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Bericht: PLACEBO „30th Anniversary Tour“, Support The Mirror Trap, 26.10.2026, Barclay Arena Hamburg

Zwischen Melancholie und Erinnerung: Placebo in der Barclays Arena

Bericht: PLACEBO „30th Anniversary Tour“, Support The Mirror Trap, 26.10.2026, Barclay Arena Hamburg

Placebo feiern 30 Jahre ihres selbstbetitelten Debütalbums – und machen daraus eine Reise zurück zu ihren musikalischen Anfängen. Auf ihrer Tour zu „Placebo RE:CREATED“ konzentriert sich die Londoner Band auf frühe Songs, von denen einige seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr live zu hören waren. Am 26. Oktober 2026 gastierten Brian Molko, Stefan Olsdal und ihre Band in der Barclays Arena Hamburg. Als Support trat The Mirror Trap aus Schottland auf.

Die Barclays Arena ist an diesem Abend gut gefüllt, aber nicht ausverkauft (rund 10.000 Fans haben sich an diesem Montagabend in der Barclays Arena eingefunden.), als The Mirror Trap den Konzertabend eröffnen. Die schottische Band passt grundsätzlich erstaunlich gut zu Placebo: düsterer Alternative-Rock, kantige Gitarren und eine Atmosphäre, die eher nach nassem Asphalt als nach Konfettiregen klingt. Anfangs wirkt das Publikum allerdings noch etwas zurückhaltend. Viele sind offenbar vor allem wegen des Hauptacts gekommen und nutzen den Support-Auftritt, um sich mit Getränken zu versorgen oder langsam in Konzertstimmung zu kommen.

The Mirror Trap lassen sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Der Sänger geht mit sichtbarer Energie auf die Bühne, während die Band ihren Sound irgendwo zwischen Post-Punk, Indie-Rock und hymnischem Gitarrenrock platziert. Besonders stark sind die Momente, in denen die Songs nicht einfach nur nach vorne preschen, sondern Raum für Atmosphäre lassen. Ganz erreicht die Band das große Arenapublikum zwar noch nicht, aber sie hinterlässt einen überzeugenden Eindruck. Als The Mirror Trap die Bühne verlassen, ist zumindest klar: Der Abend wird nicht bei sanfter Hintergrundmusik bleiben.

Noch bevor Placebo die Bühne betreten, erklingt Molkos Stimme aus den Lautsprechern. Die Fans werden gebeten, ihre Smartphones in der Tasche zu lassen und den Moment unmittelbar zu erleben. „We’d like to encourage you to be here in the now“, lautet die Botschaft. Das Filmen erschwere der Band, Nähe zum Publikum aufzubauen und die Intensität der Songs zu vermitteln. Nach einer kurzen Umbaupause wird es dunkel. Ein Raunen geht durch die Barclays Arena, vor der Bühne hängt ein weißes Transparent, auf dem Bilder aus drei Jahrzehnten Bandgeschichte zu sehen sind, dann erscheinen Placebo auf der Bühne. Brian Molko und Stefan Olsdal verzichten weitgehend auf überflüssige Showelemente. Keine riesigen Bühnenbilder, keine aufgesetzten Ansagen, kein Versuch, das Publikum mit künstlicher Euphorie zu überreden. Placebo setzen auf ihre Musik – und auf die besondere Spannung, die entsteht, wenn eine Band mit so viel Vergangenheit vor einem Publikum steht, das jeden Song kennt.

Die Ansage vom Anfang bleibt im Laufe des Konzerts dann leider nicht folgenlos. Sicherheitskräfte beobachten das Publikum aufmerksam und leuchten einzelnen Fans mit Taschenlampen ins Gesicht, sobald sie ihre Handys hervorholen. Eine junge Frau aus der ersten Reihe protestiert lautstark, wird aber schließlich aus der Halle begleitet. So konsequent wurde das Smartphoneverbot wohl selten bei einem Arena-Konzert durchgesetzt.

Auf der Bühne ragen fünf schmale Videowände wie Säulen empor. Mal erscheint darauf ein knallbunter Roulettekessel, mal flimmern grobkörnige Schwarz-Weiß-Aufnahmen in Pink – wie ein gestörtes Fernsehsignal, während sich die Lichttrassen immer wieder auf und ab bewegen. Bassist Stefan Olsdal präsentiert sich in einer Latexweste, während Molko mit schwarzer Schminke und engen Röhrenjeans den vertrauten, androgynen Placebo-Look pflegt.

