ESKIMO CALLBOY – Interview (09.03.2018)

ESKIMO CALLBOY – Interview (09.03.2018)

📁 Allgemein, Interviews, Tipp der Redaktion 🕔13.März 2018
ESKIMO CALLBOY – Interview (09.03.2018)

ESKIMO CALLBOY – Interview

Im Rahmen des zweiten Termins der The Scene Tour 2018 am 09.03.2018 im Mau in Rostock hatte ich die erfreuliche Gelegenheit, mit den beiden Sängern Sebastian „Sushi“ Biesler und Kevin Ratajczak zu sprechen (Seht und lest dazu auch die Galerie und die Konzertkritik!). Anlass war neben der Tour auch ihre am 25.08.2017 veröffentlichte neue Scheibe „The Scene“. Damit haben ESKIMO CALLBOY erneut ein fettes Ausrufezeichen im weiten Feld zwischen Metal und Elektronica gesetzt. Die beiden Herren zeigen sich als echte Gentlemen, Sympathiebolzen und jederzeit bodenständige, interessierte und refelktierte Zeitgenossen. Sie nehmen sich trotz des bevorstehenden Konzertes viel Zeit und werfen sich immer wieder gut gelaunt die Bälle zu. Insgesamt herrscht eine ungezwungene und sehr offene Atmosphäre und es wird verdammt viel gelacht. Beide äußern sich ebenso ausführlich wie offen und tiefgründig. Aber lest am besten selbst:

Hallo Ihr Beiden. Zunächst vielen Dank, dass Ihr Euch die Zeit für ein Interview nehmt. Gestern ging es ja in Bremen los, Eure The Scene Tour, zweiter Teil 2018. Wie fühlt es sich an, wie geht es Euch damit, wieder auf der Straße unterwegs zu sein? Seid Ihr denn schon wieder richtig im Tourmodus angekommen?

Sebastian: Ehrlich gesagt, noch nicht so. Der erste Tag ist immer noch nicht ganz okay. Man hat dann ein paar Texte noch nicht so im Kopf und es dauert eben immer eine Zeit, bis sich das wieder eingroovt. Aber heute ist dann so die Zweiter-Tag-Routine“, dann sind wir auch schon wieder zuhause.

Kevin: Das geht relativ zügig, dass du dann wieder voll im Tourmodus bist. Aber es ist so ein bisschen anders. Ich kann mich noch an unsere erste Tour erinnern, da sind wir völlig ausgerastet, und heute ist man eben ein bisschen routinierter. Du hast gute Zeiten, du feierst auch, ab es ist alles ein bisschen ausgewählter.

Sebastian: Das geht auch nicht mehr so gut, habe ich gestern gemerkt (Kevin lacht). Den ersten Tag schön mit Gin Tonic am Start gewesen, dann fühlst dich am nächsten Tag richtig bescheuert. Wo ich dann sonst immer schon fit war wie ein Turnschuh, da brauchst du dann deine sechs Stunden jetzt.

Kevin: Aber das war gestern geil, das war ein super Auftakt. Wir sind ja auch alle eingespielt, das Album ist ja jetzt fast ein Jahr draußen im Sommer und wir haben jetzt da drei Touren gespielt, im Ausland auch. Na ja, und da waren eben noch so ein paar Kleinigkeiten.

Sebastian: So ein paar kleine Hänger, die kriegst du eben einfach nicht raus, aber live funktioniert das dann doch wieder richtig gut.

Gibt es Lieder, die Ihr besonders gern live spielt? Weil Sie Euch selbst gut gefallen, weil Ihr besondere Dinge damit verbindet, weil Eure Fans sie lieben?

Sebastian: Ich glaube, es ist schwieriger zu sagen, welche Songs so ein bisschen schwergängig sind. Das hat aber mehr mit dem Tempo zu tun. Bei der letzten Platte, da haben wir gemerkt, das ist alles auf Platte geil, aber manchmal hat man live dieses komische Gefühl, das auf einmal alles ganz langsam wird. Die Songs, die dann grundsätzlich schon mal langsamer sind, die fühlen sich dann einfach wie in Zeitlupe an, das sind „Back In The Bizz“ und „The Scene“. Und das ist manchmal sehr irritierend, weil die Songs, die wir vorher hatten, vom Tempo eben einfach viel schneller sind. Es kommt dann immer auf den Tag an, ob sie sich jetzt schnell anfühlen oder nicht. Aber das sind auf jeden Fall zwei Kandidaten, die sich manchmal komisch anfühlen.

