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Vier Meter Hustensaft (D) – Politpunks aus Überzeugung im großen Interview

Die Düsseldorfer Politpunk Formation: Vier Meter Hustensaft lieferte vergangene Woche mit der EP „Dreckige Kohle“ ein starkes und kompromissloses

Vier Meter Hustensaft (D) – Politpunks aus Überzeugung im großen Interview

Die Düsseldorfer Politpunk Formation: Vier Meter Hustensaft lieferte vergangene Woche mit der EP „Dreckige Kohle“ ein starkes und kompromissloses Lebenszeichen, welches am 9. Januar über NRT-Records veröffentlicht wurde. Im Gespräch unterhalten wir uns mit Gitarrist und Bandleader Philipp Altenhofen über das aktuelle Soundbild nach den Umbesetzungen, über Songs mit Humor als Einstieg und Ernst als zweite Ebene sowie über seine persönliche „Heimat“ zwischen Ruhrgebiet und Rheinland. Außerdem geht es um Live-Energie, den Mitschnitt aus der Börse Wuppertal und darum, warum Punk für die Band weiterhin Haltung und Zusammenhalt bedeutet.

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Erlebt nochmals das kompromisslose Punkwerk „Dreckige Kohle“ von Vier Meter Hustensaft

Hallo Philipp, danke dass du dir zeitnimmst! „Dreckige Kohle“ erscheint am 09. Januar 2026: Was soll diese EP in einem Satz über Vier Meter Hustensaft im Jahr 2026 aussagen?

Hallo, danke für die Einladung. Mach dein Ding, Hauptsache du bist glücklich!

Was war der zentrale Auslöser für die EP: ein konkretes Thema, ein neues Soundbild nach der Umbesetzung oder der Wunsch, euch neu zu definieren?

Wir wollten zeitnah präsentieren, wie wir jetzt klingen.
Die Arbeit am Album läuft, dauert aber noch etwas, solange wollten wir nicht mehr warten

Copyright: Vier Meter Hustensaft gepostet mit freundlicher Genehmigung durch die Band

„Was Ich Dringend Brauche“ eröffnet die EP und du singst den Song – wie wichtig war dir, dass hinter der scheinbar einfachen Bier-Pointe ein klarer emotionaler Kern erkennbar wird?

Ich mag Songs die zweideutig sind. Beim ersten Mal hören denkt man dass es sich um einen einfachen Saufsong handelt, wenn man genau hinhört kann man dann aber natürlich raushören dass es um mehr geht. Ich mag es einfach, wenn man von Songs zum Nachdenken angeregt wird.

Funfact: Ich trinke selbst garkeinen Alkohol mehr

Wie bewusst arbeitet ihr bei solchen Songs mit „Doppelböden“, also Humor als Einstieg und Ernst als zweite Ebene?

Meist entstehen die Songs aus Textfragmenten.
Wenn ich, oder auch Thiemo, dann einen fertigen Text geschrieben haben, dann wird das immer in den Proben zerlegt und hinterfragt.
Wir sind schließlich eine Band und alle bringen sich ein und jeder soll sich mit dem Song wohlfühlen.

Der Titeltrack „Dreckige Kohle“ zeichnet euer Revier zwischen Ruhrgebiet und Rheinland – was bedeutet diese Region für dich persönlich, jenseits von Klischees?

Als gebürtiger Trierer habe in NRW vor 16 Jahren meine „Heimat“ gefunden. 
Dadurch dass es hier so viele Menschen, Kulturen (Subkulturen) gibt empfinde ich die Region als viel weltoffener und toleranter als viele andere Regionen in Deutschland, ich finde man kann sich hier sehr wohlfühlen, egal wer man ist oder wie man lebt.

Im Song geht es auch darum, das eigene Glück in die Hand zu nehmen – welche gesellschaftlichen Erwartungen oder Zwänge spürst du gerade besonders stark in eurem Umfeld?

Die ganze Welt steht doch Kopf. Wer kann denn heute noch frei leben? Der gesamte Alltag besteht doch aus Zwängen.
Jeder ist auf Geld angewiesen und muss arbeiten und dass wird in vielen Berufen nicht einmal vernünftig honoriert.
Wenn man Kinder hat, wird es noch exponentiell schwerer. 
Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, lief die Welt, zumindest empfinde ich das so, deutlich ruhiger
.

„Der Allergrößte“ ist extrem direkt und schneidet Ego-Posen an – was triggert dich an diesen „Überfliegern“ am meisten: Arroganz, Inkompetenz oder der Wille, trotzdem überall mitzureden?