Die Atmosphäre in der Arena ist konzentriert, beinahe meditativ. Kaum jemand tanzt, nur wenige springen oder drängen nach vorn. Die meisten Zuschauer nicken im Takt und starren gebannt auf die Bühne. Vielleicht liegt es an der melancholischen Schwere der Musik, vielleicht tatsächlich am fehlenden Handylicht. Das Publikum betreibt gemeinsames Trübsalblasen – und wirkt damit erstaunlich zufrieden.

Placebo waren nie eine Band, die sich um Harmonie bemüht hat. Schon in den Neunzigern stellten sie sich mit Make-up, Kleidern und einer queeren Ästhetik gegen das Macho-Gehabe des Britpop. David Bowie erkannte früh ihr Potenzial und unterstützte die Band. Diese Widerborstigkeit ist auch in Hamburg noch vorhanden. Als Molko in Richtung VIP-Logen blickt und einen Zuschauer wegen beleidigender Handzeichen beschimpft, ist der kurze Aufreger typisch für ihn. Schnell schiebt er hinterher, er habe ganz vergessen, dass er auch auf Deutsch fluchen könne.

Musikalisch bleibt der Abend jedoch hinter den Erwartungen zurück. Das Bühnenlicht ist auffallend reduziert und meist auf Rot und Blau beschränkt. Bei „Brick Shithouse“ funktioniert diese Ästhetik gut, während bei „My Sweet Prince“ gespenstische Keyboardflächen durch die Halle schweben. Die Bilder und Farben erzeugen eine stimmige Atmosphäre, können aber nicht immer kaschieren, dass es der Musik an Druck fehlt.

Besonders deutlich wird das bei „Bruise Pristine“. Molkos Stimme klingt angeschlagen, als würde er mit angezogener Handbremse singen. Vielleicht ist die Grippe noch nicht vollständig überwunden, vielleicht fordert die lange Karriere ihren Tribut. Die Songs besitzen weiterhin starke Melodien und eine unverwechselbare Stimmung, doch ihre frühere Dringlichkeit und Wucht erreichen sie nur selten. Was sich letztlich auch in der verhältnismässig kurzen Spielzeit (75 Minuten plus die beiden Zugaben) widerspiegelt.

Ein Lichtblick ist der neue Song „Helen Keller“, den Brian Molko auch als „ungewöhnlich“ ankündigt, was vermutlich damit begründet ist, dass es bereits vier Jahre her ist, dass Placebo ein neues Studioalbum am Start hatten.  Der vergleichsweise hoffnungsvolle Song mit heller Synthesizermelodie, verzerrten Gitarren und vorwärtstreibendem Schlagzeug bringt Bewegung in den Abend. Das sanfte Klavier im Outro sorgt für einen kleinen Feelgood-Moment. Insgesamt wirkt das Konzert aber eher wie ein Revival als wie ein Neubeginn. Band und Publikum entstauben gemeinsam die Erinnerungen an frühere Placebo-Sternstunden. Viele Besucher sind zwischen Mitte 40 und Ende 50, auf den Rängen sitzen auch Familien mit ihren Kindern. Die Band kämpft nicht unbedingt darum, neue Welten zu erobern, sondern darum, den eigenen Platz in der Erinnerung zu behaupten.

Erst die Zugabe bringt die große emotionale Wende. Die Bühne glüht orange, ein Synthesizer-Staccato baut sich minutenlang auf, dann setzen bei „Every You Every Me“ die Gitarren ein. Die gesamte Arena singt mit – endlich springt der Funke über. Noch stärker wirkt anschließend das Kate-Bush-Cover „Running Up That Hill“.

Fazit: Placebo liefern in Hamburg keinen makellosen Abend. Die Stimme schwächelt, manche Songs wirken weniger bissig als früher, und die große Wucht der Anfangsjahre bleibt oft Erinnerung. Doch die Band hat ihre Punk-Attitüde nicht verloren. Zwischen Melancholie, Trotz und Nostalgie entsteht schließlich ein Konzert, das vor allem eines vermittelt: Manche Songs altern nicht – sie warten nur darauf, wieder gemeinsam gesungen zu werden.

Setlist:

  • Pure Morning
  • Come Home
  • You Don’t Care About Us
  • Teenage Angst
  • Bionic
  • Without You I’m Nothing
  • Allergic (To Thoughts Of Mother Earth)
  • 36 Degrees
  • I Know
  • Brick Shithouse
  • My Sweet Prince
  • Lady Of The Flowers
  • Helen Keller
  • Bruise Pristine
  • Nancy Boy
  • Every You Every Me
  • Running Up That Hill

Mehr Bilder des Abends sind hier zu finden.