Kevin: Du hast es ja selber schon gesagt, es gibt Songs, die hörst du auf Platte total gerne, live funktionieren die aber überhaupt nicht. Das hatten wir schon ganz oft. Es ist eben immer die gesunde Mischung. Ich mag zum Beispiel auf dem neuen Album, dass da auch Songs dabei sind, die einfach mal wirken, die stehen einfach mal so da. Und da muss man auch jetzt nicht voll abgehen, sondern da guckt man einfach mal und lässt sie wirken.

Ich finde ja, „Shallows“ und „Frances“ sind solche Songs.

Kevin: Ja, genau, die sind eben anders.

Sebastian: Aber dann hast du eben auch Songs, die funktionieren immer, so was wie „MC Thunder“, ein Selbstläufer, den machst du einfach an, den muss man gar nicht viel anspielen.

Kevin: Aber das macht Bock, es ist ja gerade diese Abwechslung, die das Ganze dann ausmacht. Und Gottseidank haben wir das jetzt auch, dass es eben auch mal ein bisschen Abwechslung gibt.

Was macht Ihr, wenn Ihr nicht auf Tour seid? Wie viel ist dann Musik, wie viel ist dann Business, und wie viel ist dann Familie und Freizeit?

Sebastian: Das ist echt schwer. Erst mal werden dann die ganzen Scherben zusammen gekehrt, die wir hinterlassen haben, also die nicht aufgeräumte Bude, Wäsche waschen, das wird dann erstmal in Angriff genommen. In Tourzeiten, da arbeitest du grundsätzlich eigentlich nicht in den Tagen dazwischen, sondern schaust, dass du runter kommst. Ich würde sagen, das ist dann mehr Familie. Aber wenn wir jetzt nicht auf Tour sind, da gucken wir, dass wir möglichst viel schon abarbeiten können, es gibt ja als Musiker immer was zu tun.

Kevin: Ja, das ist so, weil wir eben sehr viel selbst machen. Das haben wir schon von Anfang an so gemacht. Wir haben gute Kompetenzen innerhalb der Band. Der eine macht Homepages, der andere kennt sich mit Studiosachen aus, der andere ist sehr gut in Elektrotechnik und macht sowas ganz gerne. Ob es jetzt das X auf der Bühne ist, das haben wir selber gebaut. Das haben wir jetzt ein bisschen verkleinert, weil wir jetzt auch kleinere Clubs haben. Auf der letzten Tour war das nochmal 1,50 Meter höher. Deswegen hast du halt auch immer was zu tun. Und gerade jetzt, so ein Jahr ist kurz, wenn man die Tourzeiten abzieht. Wir müssen ein neues Album schreiben, wir sind jetzt gerade so in den Anfängen dafür, da sind wir gerade soweit, dass wir die ersten Ideen rausgehauen haben. Na ja, und Familie, die ist ganz wichtig. Wenn die Tour vorbei ist, wir machen das ja jetzt in Blöcken, aber wenn wir eine durchgängige Tour haben, wir lieben uns alle, aber dann ist es erstmal so: Jungs, wir sehen uns dann mal in ner Woche, ne. Und wenn du so drei, vier Wochen bei einer langen Tour mal aufeinander hängst, dann willst du auch eben kurz mal ein bisschen Zeit für dich haben, willst dich um die Familie kümmern, Oma und Opa besuchen. Und das machen wir.

Gibt es denn dieses Loch, in das viele Musiker fallen, nach der Tour, da sind sie mental voll auf dem Olymp, geistig und körperlich voll am Anschlag, und dann sitzt man allein in der Bude?