Alles an Ihnen…. Besonders ihre geballte Inkompetenz, der Dunning-Kruger-Effekt lässt grüßen

Der Track ist stellenweise fast Hardcore-schnell: Ist das ein Ausreißer oder ein Hinweis darauf, dass ihr künftig konsequent härter und schneller werden wollt?

Solche „Ausreißer“ wir schon in der Vergangenheit (Uniform). Wir haben beim Songwriting kein 100%iges Konzept. Ich höre selbst viel hartes Geballer und natürlich wird sich das auch immer mal wieder in den Songs wiederfinden, die ich schreibe 😉

Warum war euch wichtig, die EP mit einer Live-Version von „Was Ich Dringend Brauche“ zu schließen, statt mit einem weiteren neuen Studio-Track?

Das Konzert in der Börse war für uns ein echtes Highlight. Die Technik dort war einfach fantastisch, warum also das Material nicht nutzen? Außerdem, wie anfangs schon geschrieben, wollten wir uns möglichst schnell mit der neuen Besetzung präsentieren.
Recording braucht viel Zeit, mehr Songs zu veröffentlichen hätte also auch viel mehr Zeit gebraucht.

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Aufgezeichnet Live in der Börse in Wuppertal – Was Ich Dringend Brauche (LIVE)

Das Live-Video entstand in der Börse Wuppertal – was macht für dich einen perfekten Vier-Meter-Hustensaft-Gig aus: Publikum, Intensität, Chaos, Haltung oder etwas ganz anderes?

Wichtig ist dass jeder eine gute Zeit hat (wir und natürlich die Gäste). Wenn ein Gig in einem gut organisierten Laden (egal wie klein oder groß) stattfindet ist das die halbe Miete. Load in, Soundcheck können schnell stressig werden, dass trübt dann schnell die Stimmung. Das Publikum ist natürlich auch voll wichtig, je mehr da eine gute Zeit haben um so besser! Wir hatten aber auch schon vor ganz wenig Menschen eine gute Zeit.

Nach dem Weggang von Yvonne im November 2024 hast du kurzfristig den Gesang übernommen – was war die größte Umstellung: Technik/Stimme, Frontmann-Rolle oder die Verantwortung, das Projekt zusammenzuhalten?

Erste Intention war erst den Gig nicht absagen zu müssen. Die größte Herausforderung war Gesang und Gitarre gleichzeitig machen zu müssen, das war nicht ohne. Da das aber dennoch funktioniert hat, haben wir entschlossen weiterzumachen.

Heute teilt ihr euch den Gesang (du und Thiemo): Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, wer welchen Song singt – Autorenschaft, Tonlage, Attitüde oder Live-Wirkung?

Bislang handhaben wir das so, dass der der den Text geschrieben hat auch singt.
Dann schauen wir war an Backings sinnvoll ist, oder teilen schon mal Zeilen zwischen uns auf.

Thiemo kam kurz nach dem Gig mit Graupause und Toxoplasma dazu: Was hat die zweite Gitarre an eurem Sound konkret verändert oder möglich gemacht?

Thiemo kam sogar kurz vorher dazu und hat den Gig mit gespielt Jetzt ist schön, dass man sich aufteilen kann. Besonders bei Songs die Yvonne geschrieben hat, die ich jetzt aber singe ist es oft schwierig Gitarre und Gesang unter einen Hut zu bringen, da ist es sehr erleichternd, dass ich m Zweifel kurz
die Gitarre vernachlässigen kann. Er bring natürlich jetzt auch seine eigene Note mit rein und
schreibt selbst fleißig Songs.

Mit Philipp Wachter am Bass seit August 2025: Was hat sich dadurch im Zusammenspiel, im Groove und in der Dynamik der Rhythmusgruppe verändert?

Aus dem Stand hatte er nur 4 Wochen um die Songs auf der Setlist zu lernen, da sind wir recht stur durchgegangen und haben gesagt dass er sich auf die Basics beschränken soll ums möglichst
einfach zu machen. Jetzt gibt er beim Songwriting selbst Vollgas, er kann alle Instrumente spielen, was richtig viel Dynamik mit reinbringt.

Die erste Punkband, die sich in der Cov-Pandemie gegründet hat
Vier Meter Hustensaft
Bildcopyright: Vier Meter Hustensaft

Vier Meter Hustensaft ist 2020 in der Corona-Zeit entstanden – welcher Teil dieses „Quarantäne-Geists“ steckt heute noch in eurer Arbeitsweise oder Haltung?

