am heutigen Karfreitag eine EP vor, die vom ersten Takt an
Mit „Bock Auf Dieses Leben“ legen Die Enterbten am heutigen Karfreitag eine EP vor, die vom ersten Takt an keinen Zweifel daran lässt, wo diese Band hinwill. Das Quintett aus Brühl und dem Raum Köln verbindet auf drei Tracks New Wave, Art-Punk und Alternative zu einem Sound, der Druck, Haltung und Eingängigkeit zusammenführt. Parallel erscheint auch das Video zum Titelstück „Bock Auf Dieses Leben“, das den Charakter der Veröffentlichung noch einmal bündelt: direkt, energisch und mit jener neon-grellen Schärfe aufgeladen, die den Stil von Die Enterbten inzwischen klar konturiert.
Neon-grelle Kante mit Zug nach vorn
Die Enterbten setzen auf „Bock Auf Dieses Leben“ nicht auf bloße Attitüde, sondern auf Songs, die sofort greifen. Der Titeltrack marschiert mit straffem Puls, markanter Hook und genau jener kontrollierten Unruhe nach vorne, die guter gitarrengetriebener New Wave braucht, um nicht dekorativ zu wirken. Inhaltlich dreht sich alles um Zuversicht, Selbstbehauptung und die Weigerung, sich von Krisen kleinziehen zu lassen. Entscheidend ist allerdings, dass die Band diese Haltung nicht in Pathos tränkt, sondern in einen Song gießt, der Druck entwickelt und sich seine Wirkung über Rhythmus, Präsenz und Zuspitzung erarbeitet.
Gerade dieser Zugriff macht die EP interessant. Die Enterbten schreiben keine weich gezeichneten Mutmachhymnen, sondern Stücke, die in ihrer Energie nach vorne drängen und gleichzeitig melodisch verankert bleiben. Der Sound besitzt Ecken, ohne sperrig zu werden, und bleibt eingängig, ohne an Profil einzubüßen. Das gibt „Bock Auf Dieses Leben“ genau die Schlagkraft, die ein Auftaktrelease braucht, wenn es nicht im Strom schnell konsumierbarer Neuveröffentlichungen untergehen soll.
Mit Rückenwind aus Nina Hagen Band und Ideal
Die Bezugspunkte sind deutlich hörbar. Wer bei Die Enterbten an die Nina Hagen Band, an Ideal oder an jene Phase denkt, in der deutschsprachige Wave- und Punk-affine Musik Kante, Witz und Störung zugleich transportierte, liegt durchaus richtig. Interessant wird es aber erst dort, wo die Band diese Linien nicht einfach reproduziert, sondern in einen eigenen Zusammenhang stellt. Gitarrenarbeit, Rhythmussektion und Keyboardflächen greifen präzise ineinander, während der Gesang das Material mit Nachdruck führt. So entsteht ein Sound, der die Tradition kennt, sich aber nicht von ihr fesseln lässt.
Gerade der von der Band verwendete Begriff Neonpunk trifft den Kern gut. Diese Musik trägt eine auffällige, neon-grelle Oberfläche, bleibt darunter aber handfest gebaut. Nichts wirkt beliebig, nichts nur auf Effekt ausgerichtet. Stattdessen hört man einer Band zu, die ihre stilistischen Mittel kennt und sie zielgerichtet einsetzt. Das gibt der EP eine Handschrift, die in einem über weite Strecken formelhaften deutschsprachigen Rock- und Alternativfeld wohltuend eigenständig ausfällt.
„Mädchen“ setzt den schärfsten Akzent
Neben dem Titeltrack ist es vor allem „Mädchen“, das auf dieser EP nachhaltig Eindruck hinterlässt. Der Song formuliert seine emanzipatorische Stoßrichtung ohne Ausweichbewegung und ohne sich hinter Allgemeinplätzen zu verstecken. Es geht um Selbstvertrauen, Gleichstellung und den entschiedenen Widerspruch gegen Rollenbilder, die Frauen klein halten wollen. Musikalisch bleibt das Stück dabei beweglich genug, um nicht in bloßer Botschaftsschwere zu versinken. Genau daraus bezieht „Mädchen“ seine Wirkung: Der Song argumentiert nicht, er setzt ein Zeichen.
Dass der Track ursprünglich für Rockgören geschrieben wurde, schadet ihm in diesem Kontext keineswegs. Im Gegenteil: Innerhalb der Dramaturgie von „Bock Auf Dieses Leben“ fungiert „Mädchen“ als Gegenpol zum nach vorn drängenden Titelsong. Wo ersterer auf Aufbruch setzt, bringt letzterer eine gesellschaftliche Schärfe ins Spiel, die das Profil der EP merklich erweitert. So wird aus der Veröffentlichung kein eindimensionales Statement, sondern eine kompakte, aber klar ausformulierte Setzung.
„Einzigartig“ hält die Spannung
Mit „Einzigartig“ liefern Die Enterbten schließlich einen Abschluss, der den Spannungsbogen der EP sinnvoll abrundet. Der Song rückt Fragen von Identität, Eigenständigkeit und Selbstwert in den Mittelpunkt, ohne die zuvor aufgebaute Dynamik zu verlieren. Das Stück funktioniert damit nicht als bloßer Nachsatz, sondern als dritter Baustein einer Veröffentlichung, die auf engem Raum bemerkenswert geschlossen wirkt. Drei Songs genügen hier, um ein klares Bild dieser Band zu zeichnen.
Genau darin liegt eine der Stärken von „Bock Auf Dieses Leben“: Die EP verzichtet auf Umwege und konzentriert sich auf das Wesentliche. Jeder Track setzt einen eigenen Akzent, ohne die Stringenz des Gesamtbilds zu gefährden. Das Ergebnis ist eine Veröffentlichung, die kompakt wirkt, aber keineswegs skizzenhaft. Vielmehr klingt sie wie ein bewusst gesetzter erster Aufschlag vor dem Album.
Ein druckvoller Vorbote für „Niemals zu spät“
Als Auftakt zum Debütalbum „Niemals zu spät“, das am 26. Juni 2026 über NRT-Records erscheinen soll, erfüllt „Bock Auf Dieses Leben“ seine Aufgabe mit Nachdruck. Die Enterbten präsentieren sich hier als Band mit erkennbarem Profil, klaren Referenzen und dem nötigen Gespür dafür, wie man Haltung, Hook und Energie in ein funktionierendes Verhältnis bringt. Zwischen Art-Punk, New Wave und Alternative entsteht eine Veröffentlichung, die ihre Kraft nicht aus Nostalgie, sondern aus Zuspitzung bezieht.
Wer deutschsprachige Rockmusik mit Charakter, Zug und einer eigenständigen Farbigkeit sucht, sollte Die Enterbten jetzt auf dem Zettel haben. Diese EP macht deutlich, dass hier nicht einfach eine weitere Retro-affine Band antritt, sondern eine Formation, die ihren Stil mit Druck, Haltung und einer neon-grell leuchtenden Signatur in die Gegenwart stellt.

Trackliste
- Bock Auf Dieses Leben
- Mädchen
- Einzigartig
CREDITS
Interpret: Die Enterbten
Titel: „Bock Auf Dieses Leben“
Format: EP (Digital)
VÖ: 3. April 2026
Genre: Neonpunk | Artpunk | Alternative
Label: NRT-Records