Sebastian: Nein. Bei mir ist es mittlerweile nicht mehr so. Ich mache relativ viel nebenbei, und es gibt eigentlich immer was zu tun. Ich bin daher auch mal ganz froh, wenn mal wirklich nichts zu tun ist, wenn du echt so ein paar Monate nur Dauerstrom hattest. Na klar, am Anfang ist das so, da fällt auch nicht so viel an, und dann ist es schon mal so, dass du zuhause sitzt und denkst, ja, okay, was machst du. Aber mittlerweile sind wir auf so einem Level, wo es einfach entspannend ist, mal nicht unterwegs zu sein, egal, wie geil das auch alles ist.

Kevin: Man genießt es einfach. Meine Freundin, die sagt immer, teilweise sich auch beschwerend, ich bin irgendwie anders, wenn ich auf Tour bin. Sie mag das nicht, wenn ich wiederkomme, wenn ich auf Tour bin. Das ist eine komprimierte Zeit mit unglaublich vielen Einflüssen. Das ist alles toll und wir genießen das auch in dieser Zeit total. Aber ich habe das auch irgendwann schon mal gesagt: Weil das alles so komprimiert und so schnell ist, hast du gar nicht die Zeit, die ganzen geilen Momente abzuspeichern. Das ist so: Schnips, und dann überlegst du: Was ist jetzt alles passiert, du hast total coole Shows gespielt, hast vielleicht sogar noch Länder gesehen, die du unbedingt mal anschauen willst, neue Menschen kennengelernt, warst in irgendeinem Club in Japan irgendwo im 11.Stock oben und hast Party gemacht. oder in Russland irgendwo auf einem Partydampfer. Das ist einfach viel zu viel, um das innerhalb dieser kurzen Zeit zu fassen. Und das hat bei mir dazu geführt, und das mag ich auch eigentlich nicht, wenn meine Freundin das über mich sagt, aber sie meint immer, wenn ich wiederkomme, dann höre ich nicht richtig zu, als wenn ich, als wenn mein Körper diese Impressionen erstmal verarbeiten muss eine Woche. Und dann bin ich wieder der Kevin, den sie kennt.

Sebastian: Ich habe das nicht. Ich rede gar nicht eine Woche mit meiner Freundin (Alle lachen.). Ich schlafe einfach.

Kevin: Das ist vielleicht so ein kleines Loch. Und das ist auch gar nicht böse gemeint. Du hast manche Gespräche nach den Shows mit Leuten, die zu den Shows kommen – das machen wir ja gerne mal, wir kommen dann raus und quasseln, da sind wir immer für zu haben –, die sind tiefsinnig, das sind coole Gespräche, da hast du einen Draht. Aber ganz oft hast du dann auch immer dieselben Fragen, und das meine ich gar nicht böse den Menschen gegenüber, denn die sind ja nur einmal da, aber wir, wir werden ja oft die gleichen Sachen gefragt. Das ist dann manchmal so, da musst du dich eben genau daran erinnern: Die Leute, die zu den Shows kommen, die sind ja nur einmal da. Für dich ist das vielleicht tausend Mal Wiederholung, wenn es so normale Dinge sind wie: Wann kommt ihr mal wieder dahin? Oder: Ich habe euch da gesehen. Erinnerst du dich an mich? Das ist auch gar nicht böse gemeint. Manchmal, bei Leuten, wenn du ein längeres Gespräch hast, da hast du einen Kopf, da hast du Mimik, Gestik. Aber überleg dir das mal, du bist auf Tour, du lernst Leute kennen, gefühlt Tausende. Aber das sind so Kleinigkeiten, da kann man sich bewusst drüber sein, da kann man dran arbeiten oder den Leuten sagen, dass es so ist, und dass es nicht böse gemeint ist.

Geht Ihr in der Freizeit selbst noch auf Konzerte?

Sebastian: Also wenn wir es schaffen ja. Wenn befreundete Bands irgendwo spielen, dann gehen wir schon mal dahin. Aber so ganz privat bin ich glaube ich der Einzige, der sich ab und zu mal was anguckt.

Kevin: Nö, ich auch. Ab und an mal.