Wir schicken weiterhin Songideen per Whatsapp hin und her. Also wir machen immer noch Teilzeit/Homeoffice 😀

Wenn du an die ganz frühen Songs und das erste Live-Debüt 2020 zurückdenkst: Was würdest du aus dieser Anfangsphase heute bewusst wieder stärker betonen?

Die Band muss uns Spaß machen! in den letzten Jahren gab es durch viele private Veränderungen und auch natürlich die Besetzungswechsel immer wieder Phasen, in denen ich komplett demotiviert war. In der ersten Zeit hatten wir wenig Erwartungen an uns, wir wussten ja auch nicht wo die Reise hingeht. Kann man überhaut Konzerte spielen und so weiter.

Wir versuchen wieder verstärkt daran dass sich jeder auch gut fühlt damit uns allen die Band Spaß macht, denn raum machen wir das ja eigentlich. Um Spaß zu haben und in seiner Leidenschaft für Musik aufzugehen.

„Misch Dich Ein“ von eurer letzten EP in Originalbesetzung wurde stark wahrgenommen und hat polarisiert: Wie gehst du damit um, wenn ein Song gleichzeitig Zustimmung erzeugt und Gegenwind auslöst?

Ist mir eigentlich egal. Würde ich heute noch alle Songs spielen (und singen)?  Nein. Aber ich kann hinter jedem Song stehen, den wir veröffentlicht haben. Das ist mir wichtig. Der Song ist in soweit wichtig, dass ein Rückwärtstrend erkennbar ist.

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Hat Polarisiert, Misch Dich Ein von Vier Meter Hustensaft

Der Song bezieht sich auf einen tödlichen homophoben Angriff beim CSD Münster: Wo ziehst du die Grenze zwischen klarer politischer Haltung und dem respektvollen Umgang mit realen Betroffenen?

Ich würde private reale Personen nicht in Songs erwähnen.  Unserem aktuellen Bundeskanzler einen Song gewidmet (FU). Auch da hatte ich keine bestreben ihn beim Namen zu nennen.

Ihr habt bereits vor „Kein Vergeben, Kein Vergessen“ bei NRT-Records unterschrieben: Was hat euch am Label überzeugt, und was hat sich seitdem ganz konkret für euch verbessert oder verändert?

Überzeugt hat uns Labelboss Philipp Gottfried, mit dem wir in der Zwischenzeit auch privat befreundet sind. Er legt all sein Herzblut ins Label und das merkt man vor allem in seiner Motivation. Dabei mussten wir feststellen, dass er nicht auf Profit getrimmt ist, sondern unsere Musik das wichtigste ist. Sowas ist außergewöhnlich heutzutage. Er nimmt uns sehr viel Arbeit ab, egal ob Vertrieb, Artwork oder auch Releaseplanung, sodass wir uns wirklich auf die Musik konzentrieren können. Es macht einfach eine Riesenfreude mit ihm zusammen zu arbeiten. NRT-Records ist mehr Familie und keine Geldmaschinerie und das mit ernsthaftem, professionellen Anspruch.

Wenn du auf die gegenwärtige politische Landschaft schaust: Wo siehst du die Aufgabe einer Punkband heute – klare Kante, Menschen aktivieren, lokale Szene stärken – und wo wird Musik für dich zur reinen Parole?

Puh, ja irgendwie alles davon. Die Subkultur ist nicht tot, sie ist nur versteckt und wird klein gehalten.
Viele AZs und Underground Clubs kämpfen ums Überleben, nicht wegen fehlender Besucher, sondern wegen fehlender Förderung oder weil man die Räumlichkeiten wegnimmt. Wir müssen da alle zusammenhalten, wir spielen die Konzerte, die Menschen kommen als Besucher um so die Läden zu erhalten. Das ist in vielen Fällen auch ein safespace für viele geworden, die sich dort einfach ausleben können ohne wegen Geschlecht, Sexualität oder einfach ihrer Optik Probleme zu bekommen.
Ich brauche keine riesigen Konzerte, dort gehe ich auch als Besucher nicht hin.

Ich will kleine Konzerte mit echten Menschen. 

„Dreckige Kohle“ zeigt Vier Meter Hustensaft in einer Phase, in der sich vieles verändert hat – ohne dass der Kern verloren ging. Philipp Altenhofen macht deutlich: Entscheidend sind Spielfreude, klare Kante und eine Szene, die sich gegenseitig trägt. Wer die EP hört, merkt schnell, dass hier nicht nur Parolen zählen, sondern echte Geschichten und echte Momente.

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