Sebastian: Was war das letzte Konzert, wo du warst?

Kevin (überlegt): Das letzte Konzert war … das Impericon Festival, das ich mir angeguckt habe.

Sebastian: Das hast du dir nicht angeguckt, da warst du betrunken (Alle lachen).

Kevin: Mein Unterbewusstsein hat sich das angeguckt.

Sebastian: Ja, im Unterbewusstsein habe ich auch schon einiges gesehen (Alle lachen.).

Kevin: Das Ding ist einfach, und das hat auch was mit unserem Tourleben zu tun: Wir gehen auch kaum noch feiern. Die Leute denken halt, das Leben wäre auch ein bisschen so. Und damit haben wir uns ja auch ein bisschen identifiziert, die ersten Jahre besonders, das war halt krass, immer Party machen, und das ist ja auch eine tolle Sache. Aber wenn du das auf Tour so viel hast, immer Party, das ist genau so, als wenn du jeden Tag im Jahr dein Lieblingsgericht hättest, dann wäre es auch nicht mehr besonders. Und wir haben auf Tour eben so viel davon.

Sebastian: Es geht bergab. Gestern hat mir schon gar nicht mehr der Gin Tonic geschmeckt (Alle lachen.).

Kevin: Du suchst es dir halt aus. Das ist das Ding. Das ist so wie der Millionär, der sich alles kaufen kann. Da muss man sich halt überlegen, was ist jetzt geil, wo gehe ich hin, dass ich wirklich den Spaß daran habe und das nicht einfach so nebenbei erlebe.

Ihr habt es eben schon angesprochen. „The Scene“ ist jetzt etwas über ein halbes Jahr draußen, das ist im Musikbusiness ja uralt (Beide lachen.). Wie fühlt Ihr Euch derzeit mit der Scheibe. Hat sich da bei Euch was verändert? Seht Ihr rein technisch etwas anders, was da auf der Scheibe ist, oder fühlt Ihr auch etwas anders?

Sebastian: Definitiv. Technisch ist es auf jeden Fall für mich anders. Ich muss ja singen und schreien, beides gleichzeitig, und da sind Sachen dabei, die sind halt extrem hoch. Klar kann man das mit Technik kompensieren im Studio, und so funktioniert das dann halt auch alles. Aber bei der Platte musstest du auf einmal richtig ackern und überlegen, wie kriegst du das alles hin. Und gerade bei „The Scene“ und „Back In The Bizz“, da ist ja noch so ein anderer Shoutstil mit reingekommen, da hast du jetzt drei verschiedene Techniken, die du irgendwie am Abend unter einen Hut kriegen musst. Also für mich als Sänger ist das schon stressiger geworden.

Kevin: Wir merken aber auch dadurch, dass wir uns mit Musik viel auseinandersetzen: Wenn du die Songs schreibst, dann schaust du ja, was gefällt mir, und das ist ganz stark auch davon abhängig, was man gerade hört. Und wo willst du hin. Und ein Stück weit auch: Was wollen die Leute hören. Denn seit es unser Brot und Wasser ist, müssen wir auch so ein bisschen gucken, wie ist die Nachfrage. Aber wir merken einfach, dass dieses, ich nenne es jetzt einfach mal stumpfes Rumgeballer, was wir früher hatten, dass das total langweilig ist. Du erwischst dich selber dabei, wie dich deine eigenen Sachen langweilen, weil du eigentlich mehr erwartest, mehr willst, was anderes willst. Und das ist immer dieses böse Wort, wenn Bands sich „weiterentwickeln“ oder sich in irgendeine „andere Richtung entwickeln“, dann sind die Fans oder die Leute, die es gerne hören, manchmal böse oder haben kein Verständnis dafür. Aber das haben wir immer getan. Wir glauben da fest dran, dass man als Band nur erfolgreich und vor allem kredibil bleiben kann, wenn man das, was man tut, auch mag und dahinter stehen kann.

Sebastian: Man muss sich halt immer selber neu erfinden.

Kevin: Ja. Genau. Das ist ein Wandel. Wir haben jetzt mit dieser Platte einen coolen Mischmasch. Wir haben ein paar ungewöhnlich ruhige Sachen mit reingenommen. „VIP“ zum Beispiel, das ist so ein Song, der war schon für das alte Album geplant, der ist dann runtergeflogen, weil wir dachten, das können wir niemals bringen. Aber auf dem alten Album war auch „Best Day“, und da haben wir gedacht, sowas geht auch nicht, aber das ist mittlerweile einer unserer stärksten Livesongs. Es funktioniert, wenn man da nur dahinterstehen kann. Und deswegen finden wir es gut, was für eine Richtung „The Scene“ eingeschlagen hat.

Ihr habt in einem Interview beschrieben, und ich finde, das liest man zwischen den Zeilen noch viel krasser raus, wie schwer die Geburt von „The Scene“ war, also dieser Reifeprozess, dieses erwachsener werden…

Sebastian (hakt ein): Das war dieses Mal eine Katastrophe, das war absolut hart, weil: Das war damals mit der „Bury Me In Vegas“ diese Core-Richtung, da haben wir alles abgefrühstückt, haben aber auch da schon so ein bisschen experimentiert. Auf der „We Are The Mess“ war es dann noch mal ein bisschen mehr, und mit der „Crystals“ war es auch die konventionelle Metal-Richtung. Wir haben also alles im Vorfeld schon mal verbraten, wo wir mal Bock drauf hatten. Und dann stehst du auf einmal da, gerade wenn du schon ein paar Chartplatzierungen gehabt hast und es funktioniert und ankommt. Und dann musst du eine Schippe drauflegen und dich neu erfinden. Dann musst du nochmal überlegen, was finden wir denn selber gerade geil.

Und mich interessiert: Wie geht es weiter. Wie denkt ihr, werdet ihr den Weg weiter gehen? Wird das nächste Album wieder so eine schwere Geburt oder meint ihr, ihr seid jetzt einmal durch so ein schwieriges Tal gegangen und es wird jetzt doch ein bisschen … anders?

Kevin: Wir sind alle sehr gleichberechtigt, also darf jeder was dazu sagen, und das kann gut sein, kann aber auch total blöd sein, weil: Du hast auf der einen Seite viele Einflüsse, die eine Rolle spielen, auf der anderen Seite ist es aber auch schwer, auf einen Nenner zu kommen. Und dieses „schwere Geburt“, das trifft es ja auch, weil das ein Stück weit auch dazu gehört. Wir trauen uns jetzt mehr.

Sebastian: Ich glaube, das wird dieses Mal noch härter, denn wenn wir jetzt durch dieses Tal hindurch wären, würde das auch heißen, dass wir irgendwo bei dem Stil von „The Scene“ stehen bleiben würden. Ich habe auch keine Ahnung, wie das alles jetzt wird. Wir haben uns jetzt gesagt, wir schreiben einfach mal drauflos …

Kevin: … egal worauf wir Bock haben, und wenn nicht, gucken, was soll’s.

Was beherrscht euch im Moment mehr: das Momentum von „The Scene“, das genießen, oder seid ihr schon auf dem Weg, es ist also schon im Kopf drin…

Sebastian: Das Problem ist, dass du als Musiker jeden Abend dasselbe spielen musst, bei den Proben und auf Tour. Und im Studio, wenn du als Sänger dann die Zeilen einsingst, dann hörst du den Song ja nicht nur einmal, sondern du singst ihn hundert Mal ein. Und ich glaube, als Musiker hast du ganz schnell den Punkt erreicht, dass man auch einfach mal die Schnauze voll hat von der ganzen Platte – die eigentlich ja auch noch neu ist. Und ich glaube, wir freuen uns alle darauf, dass wir jetzt mal wieder von Null anfangen können.

Kevin: Als wir noch knallharten Partycore, oder wie man das nennen will, gemacht haben, da hat ja schon immer Popmusik eine große Rolle gespielt. Unsere Refrains, das waren ja immer solche Singalongs, die hätte man auch in einen Popsong packen können. Und wir hören im Moment auch viele Popsachen, und ich bin total begeistert von gut gemachtem Pop. Wir haben in Deutschland das Problem, dass sich deutsche Künstler fast alle gleich anhören, das ist alles dieser Einheitsbrei, den du da in unserem Radio hörst. Und es muss ja einfach nur ein Basston und eine geile Melodie darauf sein. Das sind ja immer die gleichen Basstöne und die kennt jeder aus jedem Song.

Sebastian: Aber selbst das hat sich ja verändert. Wir haben uns damals immer an den klassischen Sachen wie Katy Perry und Lady Gaga orientiert, aber die aktuelle Popmusik klingt ja ganz anders als vor ein paar Jahren. Damals hattest du eine halbverzerrte Gitarre mit einem schönen Synthie darüber, ein bisschen Kick und eine Snare. Und heute hast du da ein komplettes DJ-Sample drunter gebaut und die Gesangslinien sind auch in eine ganz andere Richtung gedacht. Unser Lieblingsbeispiel sind immer die Twenty One Pilots, die zeigen, in was für eine Richtung sich das entwickelt. Und da musst du als Band natürlich auch umdenken. Im Prinzip macht heute jeder Popstar mit einem DJ was zusammen, und das sind ja keine konventionellen Songs mehr nach dem Prinzip Strophe-Refrain-Strophe-Refrain. Das ist komplett anders.

Kevin: Wir haben jetzt schon ein paar Sachen gemacht. Und ein Beispiel oder Vorbild war der neue Song von The Chainsmokers (gemeint ist „Sick Boy“). Die haben ja auch als DJ’s angefangen und machen jetzt reinen Pop. Das ist total simpel. Und das liegt immer zugrunde. Aber wir wollen immer auch harte Musik machen, immer irgendwie Gitarren einfließen lassen und auch lebendige Musik machen. Aber dieser Popcharakter muss immer mit rein, das ist für uns das Maximum.

Sebastian: Das wird wieder schwierig … aber das wird schon.

Was denkt Ihr, wo sind Eskimo Callboy, wo seid Ihr in 10 Jahren? Es geht nicht nur um die Band, es geht auch um die Menschen, um die Persönlichkeit. Was habt Ihr für Ziele, denkt Ihr überhaupt so weit?

Kevin: Das ist schwierig zu sagen. Weil du einfach viel nicht weißt. Die Musikwelt wandelt sich einfach so schnell. Wir mögen das alles, was wir tun. Dieses auf-Tour-sein, das ist immer eine schöne Sache, aber je älter man wird, desto mehr geraten auch andere Ideale in den Fokus. Nur mal das Stichwort Familie gründen: Wenn du auf Tour bist und der Papa dauernd auf der Rolle ist, dann ist es schwierig, der tolle Papa zu sein. Es ist alles machbar, es gibt genug Künstler, die Kinder und Familie zuhause haben. Viele Väter müssen auch auf Montage, sind die ganze Woche weg und müssen durch die Jobs in andere Städte, mein Vater macht das seit 10 Jahren. Ich glaube, dass für viele von uns Familiengründung mittelfristig eine Rolle spielen wird, weil wir alle unsere Partner haben. Aber Eskimo Callboy ist ja auch ein langer Werdegang, das ist ja unser Baby, und wir werden uns alle nicht beschweren, wenn wir das weiterhin machen können. Aber du brauchst definitiv einen Ausgleich. So wie es große Künstler heute machen, die spielen ja nicht alles, die machen ja nicht vier, fünf Touren im Jahr, sondern die spielen eine fette, geile Tour im Jahr und den Rest machen sie andere Sachen. Die gehen anderen Berufen und Hobbys nach, haben ihre Familien, das ist alles super machbar. Und wenn das in so eine Richtung läuft, dann ist das cool.

Wie wichtig ist ein sicherer Hafen, Familie, Freunde? Wie sehr habt Ihr Euch verändert, durch Alter, Erfolg, Musikerleben? Und wie sehr hat sich Eure Umgebung verändert, also die Menschen um Euch herum?

Kevin: Ich mag das zum Beispiel nicht, wenn mich Freunde und Familie wegen unseres Erfolges metaphorisch auf einen Thron setzen. Also ich nenne das jetzt mal Erfolg, wir sind ja keine Topband auf der Welt, wir haben in unserer Sparte einen gewissen Erfolg und können den genießen. Es ist natürlich etwas anderes, wenn ich tagtäglich im Büro sitze, dann habe ich wahrscheinlich nicht so viel zu erzählen wie jemand wie ich, der auf Tour ist und viel reist. Das verstehe ich auch und dann erzähle ich den Leuten auch davon.

Sebastian: Eigentlich nervt das. Gerade für deine Partnerin ist das schwierig, die hat genauso ihr Leben, aber du kommst zum Beispiel auf eine Geburtstagsfete und bist immer der Mittelpunkt. Und dann kommen solche Fragen wie: Na, Sushi, wie sieht’s denn aus, wann wart ihr das letzte Mal in Japan? Und du denkst: Ich habe diese Story schon zwanzig Mal erzählt. Ich sage dann irgendwann immer: Heute bin ich nur als Sebastian hier, tut mir leid. Aber ich kann das verstehen, dass diese Begeisterung da ist, denn als normale Person in einem normalen Job kannst du ja gar nicht erfassen, was wir so erleben und was für uns ein routinierter Job bedeutet. Aber es nervt dann halt manchmal schon, dass du wirklich darauf reduziert wirst.

Kevin: Wir reden ja jetzt nicht über entfernte Bekannte, die dich dann mal treffen. Das ist für mich was anderes. Aber wenn das meine engsten Freunde sind oder meine Familie, dann würde ich am liebsten sagen: Hey, ich bin relativ wenig da, und ihr macht auch Treffen ohne mich, weil ich eben nicht da bin, wir sind jetzt mal hier, lasst uns mal auf die Band sch…en, lasst uns jetzt mal wie früher hier sitzen, Bier trinken und dumme Witze erzählen, lasst uns einfach mal das machen.

Sebastian: Aber dann fällst du wieder in das nächste Loch, denn dann hast du nichts mehr zu erzählen (Alle lachen.). Das ist wirklich so. Wenn ich mal die Band komplett außen vor lassen würde, dann hast du einfach wenig zu erzählen. Was willst du dann sagen: Ja, ich habe letztens wieder 20 Knöllchen meiner Haustür gekriegt? Was eben im normalen Leben so abgeht. Das ist so etwas, was wir uns in naher Zukunft wirklich wohl mal aneignen müssen, dass man einfach auch mal andere Sachen sieht. Na ja, aber wir sind alle ziemlich faul und in unserem Konstrukt gefangen. Aber zum Beispiel, dass du mal wieder Fußball spielen gehst oder so etwas, dass wir einfach mal was anderes sehen als immer etwas, was mit Musik zu tun hat, und das immer mit denselben Leuten. Das ist etwas, wo man schon in bisschen aufpassen muss, dass man sich nicht komplett in dieser Sache verliert, denn sonst hast du wirklich irgendwann nichts mehr zu erzählen. Aber das kostet natürlich auch Energie, so schön dann auch alles ist.

Letzte Frage: Was ist für Euch die beste Coverversion aller Zeiten? Und, weil es unfair ist, fange ich an: Marilyn Manson mit „Sweet Dreams“.

Kevin: Eine besondere Version, die ich total mag, weil ich auch die Band gerne mal höre: „Word Up“ von Korn, das Cameo-Cover. Den finde ich geil, weil ich auch den originalen Song abgefeiert habe.

Sebastian: Him, „Wicked Game“. Das war so ein ganz ruhiges Ding.

Kevin: Metallica, von der „Garage Inc.“ das Cover von Lynyrd Skynyrd, „Tuesday‘s Gone“. Der ist ganz langsam, Akustik, den fand ich auch mega. Das sind meine beiden, der eine ein bisschen stärker, der andere ein bisschen softer.

 

Okay, das war‘s. Vielen Dank! Euch weiter viel Erfolg und vor allem Durchhaltevermögen!

Hendrik

 

 

 

 

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